TW 73 steht für Tränengaswerfer: Mit diesem Karabiner beschiessen Polizisten normalerweise gewalttätige Demonstranten. Doch für Monika Bühlmann (Name geändert) bedeutet TW 73 das Ende ihrer Arbeit als Bahnpolizistin. Sieben Jahre hatte sie für die Bahn patrouilliert, bis sie an jenem verhängnisvollen Herbstnachmittag vor vier Jahren den Tränengaswerfer ansetzte. Der Rückschlag der Waffe zertrümmerte ihren Oberarm. «Noch heute schmerzt jede Bewegung», sagt sie. An Arbeit ist nicht zu denken.

Niemand steht für den Fehler gerade
Eigentlich sollten Protektoren den Rückschlag der Waffe abfangen. Mit solchem Schutzmaterial war die Bahnpolizistin auch von ihrem Arbeitgeber, der Firma Securitrans, ausgerüstet worden. Doch diese Protektoren waren laut Aussage eines ehemaligen Securitrans-Kadermitarbeiters «nicht geeignet für diese Waffe». Securitrans – eine gemeinsame Tochterfirma der SBB und der Sicherheitsfirma Securitas – war verantwortlich für die Ausrüstung der Bahnpolizistin; die Weiterbildung führte aber die Stadtpolizei Winterthur durch.

Selbst vier Jahre nach dem Unfall steht niemand für den Fehler gerade: Die Haftungsfrage ist ungeklärt. In einem vierseitigen Bericht kommt der Kommandant der Bahnpolizei, Jörg Stocker, nur zum Schluss, dass wohl «eine unbekannte Zahl von Faktoren zusammengespielt haben».

Immerhin hielt sich Securitrans an den Gesamtarbeitsvertrag, bezahlte Monika Bühlmann, die sich sofort einen Anwalt genommen hatte und hartnäckig blieb, während zweier Jahre den vollen Lohn und bot ihr an, in der Einsatzzentrale zu arbeiten. Doch das ging wegen der Schmerzen nicht. Ende 2004 war die Schonfrist abgelaufen: Die Bahnpolizei schickte Bühlmann «aufgrund fehlender Perspektiven» die Kündigung.

Auch Susanne Blum (Name geändert) erhielt eineinhalb Jahre nach einem Unfall den blauen Brief von Securitrans. Die Bahnpolizistin verunfallte während der Ausbildung auf dem Schiessparcours. Nach der zweiten Knieoperation empfahl ihr der Chirurg, sich für eine Stelle im Innendienst zu bewerben. Als dann auch noch Rückenprobleme dazukamen, beschied ihr der ärztliche Dienst: «untauglich als Bahnpolizistin». Blum schlug vor, in die Einsatzzentrale zu wechseln. «Ich hätte mich darauf gefreut, da ich meinen Beruf als Polizistin über alles liebe», sagt sie.

Doch mit ihrem Wunsch stiess sie bei ihrem Arbeitgeber auf taube Ohren. Securitrans-Sprecher Urs Balzli: «Wir haben wiederholt für Mitarbeiter mit gesundheitlichen Problemen eine geeignete Stelle gefunden, doch das war in diesem Fall leider nicht möglich.» Für Heinz Buttauer, Präsident des Verbands schweizerischer Polizeibeamter, unverständlich: «Wer eine Bahnpolizistin, die während der Ausbildung verunfallt, auf die Strasse stellt, handelt unsozial.»

Dass es auch anders geht, zeigt der Fall des Baselbieter Kantonspolizisten Urs Schaub. Er verunfallte vor neun Jahren nicht etwa im Dienst, sondern während seiner Freizeit. Bei einer Skiabfahrt vom Titlis verletzte er sich an der Halswirbelsäule. Die Folge: Schaub konnte nicht mehr auf Streife gehen. «Es stand nie zur Debatte, dass ich nicht mehr bei der Polizei arbeiten darf», sagt er. Er bekommt heute eine 50-Prozent-IV-Rente und arbeitet halbtags in der Abteilung Datenaufbereitung.

Für die ehemalige Bahnpolizistin Susanne Blum ist klar: «Jeder Polizist weiss, dass Unfälle zum Berufsrisiko gehören. Doch wenn etwas passiert, kann man die Leute doch nicht einfach auf die Strasse stellen.»

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