Roger Schaerer möchte es anders machen als Ex-ABB-Chef Percy Barnevik. Dieser sagte einst in einem Interview, dass er sich freue, heute mehr Zeit für seine Enkel zu haben als damals für seine Kinder. «Das ist doch traurig», meint Schaerer dazu. Der Finanzierungsberater für Investitionsgüter möchte nicht erst als Grossvater Zeit für den Nachwuchs haben. Er arbeitet 80 Prozent.

Auch Martin Blattmann, Sozialarbeiter und Vater von zwei Vorschulkindern, bleibt an einem Wochentag zu Hause. «Die Zeit vom Heimkommen nach der Arbeit bis zum Schlafengehen der Kinder ist brutal kurz.» Das reiche kaum, um die Kinder wirklich zu erleben und zu spüren.

Väter, die sich aktiv am Familienalltag beteiligen, sind aber immer noch selten. Nur jeder zehnte Mann arbeitet in seinem Beruf weniger als 100 Prozent – und davon nicht einmal ein Fünftel aus familiären Gründen. Die übrigen Männer tun es für ihre Weiterbildung, ihr Hobby oder wegen einer Krankheit.

80 Prozent? Verdächtig!



Weshalb arbeiten nicht mehr Männer Teilzeit? In Umfragen gibt immerhin jeder sechste an, dies gerne tun zu wollen.

Zum Teil zerschellen diese Wünsche an der harten wirtschaftlichen Realität. Der Ingenieur Laurent Seyler zum Beispiel sagt: «Wenn meine Frau erzählt, was sie tagsüber mit den Kindern unternommen hat, bin ich schon neidisch.» Doch er sieht für sich in der Privatwirtschaft derzeit keine Möglichkeit, sein 100-Prozent-Pensum zu reduzieren. Hat der Ingenieur gerade ein Projekt in Arbeit, muss er sich voll hineinknien. In diesen Stressphasen bleibt ihm höchstens die Zeit für die alltäglichen Pflichten, etwa mit den Kindern die Zähne zu putzen oder sie ins Bett zu bringen. Immerhin kann Seyler in ruhigeren Zeiten Überstunden kompensieren. Den einen oder anderen Tag bleibt er dann zu Hause.

Bereits der Wunsch nach einem 80-Prozent-Pensum macht einen Mann in den Augen vieler Arbeitgeber suspekt. Finanzierungsfachmann Schaerer hat dies bei der Stellensuche erfahren. «Oft habe ich den Verdacht gespürt, dass der Wunsch nach Teilzeit auch einem Teil-Engagement gleichkommt.» Heute arbeitet er als Financial Adviser bei der ABB, wo sein 80-Prozent-Pensum akzeptiert wird. Allerdings ist er auch zum Entgegenkommen bereit. Wenn jemand von einer ausländischen Partnerfirma mal ausgerechnet an einem Donnerstag, Schaerers Familientag, in der Schweiz ankommt, trifft er ihn halt am Bahnhof für eine kurze Sitzung.

«Auf dem Arbeitsmarkt wäre aber viel mehr möglich, wenn die Väter sich wirklich dafür einsetzen würden», ist Andreas Borter vom VäterNetz.CH, einem Zusammenschluss von Fachmännern in der Väterarbeit, überzeugt. Borter möchte keinem Vater ein schlechtes Gewissen einreden, weil er voll arbeitet. «Aber man sollte als Vater ernst nehmen, was Vollzeit bedeutet: nämlich 42 und nicht 70 Stunden.»

Tatsächlich verbringt gemäss einer Studie des Marie-Meierhofer-Instituts jeder vierte Vater eines einjährigen Kindes mehr als 50 Stunden pro Woche am Arbeitsplatz. Wenn das Kind fünf Jahre alt wird, arbeitet schon jeder dritte so viel.

Auf seine Rechte pochen



«Gewiss ist der Druck am Arbeitsplatz heute hoch, aber die Väter sollten auch ihre Rechte kennen», betont Borter. Damit meint er zum Beispiel jenen Paragrafen im Arbeitsgesetz, wonach bei der Zuteilung von Überstunden auf familiäre Pflichten Rücksicht genommen werden muss. Oder dass Väter und Mütter bis zu drei Tage frei nehmen dürfen, wenn ihr Kind krank ist. «Möglicherweise wird es der Arbeitgeber nicht sehr goutieren, wenn jemand plötzlich stur auf diese Paragrafen pocht», räumt Borter ein. Er rät den Vätern deshalb, schon vor dem «Ernstfall» das Gespräch zu suchen.

Teilzeitstellen bringen für einen Betrieb keinesfalls zwangsläufig Nachteile, wie das Beispiel Ikea zeigt. Zusammen mit der Beratungsstelle UND hat das Möbelhaus ein Konzept erarbeitet, wonach jede und jeder sein Pensum auf 80 Prozent reduzieren kann. «Für ein Unternehmen ist es ein Gewinn, wenn die Mitarbeiter gut im Leben stehen», ist Personalchef Stephan Lötscher überzeugt. Zudem sei das Konzept kostenneutral. Nur: «Bisher nahmen es gar nicht so viele Männer in Anspruch.»

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«Was mach ich jetzt nur?»



Tatsächlich ist die Flucht in die Arbeit gerade für junge Väter nicht untypisch. «Wenn sich ein Mann nicht schon vorher Kompetenzen im Haushalt angeeignet hat, ist er mit einem hinzukommenden Baby schnell überfordert», erklärt Väterberater Thomas Huber von der Fachstelle UND. «Viele machen dann lieber einen Rückzieher dorthin, wo sie wissen, wies läuft.»

Sozialarbeiter Martin Blattmann, seit der Geburt des ersten Kindes nur noch zu 80 Prozent angestellt, hat diese Gefahr am eigenen Leib gespürt. «Wenn ich allein auf das Baby aufpasste, dachte ich immer: ‹Was mach ich jetzt nur?›» Aber wenn es beim ersten Mal nicht funktioniere, klappe es beim zweiten oder dritten Mal. Und zum Thema Hausarbeit meint er: «Meine Frau erledigt immer noch alles schneller und besser als ich. Ich versuche einfach mein Bestes – und damit muss sie leben.»

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Weitere Infos



Fachstelle UND – Familien- und Erwerbsarbeit für Männer und Frauen (begleitete Austauschgruppen, Kurse und Beratung für Paare und Einzelpersonen): www.und-online.ch

Regionale Kontaktstellen:
Basel, Telefon 061 283 09 83
Bern, Telefon 031 839 23 35
Luzern, Telefon 041 497 00 83
Zürich, Telefon 044 462 71 23

Internet-Links:
www.hallopa.ch

www.fairplay-at-work.ch

www.avanti-papi.ch


Buchtipp



Andreas Borter (Hrsg.): «Handbuch VäterArbeit. Grundlagen und Impulse für Väter und Verantwortliche in Betrieben und Organisationen»; Rüegger-Verlag, 2004, 80 Seiten, 48 Franken