Die Enttäuschung ist Robert Wittwer, einem ehemaligen Prokuristen in der Wertschriftenadministration, noch heute anzumerken – über ein Jahr nachdem er von der Banca Unione di Credito (BUC) in Zürich, die zum Fiat-Konzern gehört, entlassen wurde. Zehn Monate vor seiner regulären Pensionierung mit 65. Der Prokurist hatte 16 Jahre lang bei der Bank gearbeitet. Noch ein Jahr vor seiner Entlassung war seine Arbeit ausdrücklich gelobt und mit einem Bonus belohnt worden. Er müsse keine Angst um seinen Arbeitsplatz haben, wurde ihm versichert. «Und dann das», so Wittwer. «Es war ein Schlag aus heiterem Himmel.»

Unerhört findet das frühere Kadermitglied den Zynismus der Bankverantwortlichen gegenüber den Angestellten und der Allgemeinheit. «Als ich entlassen wurde, hat der Direktor im Übrigen gesagt, jetzt wolle man die Arbeitslosenkasse noch etwas bluten lassen, schliesslich habe man genug Firmenbeiträge einbezahlt.» Der frühere Prokurist ging stempeln und musste sich pro forma und ohne Chancen um Stellen bewerben. Lohnausfall und Kürzung der Pensionskassenrente hätten ihn rund 50000 Franken gekostet. Von einem Sozialplan war nie die Rede.

Kurz vor der Pensionierung entlassen


Die langfristigen finanziellen Folgen sind hart. Statt einer monatlichen Pension erhielt er bloss die Freizügigkeitsleistung ausbezahlt. Wittwer rechnet vor, was das bedeutet: «Wenn ich jeden Monat so viel verbrauche, wie ich als Pension ausbezahlt bekommen hätte, reicht das ganze zwölf Jahre. Der Direktor, der mich entliess, sagte noch mit scheinbarer Anteilnahme: ‹Ich nehme an, dass sie aufgrund Ihrer finanziellen Verhältnisse schon über die Runden kommen.›» Zum finanziellen Schaden kommt die demütigende Erfahrung, als langjähriger Mitarbeiter mit einem Fusstritt auf die Strasse gestellt zu werden.

Mindestens neun ältere und langjährig Beschäftigte – mehr als ein Drittel der Belegschaft – entliess die BUC innerhalb von anderthalb Jahren. Die Entlassungen erfolgten gestaffelt, damit sie – wie eine Betroffene vermutet – kein Aufsehen erregten und ein Sozialplan umgangen werden konnte. «Ich nannte das ‹Zehn kleine Negerlein›», erzählt mit Galgenhumor die 62-jährige Kristina Karumaa. «Ich habe mich dabei immer gefragt, wann es wohl mich treffen würde.» Neun Monate vor ihrer Pensionierung war sie dran.

Hart trifft es auch Wittwers Ex-Kollegen Hans Sierach. Er wurde von der BUC mit 60 entlassen. Seit einem Jahr bemüht sich Sierach erfolglos um eine Stelle. Bis August 2005 kann er Arbeitslosengeld beziehen. Seine Ersparnisse hat er in sein Haus investiert. Weil er einen Sohn in Ausbildung unterstützen muss und seine Einkünfte nun wesentlich tiefer sind, befürchtet er, sein Haus verkaufen zu müssen. Er versucht alles, um kein Sozialfall zu werden. Hätte er bis 65 arbeiten können, wäre sein Pensionskassenkapital um 200000 Franken geäufnet worden. Als Sierach nach 17 Jahren entlassen wurde, erhielt er zum Abschied drei Flaschen Wein.

«Mehr als würdevoll behandelt»


Aufgrund der Aussage, es würden in den nächsten zwei Jahren keine Leute entlassen, erwartete Sierach von seinem ehemaligen Arbeitgeber eine Abfindung von 60000 Franken, was in dieser Branche nicht unüblich ist. «Nach gründlicher Prüfung», teilte das Geldinstitut dem geschassten Mitarbeiter mit, könne die Bank diesem Begehren «leider keine Folge leisten». In einem Wiedererwägungsgesuch, das die Verantwortlichen in Zürich ebenfalls abschlägig beantworteten, fragte Sierach: «Haben die Herren in Lugano kein Herz, gehen sie über Leichen?»

Die Fragen sind berechtigt. Auch die inzwischen 63-jährige Heidi Bassette wurde 13 Monate vor ihrer Pensionierung völlig überraschend auf die Strasse gestellt. Als «Abschiedsgeschenk» bot man der Prokuristin für die Dienstzeit von fast 20 Jahren einen halben Monatslohn an. Sie verlor wegen der vorzeitigen Kündigung einige zehntausend Franken. Auf die Frage nach einem Abschiedsgeschenk antwortet eine frühere Angestellte, die 27 Jahre bei der BUC gearbeitet hatte: «Abschiedsgeschenk? Was stellen Sie sich vor?»

«Noch wenige Monate bevor ich Knall auf Fall freigestellt wurde, sagte der damalige Direktor, in den nächsten zwei Jahren gebe es keine Entlassungen», erzählt die ebenfalls geschasste Erika Loser. Die 51-Jährige, die bis jetzt ohne Erfolg eine neue Stelle sucht, war während 20 Jahren für die Fiat-Tochter tätig. Sechs der damals Anwesenden hielten diese Aussage protokollarisch fest; in der Zwischenzeit wurden sämtliche von ihnen hinausgestellt. Die meisten der Entlassenen wurden eines Vormittags einzeln zum Direktor zitiert, der von einem Personalverantwortlichen des Hauptsitzes in Lugano und einem externen Rechtsanwalt flankiert wurde. Nachdem die Kündigung ausgesprochen war, mussten sie in der Regel den Schlüssel abgeben und noch am gleichen Tag den Arbeitsplatz für immer verlassen.

Als Entlassungsgrund gaben die Bankverantwortlichen jeweils «Umstrukturierung», «Rationalisierung» oder «Reorganisation» an. Die zwischen 50 und 64 Jahre alten Entlassenen mit teilweise über 30 Dienstjahren seien aber durch jüngere und günstigere Arbeitskräfte ersetzt worden, sagen die Entlassenen. Der Schweizerische Bankpersonalverband (SBPV) erfuhr erst durch den Beobachter von diesen Vorfällen. Zentralsekretärin Mary-France Goy zeigte sich empört und schrieb einen Expressbrief nach Lugano. Eine Antwort steht aus.

Gemäss den Vereinbarungen des SBPV mit den Arbeitgebern – die BUC ist Mitglied der Tessiner Bankiervereinigung – hätte der SBPV informiert werden müssen, sagt Goy. Gegenüber dem Beobachter verwies der Direktor der Zürcher Niederlassung der BUC auf deren Hauptsitz in Lugano; die Entscheidungen würden dort getroffen. Für die BUC antwortete ein Luganeser Rechtsanwalt: Die wegen Umstrukturierungen Entlassenen hätten materielle Entschädigungen erhalten, die über das rechtliche oder vertragliche Minimum hinausgegangen seien. Es seien zudem keine Zusicherungen gemacht worden, dass es keine Kündigungen gebe. Dort, wo es «leider» Entlassungen gegeben habe, sagte der Anwalt, habe man die Gekündigten «mehr als würdevoll behandelt».

Kein Geld für Abgangsentschädigungen


Weder bei ihrem Abgang noch während ihrer Zeit bei der BUC waren die Entlassenen vergoldet worden. Einige sagen, sie hätten während Jahren weder Lohnerhöhung noch Teuerungsausgleich erhalten. Im besten Fall gab es ausnahmsweise eine Prämie von einigen hundert Franken.

Von den Entlassenen, die weiterhin arbeiten müssen, hat noch niemand eine neue Stelle gefunden. Für branchenübliche oder wenigstens anständige Abgangsentschädigungen oder einen Sozialplan reichte es bei der BUC nicht; dafür ist immerhin Geld vorhanden, um den Eishockeyclub Lugano zu sponsern. Aber das ist ja etwas anderes.

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