Olga ist blond. Claudia auch. Olga ist schön. Claudia auch. Für ein vierstündiges Fotoshooting erhält Olga 350 Franken. Claudia 9000. Olga heisst Lehmann und figuriert als Nummer F-43 in einem Katalog für Amateurmodelle. Claudia heisst Schiffer und ist zurzeit das bestbezahlte Model der Welt. Ihr Jahreseinkommen wird auf zwölf Millionen Mark geschätzt. Nur fürs Schönsein. Oder wie ihre kanadische Kollegin Linda Evangelista den Beauty-Tarif schnöde durchgibt: «Unter 10'000 Dollar steige ich gar nicht erst aus dem Bett.»

Zickige Gören mit Drogenproblemen
Das Geschäft mit der Schönheit nimmt dekadente Ausmasse an. Waren die Mannequins vor 15 Jahren hübsche, aber unbekannte Gesichter auf Titelblättern, so sind die Laufsteggöttinnen heute Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens – bekannter als Schauspieler, Politiker oder Musiker. Dass die oft zickigen Divas immer wieder für negative Schlagzeilen sorgen und viele von ihnen mager-, alkohol- oder drogensüchtig sind, scheint niemanden zu stören.

«Ich habe Monster erschaffen», sagte John Casablanca, Chef der weltweit grössten Modelagentur Elite, selbstkritisch in einem «Spiegel»-Interview. Die Designer hätten geholfen, mit immer höheren Gagen die Wahnsinnsspirale nach oben zu schrauben. Das Resultat seien lebensuntaugliche Geschöpfe, grössenwahnsinnige Gören, «denen eigentlich eins hinter die Ohren gehörte». Mit dieser Begründung warf John Casablanca jedenfalls eine seiner erfolgreichsten und gleichzeitig apartesten «Eigenkreationen» aus der Agentur: Naomi Campbell.

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Von den Medien glorifiziert, von den Frauen beneidet, von den Männern begehrt – und von Teenagern bis zur Magersucht imitiert: Fotomodell ist und bleibt der weibliche Traumjob Nummer eins. Auch wenn hinlänglich bekannt ist, dass im Beauty-Business nur bestehen kann, wer die Disziplin eines Zehnkämpfers hat.

«Schön sein – und den Mund halten», heisst die Devise. Aber immer öfter erzählen die Superschönen von der hässlichen Seite der Glitter-Glamour-Medaille. «Bei Fotoshootings wirst du wie ein Stück Vieh behandelt», klagt Ex-«Miss Schweiz» Tanja Gutmann. Und Cindy Crawford beschreibt sich als «Ware, die jeder haben will und fünf Stunden am Tag von irgendwelchen Leuten angefasst wird».

Das junge Topmodel Guinevere van Seenus ist an der branchenüblichen mörderischen Mischung aus geistiger Kälte und körperlicher Intimität zerbrochen: Nach einem kometenhaften Aufstieg in den Model-Olymp erlitt sie den totalen physischen und seelischen Zusammenbruch.

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Nichtsdestotrotz: Wenn die Agentur Elite zu ihrem jährlichen «Model-Look»-Wettbewerb bläst, melden sich weltweit 35'0000 Mädchen. Ein Supermodel ist erfahrungsgemäss nur alle drei Jahre darunter.

Und die anderen? «Die laufen mit ihrem Portfolio von Agentur zu Agentur. Viele hören erst auf zu träumen, wenn sie zünftig auf ihre schönen Nasen gefallen sind», sagt Christa Stutz, Inhaberin der Zürcher Modelagentur Special, eine der grössten und ältesten Schweizer Agenturen für nichtprofessionelle Modelle.

Christa Stutz weiss, dass sich in ihrer Branche viele schwarze Schafe tummeln. Sie hat genügend zweitklassige Fotos gesehen, so genannte Setcards, für die die Bewerber und Bewerberinnen horrende Preise bezahlt haben – auf das versprochene Engagement warten sie noch heute. «Eine realistische Selbsteinschätzung ist der beste Schutz vor Gaunern», sagt Christa Stutz. «Seriöse Agenturen verdienen ihr Geld mit der Vermittlung der Modelle und nicht mit der Aufnahme in irgendeine Pseudokartei.»

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Täglich werden Träume zerstört
«Special» akzeptiert auch Privatbilder. Wer will, kann sich für hundert Franken professionell ablichten lassen. Der gute Ruf der Agentur hat sich nicht nur bei Auftraggebern herumgesprochen: Pro Tag rufen mindestens zehn Models an. Die erste Selektion geschieht per Telefon, die zweite nach den zugesandten Fotos.

Dass sie täglich mehrere Träume zerstören muss, gehört für Christa Stutz zum Beruf: «Den Leuten etwas vorzumachen wäre schlimmer. Und kleine Träume kann ich durchaus erfüllen», sagte die 46-jährige Mutter von vier Kindern, die selbst Modelformat hat, aber nie von einer Profikarriere träumte. «Das Profi-Business ist mir zu kalt.» Darum hat sie sich auch den Amateuren verschrieben, mit denen sie ein herzliches Verhältnis pflegt.

Aus ihrer Kartei lächeln rund 1000 Menschen – vom einjährigen Kind bis zur 85-jährigen Oma – und einige fotogene Haustiere. Es sind Hausfrauen, Studenten, Schauspieler: Leute, die dankbar sind für den Zusatzverdienst – oder Menschen, die gern einen Hauch von Jetset erleben. Stutz nennt sie nicht Models, sondern Modelle. Und sie werben nicht für die Haute Couture von Gucci & Co., sondern für Zahnpasta und Wegwerfwindeln.

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