Das Vorstellungsgespräch verlief ungewöhnlich – es fand nämlich gar nicht statt. «Man sagte mir, ich solle einem Mann in die Küche folgen», sagt Guillermo Sosa*. «Dort wusch ich sechs Stunden lang Geschirr ab», erzählt der mit einer Schweizerin verheiratete Südamerikaner. Er hatte sich Ende August bei der Pilatus-Bahnen AG beworben, der Betreiberin der Restaurants auf dem Innerschweizer Ausflugsberg.

Kein Lohn am Schnuppertag

Sosa kann einige Tage darauf auf dem Pilatus beginnen, kündigt aber bereits nach einer Woche wieder: «Ich wusch bis zu zwölf Stunden am Tag ab, hatte aber noch immer keinen Arbeitsvertrag, wurde ständig nur vertröstet.»

Den Vertrag findet Sosa erst in der Post, als er gekündigt hat. Und staunt gleich doppelt: Erstens ist darin ein nie zuvor erwähnter Verpflegungsabzug von 270 Franken aufgeführt, womit sein Nettolohn auf 2700 Franken sinkt. Und zweitens macht die Pilatus-Bahnen AG keine Anstalten, ihn für die sechs geleisteten Arbeitsstunden am Tag seines vermeint­lichen Vorstellungsgesprächs zu entschädigen.

«Im Gastgewerbe ist es verbreitet, Stellensuchende gratis arbeiten zu lassen», sagt Co­lette Kalt, Leiterin Kommuni­kation der Gewerkschaft Syna. Stellenbewerber würden dazu häufig zu Schnuppertagen aufgeboten. Diese müssen laut Arbeitsgesetz im Gegensatz zu Probetagen zwar nicht bezahlt werden. Allerdings schreibt das Gesetz auch vor, dass beim Schnuppern keine Arbeits­leistung verlangt werden darf. Doch genau das passiert in der Praxis häufig. Vor allem bei Küchenhilfen.

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Für die Pilatus-Bahnen ist alles in Ordnung. Sosas Vertrag entspreche den Vorgaben des Gesamtarbeitsvertrags, teilt ihm Beat Wälti, Leiter Marketing und Verkauf, mit – Sosa ­habe ihn erst spät erhalten, weil vertragsrelevante Abklärungen notwendig gewesen seien. Und: Der erste Arbeitstag werde selbstverständlich bezahlt. Die ausstehende Zahlung erhielt Sosa erst, nachdem der Beobachter sich eingeschaltet hatte.

Vor Antritt vereinbaren

Mehr Glück hatte ein Stellenbewerber, der im Zürcher In-Lokal «Kaufleuten» fünf Stunden abwaschen musste, bevor er mit dem Hinweis heimgeschickt wurde, er werde dafür nicht bezahlt. Erst als sich seine Frau an den Kaufmännischen Verband wandte, in dessen Gebäude das Lokal eingemietet ist, erhielt der Mann sein Geld.

Colette Kalt von der Syna rät Stellenbewerbern daher Folgendes: «Sie sollten vor Antritt einer Schnupper- oder Probearbeitszeit eine schriftliche Vereinbarung verlangen, die die Arbeitsleistung und die Ent­löhnung regelt.»

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*Name geändert