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GemeinwohlSchöne Worte, wenig Taten

Wenn Unternehmen sozial und ökologisch werden sollen, braucht es Zwang. Die Firmen ­sehen das natürlich anders.

Manche Firmen brüsten sich mit ökologischem und sozialem Verhalten, setzen es aber nicht um.
von

Soziale Verantwortung? Schöner Begriff, doch gleich klingeln die Alarmglocken: leeres PR-Geschwätz. «Die Verantwortung wird so weit umgesetzt, wie sie sich noch rechnet, also der Gewinnsteigerung dient», sagt auch Peter ­Ulrich, emeritierter Professor für Wirtschaftsethik. Erst seit einigen Jahren wachse die Einsicht, dass es dabei auch um die Integrität der Firma geht.

Vor allem bei grossen, internationalen Firmen hat sich ein Nachhaltigkeitsma­nage­ment etabliert. Bei den 310'000 kleinen und mittleren Unternehmen in der Schweiz dagegen ist die Haltung unterschiedlich, sagt Paola Ghillani. Sie berät Firmen bei der Schaffung von Nach­haltigkeit. Die ehemalige Geschäftsführerin der Max-Havelaar-Stiftung stützt sich dabei etwa auf den UN Global Compact. Dessen zehn Vorgaben für nachhaltige Firmen ­umfassen unter anderem Bildung, gute ­Arbeitsbedingungen, Gemeinschaftskultur, keine Diskriminierung, Gewerkschaftsfreiheit, Regelungen gegen Korruption.

«Bei vielen kleineren Firmen will man möglichst alles richtig machen», so Ghillani. Soziale Verantwortung sei in den KMUs oft bereits traditionell verankert. «Doch häufig wird sie nicht bei allen Zielsetzungen mitgedacht und mitgeplant.»

Dem guten Ruf verpflichtet

Firmen können sich in verschiedenen Netzwerken zu Nachhaltigkeit verpflichten – freiwillig. Das älteste, 1989 gegründet, ist die Öbu, das Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften. «Gemeint ist damit die ökologische, soziale und ökonomische Dimension, alle drei greifen ineinander», erklärt Geschäftsleiterin Gabi Hildesheimer. Zur Öbu gehören 400 Firmen, die zusammen rund eine halbe Million Arbeitsplätze anbieten. Wer Mitglied werden will, muss anhand einer Checkliste die eigenen Leistungen überprüfen. «Die Unternehmen verpflichten sich, jährlich einen Nachhaltigkeitsbericht zu erstellen und über die erreichten Ziele Buch zu führen», so ­Hildesheimer. Verpflichtend wirkt auch, dass die Firmen im Netzwerk öffentlich aufgeführt sind.

2012 untersuchte die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften die Nachhaltigkeitsaktivitäten von Schweizer Firmen. Befund: wachsendes Interesse, aber noch reichlich Luft nach oben. Immerhin die Hälfte integriert Nachhaltigkeitsthemen ins Management, ein knapper Drittel berücksichtigt die Auswirkungen auf alle mit der Firma verbundenen Menschen, die sogenannten Stakeholder. Als wichtigste Gründe für ihr Engagement nannten 50 Prozent der Betriebe die Stärkung der Kundenbindung und die Verbesserung des Rufs, 37 Prozent die Verantwortung gegenüber nachfolgenden Generationen. Doch aktiv in Netzwerken für Nachhaltigkeit engagieren sich nur 40 Firmen.

Viele Firmen wünschen Vorschriften

Der Schweizerische Gewerbeverband als grösste KMU-Vertretung überlässt es den einzelnen Firmen, wie sie Verantwortung gegenüber der Gesellschaft wahrnehmen. Henrique Schneider, Ressortleiter Wirtschaftspolitik, sagt: «Soziale Verantwortung stand immer im Fokus der KMUs, vor allem beim freiwilligen Engagement für die Allgemeinheit und in der Bildung.» Ob das unter der Bezeichnung «soziale Verantwortung», aus allgemeiner ethischer Überzeugung oder aus wirtschaftlichem Interesse geschehe, sei letztlich unwichtig.

Zusätzliche Regelungen für Nachhaltigkeit lehnt der Verband ab. Laut oben­genannter Studie wünschen sich allerdings 43 Prozent der Firmen strengere gesetz­liche Vorschriften für nachhaltiges Wirtschaften. Etliche davon mit der Begründung, dass Freiwilligkeit wenig bringe und für Greenwashing missbraucht werde, also ein Feigenblatt sei.

Als einziger Wirtschaftsverband setzt sich Swisscleantech mit Nachdruck für ­Regelungen ein, die Nachhaltigkeit systematisch belohnen. «Nur so gewinnt man die Mehrheit der Unternehmen, auf freiwilliger Basis bleibt sie eine Nische», erklärt Präsident Nick Beglinger. Er betont: «Die Politik muss dafür sorgen, dass die Wirtschaft nicht zulasten der Gesellschaft und der Umwelt Gewinne macht.»

Weitere Infos

Marco Wenger, Horgenglarus, 50 Angestellte, Glarus (Foto: Anne Gabriel-Jürgens)
Quelle: Thinkstock Kollektion

Marco Wenger: «Als Erstes teilten wir allen mit, dass sie bleiben können»

Vor über 100 Jahren zog die «Möbeli», wie sie im Ort genannt wird, in die Backstein­fabrik in Glarus ein. Letztes Jahr wurde sie an die deutsche Nordeck-Gruppe verkauft. «Als Erstes teilten wir den Mitarbeitern mit, dass alle bleiben können», erzählt ­Geschäftsleiter Marco Wenger. «Wir wollen nicht um jeden Preis Gewinn machen und immer wieder neue Modelle auf den Markt bringen, sondern die Qualität halten.»

Das verarbeitete Holz stammt aus dem ­Jura. Von der Bearbeitung bis zur Aus­lieferung wird alles in der Fabrik gemacht. Die Lieferanten für Werkzeug, Farben, Packmaterial sind aus der Region, eine ­gemeinnützige Stiftung stellt die Farb­kataloge her. Geheizt wird mit Holzabfällen, die Maschinen werden in eigener Werkstatt gewartet. Und auch ein 58-Jähriger findet bei Horgen­glarus noch eine Stelle; bei ­gesundheitlichen Einbussen wird die Arbeit angepasst. «Probleme werden diskutiert, bis alle fünf Abteilungsleiter hinter der ­Lösung stehen.» Eine Umfrage brachte an die 100 Verbesserungsvorschläge, die Tagesproduktion konnte von 80 auf 90 Stühle erhöht werden. Solche Erfolge feiert man zusammen bei einem Apéro.

Renat Heuberger, South Pole Carbon AG, 110 Angestellte, Zürich (Foto: Dominique Meienberg)
Quelle: Thinkstock Kollektion

Renat Heuberger: «Natürlich geht es auch ums Image»

Der Pinguin im Logo verweist auf den ­Klimawandel: South Pole Carbon macht Geschäfte mit der CO2-Kompensation und berät Firmen bei der Reduktion von Treib­hausgasen. Seit 2006 verfolgen die Gründer das Ziel, Wirtschaftlichkeit und globale ­soziale Verantwortung miteinander zu ­verbinden. Erfahrung brachte Renat ­Heuberger, der 36-jährige CEO, aus der Stiftung Myclimate mit. Bis heute hat ­South Pole Carbon 300 Projekte in 25 ­Ländern aufgebaut, mit denen 20 Millionen Tonnen Treibhausgase eingespart wurden – das entspricht dem CO2-Ausstoss des Schweizer Strassenverkehrs pro Jahr.

Von 110 Mitarbeitenden arbeiten 30 in der Schweiz, die anderen suchen in aller Welt geeignete Projekte wie Windkraft­werke, Biogasreaktoren oder Aufforstungen, zertifizieren sie und sichern die Kontrolle. Beispiel: Coop Schweiz begann 2007, Rosenlieferungen aus Kenia mit Zertifikaten für energieeffiziente Kochherde zu kompensieren, heute gleicht man den gesamten CO2-Ausstoss für Transporte aus. Direkter Nutzen vor Ort: bessere Luft, Arbeitsentlastung für die Frauen, weniger Abholzung.

Nachdem verbindliche Reduktionsziele ­politisch gescheitert sind, setzt die Firma auf freiwilliges Engagement. «Natürlich geht es dem Unternehmen ums Image, doch Kompensation funktioniert nur mit einer verbindlichen Umweltstrategie», ­erklärt der CEO. Wer bei South Pole ­Carbon arbeitet, steht hinter den Zielen der Firma und pendelt mit dem Velo und dem öffentlichen Verkehr, der Chef fliegt nur geschäftlich. Angestellte erhalten zwei Wochen Vaterschaftsurlaub, Eltern­urlaub, Teilzeitpensen und Heimarbeitsmöglichkeit. «Wir verdienen Geld mit Umweltschutz – mit einem Mehrwert für die ganze Gesellschaft.» Dafür wurde das Unter­nehmen mehrfach ausgezeichnet.

Veröffentlicht am 29. Oktober 2013