Quelle: Thinkstock Kollektion

Es läuft die zweitletzte Minute im Viertelfinale der Fussball-Europameisterschaft 2004. Zwischen England und Portugal steht es 1:1. Doch dann erzielen die Kicker von der Insel noch ein Tor. Der Jubel ist gross. Bis Urs Meier, Spitzenschiedsrichter aus der Schweiz, ein Foulspiel pfeift. Das Tor wird annulliert. Meier sagt später dazu: «Ich habe das Foul zwar nicht selber gesehen – es war ein Bauchgefühl.» Am Ende verliert England das Spiel, daraufhin führen englische Medien tagelang eine Hatz. «Urs-Hole» wird der Schweizer in der britischen Presse betitelt, von verärgerten Fans bekommt er 16'000 Hass-Mails.

Später zeigt sich, dass Meier zu Recht auf seinen Bauch hörte: Eine TV-Kamera, die hinter dem Tor stand, zeichnete auf, wie ein Engländer ein Foulspiel beging, als die Mannschaft den vermeintlichen Siegestreffer erzielte.

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«Meistens richtig»

Acht Jahre später ist Meier nicht mehr Schiedsrichter, sondern Unternehmensberater. Er hält Vorträge vor Führungsleuten zum Thema «Entscheidungen unter Druck». Und auch im Geschäft zählt er auf sein Bauchgefühl. Es gebe immer einen Kampf zwischen Verstand und Intuition. «Manager haben vielfach das Problem, dass sie den Bauch abschalten. Aber Bauchentscheide sind meistens die richtigen Entscheide», sagt er.

Der Manageralltag ist von Entscheidungen geprägt, mitunter sogar von entscheidenden – nicht umsonst heissen die Verantwortlichen Entscheidungsträger. Kaufen, Verkaufen, Sanieren, Entlassen, Einführen oder Abschiessen? Vieles davon wird beschlossen, ohne dass man sich der zugrunde liegenden Mechanismen klar ist – spontan, intuitiv. Auch wenn es kaum einer auf den Teppichetagen zugibt.

Der deutsche Psychologe Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin zeigt auf, dass der intuitive Weg meist einfacher und kostengünstiger ist. Er führe zudem in vielen Fällen auch zu gleichwertigen, manchmal sogar besseren Ergebnissen als die rationale Anstrengung. Die «Fähigkeit, ohne Nachdenken zu erkennen, auf welche Regel wir uns in welcher Situation zu verlassen haben», sei ein intelligentes Potenzial, sagt er. Jedoch sei das Ganze in einen «Nebel der Ungewissheit» gehüllt.

Und genau das macht es so diffus. Es gibt auch Stimmen aus der esoterischen Ecke, die das Bauchgefühl auf eine höhere Ebene heben. Die Intuition sei ein Geschenk des Universums, die Verbindung zu einem übergeordneten System.

Auf Derartiges spricht das Bauchgefühl des Homo oeconomicus schlecht an. Für ihn ist Intuition nichts weiter als die ganzheitliche, aber unbewusste Verarbeitung und Bewertung aller uns im Moment bekannten Wahrnehmungen, Eindrücke und Erkenntnisse.

Was nichts anderes bedeutet, als dass je nachdem, welche Fakten und Informationen vorliegen, völlig unterschiedliche Intuitionen entstehen können. Aus diesem Grund kann unser erstes Bauchgefühl, das auf der Basis unvollständiger Informationen entsteht, komplett von der intuitiven Bewertung, die wir nach einer sorgfältigen Analyse entwickeln, abweichen. Intuition ist somit lernfähig.

Der US-Psychologe und Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahnemann nennt zwei Faktoren, die für den Erfolg des Bauchgefühls ausschlaggebend sind: Erstens müssen klare und stabile Beziehungen zwischen Hinweisen und daraus folgenden Ereignissen bestehen und zweitens muss das Umfeld schnelle und eindeutige Feedbacks geben, ob der Entscheid richtig war.

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Das ist bei Geschäftsentscheiden oft der Fall. Trotzdem beruft sich kaum ein Manager auf sein Bauchgefühl. Denn die Tatsache, dass jeder Beschluss einiger Tragweite von Verwaltungsräten, Aktionären und Medien sofort hinterfragt wird, führt dazu, dass auch intuitive Entscheide aus der Chefetage zumindest im Nachhinein rational begründet, mit Argumenten unterlegt und erklärt werden müssen.
Das zwingt auch den Bauchentscheider zum vertieften Nachdenken, Rechnen, Analysieren. Wodurch er seine nachfolgenden Intuitionen verbessern oder zumindest korrigieren kann.

Die Kunst nicht nur im Change Management, sondern auch bei jeder anderen Entscheidung ist es somit, Rationalität und Intuition zusammenzuführen. Winfried Berner, Diplompsychologe, Autor und Coach, sagt es so: «Aus Rationalität und Intuition einen Gegensatz zu machen ist ungefähr so intelligent, wie einen Gegensatz zwischen Sehen und Hören zu konstruieren und dann zu behaupten, dass das Hören der überlegene Weg der Wahrnehmung sei.»

Daraus folgt eine scheinbar paradoxe Entscheidungsregel, die Verstand und Intuition auf höchst einfache Weise zusammenbringt. «Analysieren Sie so rational wie irgend möglich alle verfügbaren Fakten. Und wenn Sie alles durchgearbeitet und durchdrungen haben, lassen Sie es sich setzen – und entscheiden Sie dann ‹aus dem Bauch heraus›!», heisst es bei Berner. Im Volksmund kennt man das Vorgehen als «nochmal drüber schlafen».

Und Wirtschaftsnobelpreisträger Kahnemann sagt: Wahre Experten wissen, wann sie nicht wissen. Nicht-Experten wissen nicht, wann sie nicht wissen. Subjektives Vertrauen ist in diesen Fällen keine verlässliche Vorhersage über die Qualität intuitiver Entscheide. Also: Erst Wissen sammeln, dann auf den Bauch hören.

So betrachtet sind auch auf den ersten Blick völlig unerklärliche Entscheide wie der Foulpfiff von Schiedsrichter Urs Meier durchaus begründbar. «Fünf Jahre früher hätte ich diesen Entscheid nie gefällt. Natürlich spielt auch die Erfahrung eine grosse Rolle für richtige Entscheide», sagt der Ex-Ref im Nachhinein.