Die Ankündigung der «einmaligen Massnahme» kam völlig überraschend: «Alle Mitarbeitenden müssen bis Ende des laufenden Jahres unbezahlten Urlaub beziehen», teilte die BTI Kuoni Geschäftsreisen AG ihren Angestellten Ende April mit. Wer unter 4000 Franken verdient, muss eine Woche in die Ferien, wer mehr verdient, gar zwei Wochen. Begründet wird die Massnahme mit dem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld, den Folgen des Irak-Kriegs und der Lungenkrankheit Sars.

Aus Angst wird unterschrieben

Die Firma ist eine Tochter der Kuoni Reisen AG und Marktleader der Schweizer Businessreisenanbieter. Sie beschäftigt etwa 540 Mitarbeiter und kam 2001 auf einen Umsatz von 75,9 Millionen Franken.

Die Angestellten hatten nur zwei Wochen, um ihr schriftliches Einverständnis zu den Zwangsferien zu geben, die der Firma Einsparungen von rund einer Million Franken bringen. «Wir haben alle Angst, den Job zu verlieren. So unterschreiben die meisten», sagt ein empörter Mitarbeiter. Ein halber Monatslohn weniger sei für ihn gravierend, da die Löhne in der Reisebranche generell nicht hoch seien. Zudem hätten viele Kollegen eine Familie zu ernähren. Er fragt sich, was noch kommt: «Wenn die Firma aufgrund der Wirtschaftslage Leute entlassen muss, dann tut sie es doch trotzdem.»

Eine begründete Befürchtung, denn im Schreiben der Firma heisst es weiter: «Die Arbeitsplätze bleiben weitgehend erhalten. Sollten Entlassungen trotzdem unvermeidbar werden, werden die individuellen Stärken unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeitnehmer- und arbeitgebergerecht in Betracht gezogen.» Diese unterschwellige Botschaft setzt die Angestellten zusätzlich unter Druck.

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Mit ihrem Vorgehen verstösst die Kuoni Geschäftsreisen AG auch gegen das Gesetz, denn ein Arbeitgeber darf die Angestellten nicht ohne deren Einverständnis zu unbezahlten Ferien verdonnern: Laut Daniel Tiboldi, Leiter des Rechtsdienstes des Kaufmännischen Verbands Zürich, handelt es sich beim Vorgehen um eine Massenvertragsänderung. Diese untersteht den gleichen gesetzlichen Regeln wie eine Massenentlassung. Das bedeutet: Die Angestellten müssen im Voraus informiert werden und die Möglichkeit erhalten, ihrerseits Vorschläge zur Kostenreduktion einzubringen – dies geschah im Fall der Kuoni-Tochter nicht.

«Den Entscheid hat die Geschäftsleitung gefällt», rechtfertigt Kuoni-Kommunikationschef Stephan Wehrle dieses Vorgehen. «Wir konnten nicht die gesamte Belegschaft anhören, haben die Massnahme aber auf verschiedenen Führungsstufen diskutiert.» Für viele Mitarbeiter sei der Lohnausfall keine leichte Sache, in Härtefällen würden aber individuelle Lösungen angeboten. Insgesamt sei dieses Vorgehen sehr positiv aufgenommen worden.

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Die Konkurrenz machts besser

Auch das obere Kuoni-Kader wird in die Ferien geschickt: Laut Wehrle müssen die Chefs dieses Jahr eine Woche unbezahlten Urlaub nehmen.

«In diesem Ausmass habe ich so eine Aktion noch nie erlebt», kommentiert der Rechtsexperte Daniel Tiboldi die Kuoni-Massnahme. Mitarbeiter bräuchten da ein «enormes Standvermögen, um so einen Brief nicht zu unterschreiben».

Dass es sozialverträglicher geht, beweisen andere grosse Reiseveranstalter. Hotelplan legt seinen Angestellten nahe, die Ferienrestanzen vom letzten Jahr und einen Teil der diesjährigen Ferien bis Ende Mai einzuziehen. Auch bei TUI Suisse, wo seit Anfang April Kurzarbeit gilt, müssen nicht die Angestellten die Folgen der Sparübung tragen: Hier bezahlt die Firma den nicht vom Staat kompensierten Lohnausfall.