Beobachter: Haben Sie dieses Jahr mehr geleistet als letztes Jahr?
Bruno S. Frey: Nein, etwa gleich viel. Das ist aber schwierig zu sagen.

Beobachter: Und wie viel haben Sie verdient? Mehr als letztes Jahr?
Frey: Nein, ganz sicher nicht mehr. An der Universität Zürich sind die Löhne eingefroren, so wie im öffentlichen Bereich insgesamt.

Beobachter: Immer mehr Firmen bezahlen ihre Angestellten nach ihrer Leistung. Sie kritisieren diese Entwicklung. Fühlen Sie sich als hoffnungsloser Rufer in der Wüste?
Frey: Nein. Diese Entwicklung ist nur eine Modeströmung, die wieder vorbeigehen wird. Es gibt schon Firmen, die einsehen, dass Leistungslohn schlecht funktioniert und die Arbeitnehmer demotiviert.

Beobachter: Wieso demotiviert?
Frey: Leistung kann man kaum richtig messen. Bei ganz einfachen Arbeiten geht das noch, aber bei Tätigkeiten mit höherer Qualifikation ist dies fast nie möglich. Nehmen Sie meinen Beruf: Wie beurteilt man einen Professor? Nach der Zahl Absolventen? Dann sorge ich dafür, dass alle Studenten die Prüfung bestehen – auch die schlechten. Noch schwieriger wird es bei der Forschung: Wird die Zahl der Publikationen gemessen, dann publiziert man einfach auf Teufel komm raus. Leistung ist meist nicht richtig feststellbar.

Beobachter: Aber es gibt Branchen, in denen der Leistungslohn Tradition hat. Im Verkauf, mit einer Umsatzbeteiligung, hat sich das System doch bewährt.
Frey: Das stimmt nur bedingt. Im Extremfall wird eine Verkäuferin dem Kunden Waren aufschwatzen und ihn letztlich vertreiben. Eine wirklich gute Angestellte geht auf die Bedürfnisse des Kunden ein: Sie ist vorab an der Arbeit interessiert und nicht nur daran, mehr Umsatz zu schaffen.

Beobachter: Wer mehr leistet, soll besser entschädigt werden. Das ist doch auch eine Frage der Gerechtigkeit.
Frey: Ja, aber das passiert auch ohne Leistungslohn. In einer Branche spricht sich herum, wer gut ist; diese Leute werden befördert oder finden in einer neuen Firma einen Job. Beim Leistungslohn hingegen demonstrieren die Vorgesetzten, dass sich alles um den Lohn dreht. Die Arbeit an sich tritt in den Hintergrund – die Freude am Job wird untergraben. Zudem beginnen die Angestellten, vermehrt ihre Löhne zu vergleichen. Das führt zu Neid und zu einer unfruchtbaren Konzentration auf den Lohn statt auf die Leistung. Der Inhalt der Arbeit wird immer unwichtiger, die Lohnhöhe immer wichtiger.

Beobachter: Aber Leistungslöhne ziehen doch Leute an, die ehrgeizig sind und mehr leisten.
Frey: Wer am Inhalt einer Arbeit interessiert ist, der geht in eine Firma, in der nicht der Leistungslohn dominiert. In einer modernen Wirtschaft müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kreativ und innovativ sein. Forschung und Entwicklung spielen eine grosse Rolle, da ist die Freude an der Arbeit entscheidend. Die Einführung des Leistungslohns führt indes dazu, dass genau diese Freude verloren geht.

Beobachter: Ihre Aussagen stützen sich auf ein sehr positives Menschenbild.
Frey: Das mag sein, entscheidend sind jedoch die Bedingungen: Wenn man Leute wie Trottel behandelt, dann benehmen sie sich auch wie Trottel. Wenn sie überwacht und dauernd kontrolliert werden, funktionieren sie wie Roboter. Wir brauchen keinen Vorgesetzten, der darauf pocht, dass sein Untergebener am Abend noch eine halbe Stunde absitzt. Das System des Leistungslohns mit detaillierten Qualitätslisten entspringt einem kleinkarierten Denken, bei dem der einzelne Aspekt im Zentrum steht; gleichzeitig gehen aber die grossen innovativen Leistungen verloren.

Beobachter: Glauben Sie denn, dass Topverdiener wie Marcel Ospel oder Daniel Vasella weniger verdienen würden, wenn ihre Firmen keine Leistungslöhne bezahlen würden?
Frey: Die beiden haben tatsächlich so hohe Löhne, weil es in ihren Firmen eine Art Leistungslohn gibt: Sie können Aktien zu einem sehr günstigen Preis kaufen. Dies führt zu ihren hohen Einkommen. Die Frage bleibt, was dies mit den Leistungen dieser beiden Herren zu tun hat. Es ist völlig falsch zu glauben, dass nur der Oberste in der Hierarchie die Leistung einer Firma erbringt. Es gibt Hunderte oder Tausende andere Leute, die genauso an dieser Leistung beteiligt sind.

Beobachter: Was würde passieren, wenn die beiden Topmanager weniger verdienen würden?
Frey: Sie würden nicht weniger leisten. Ich bin überzeugt, dass Ospel und Vasella schon früher hervorragend waren – und nicht erst, seit sie ungemein viel verdienen. Die Managerlöhne sind in den letzten Jahren explodiert, und das hat die Verteilung der Einkommen in der Gesellschaft verschlechtert: Die Lohnschere ging auf. Die grosse Mehrheit der Angestellten, die nicht davon profitieren konnte, wird dadurch demotiviert.

Beobachter: Welche Alternativen zum Leistungslohn gibt es denn? Ein System, in dem alle in Lohnklassen und Dienstalterszulagen eingeteilt sind?
Frey: Es mag heute zwar lächerlich klingen, aber das ist gar keine schlechte Alternative. Die Schweizer Wirtschaft war in der Vergangenheit erfolgreicher als heute, wo sie kaum noch wächst. Damals verdienten die Manager noch nicht so viel mehr als die anderen Beschäftigten.

Beobachter: Wenn man die Angestellten nicht über den Lohn motivieren soll, wie dann?
Frey: Über Anerkennung und eine gute Führung. Anerkennung heisst auch, dass man ihre zusätzliche Leistung mit Worten und Gesten honoriert. Denn den meisten Managern geht es gar nicht darum, mehr zu verdienen, sie wollen im Vergleich mit anderen einfach besser dastehen.

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