Erna Meier*, 55, sitzt auf der Terrasse ihrer Wohnung und geniesst die Sonne. «Den Sommer wollte ich mir nicht auch noch vergällen lassen», erklärt sie. Der Rechtsstreit mit Ernesto Caprio*, ihrem Chef bei einer Autozubehörfirma, zog sich vom letzten Herbst bis in den Frühling dieses Jahres hin. Auch heute ist noch lange nicht alles in Ordnung, aber eben: Erna Meier will nicht noch einmal vor Gericht. Sie hat genug. Genug vom Kampf um Kinder- und Krankengeld.

Rund fünfeinhalb Jahre arbeitete die Witwe und Mutter einer heute 22-jährigen Tochter bei einer Firma, die mit Autobestandteilen handelt. Als Tochter Sibylle* mit der Lehre begann, habe auch sie wieder arbeiten wollen, erklärt Meier. 1995 trat sie den Teilzeitjob als Chauffeuse beim Karosserieunternehmen an. Den Hinweis auf die Stelle hatte ihr eine Nachbarin gegeben.

Die meisten mucken nicht auf

«Am Anfang lief alles tipptopp. Erst als der Chef immer öfter bei uns im Lager auftauchte, gabs Probleme», sagt Erna Meier. Und zwar nicht nur mit ihr, auch die meisten ihrer acht Kollegen und Kolleginnen hätten häufig Streit mit dem Chef gehabt. Mehrmals habe er beispielsweise den Lohn erst Monate später ausbezahlt und sie mit leeren Versprechungen hingehalten. Die meisten trauten sich allerdings nicht aufzumucken, da sie als Ausländer um ihren Job bangten. Bei Erna Meier sah das anders aus: «Ich war zum Glück nicht so aufs Geld angewiesen, da ich von meiner Witwenrente ganz gut leben konnte», sagt sie. Das Klima unter den Mitarbeitern sei aber gut gewesen. Auch heute noch gehe sie ab und zu mit den ehemaligen Arbeitskollegen Mittag essen.

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Immer wieder habe sie in den letzten Jahren ihren Chef darauf aufmerksam gemacht, dass ihr mit einer minderjährigen Tochter von Gesetzes wegen Kindergeld zustehe. Doch Ernesto Caprio ging nicht darauf ein. Im Nachhinein sagt er heute: «Wir haben damals wohl beide etwas geschlampt. Frau Meier gab mir nicht alle Unterlagen, und ich habe es dann auch ein bisschen liegen gelassen.» – «Sind mehrere Jahre ‹ein bisschen›?», fragte sich Erna Meier. Im September letzten Jahres platzte ihr dann jedenfalls der Kragen: Sie klagte vor dem Friedensrichter.

Zum geschuldeten Kindergeld kam nämlich noch ausstehendes Krankentaggeld hinzu. Im Mai 2000 musste sich Erna Meier auf Anraten ihres Arztes im Krankenhaus behandeln lassen und war insgesamt zwei Monate zu hundert Prozent krankgeschrieben. Das belegt ihr Arztzeugnis. Ernesto Caprio wollte die zweimonatige Arbeitsunfähigkeit nicht anerkennen. Er meinte, dass sie kleinere Büroarbeiten ohne grössere Probleme hätte übernehmen können, und weigerte sich, das Krankentaggeld auszuzahlen.

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«Die Briefe haben sich gekreuzt»

Erna Meier klagte also Mitte September vor dem Friedensrichter wegen fehlenden Kindergelds und wegen des Krankentaggelds. Drei Tage nach Einreichen der Zivilklage erhielt sie die Kündigung. Begründung: «Aufgrund der veränderten Marktverhältnisse sind wir gezwungen, die Stelle der Chauffeure neu auszugestalten. Wir bitten Sie um Kenntnisnahme.»

Eine missbräuchliche Kündigung? «Das eine hatte mit dem andern nichts zu tun», erklärt Ernesto Caprio. Die Schreiben hätten sich schlicht und einfach gekreuzt. Das Ganze sei ein dummer Zufall. Ganz anders interpretierte dies Erna Meier. Sie fühlte sich geradezu angestachelt, beim Termin vor dem Richter einen Monat später Klartext zu reden. Die Atmosphäre war geladen, Erna Meier und Ernesto Caprio liessen kein gutes Haar aneinander. Aber sie bekam vollständig Recht. Das Friedensrichteramt verfügte, dass ihr der Arbeitgeber die geschuldete Summe von knapp 7000 Franken Kindergeld umgehend zu zahlen habe, inklusive fünf Prozent Zins. Das Geld bekam sie zwar ein paar Monate später, es fehlten allerdings die Zinsen.

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Daraufhin liess Erna Meier ihren ehemaligen Chef betreiben. Dieser focht das Betreibungsbegehren an, musste aber auch hier klein beigeben. Der Einzelrichter gab der Klägerin Recht: Der uneinsichtige Chef musste zur geschuldeten Summe noch die Betreibungs- und Gerichtskosten übernehmen.

Doch damit war noch nicht Schluss. Zwei Wochen später war der Termin am Bezirksgericht wegen des nicht ausgezahlten Krankentaggelds. Eigentlich wäre nun der Zeitpunkt für eine aussergerichtliche Einigung ideal gewesen. Erna Meier sprach ihren ehemaligen Arbeitgeber darauf an. Doch Ernesto Caprio wollte davon nichts wissen und gab sich kämpferisch. Er verkündete ihr, dass er «Action» brauche und sie deshalb vor dem Richter wiedersehen wolle.

Als Begründung gibt er heute an: «Wenn jemandem etwas zu Recht zusteht, habe ich kein Problem damit. Frau Meier hat aber einfach nicht die ganze Wahrheit gesagt. Sie hätte sicher nach einem Monat Erholungsurlaub wieder leichtere Arbeiten bei mir ausführen können. Sie wollte aber lieber zu Hause bleiben, das unterstütze ich nicht.» Und deshalb der nochmalige Gang vor den Richter.

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Doch wie sollte es anders sein: Erneut erhielt Erna Meier Recht. Man einigte sich auf einen Vergleich, und der Chef musste ihr die geforderte vierstellige Summe bezahlen. «Sogar der Richter hat Ernesto Caprio gesagt, er hoffe, ihn nie wieder wegen so etwas zu sehen», sagt Erna Meier. Das habe ihr schon gut getan.

«Die Frau war auch nicht einfach»

Doch lange währte das Glücksgefühl nicht: Sie erhielt ein Arbeitszeugnis, mit dem sie überhaupt nicht einverstanden war. «Lausig wars, das kann man nicht anders nennen», drückt sie ihren Ärger aus. Immerhin war sie mehr als fünf Jahre für die Firma tätig gewesen, Klagen habe es nie gegeben. Anders sieht das Ernesto Caprio: «Frau Meier war auch nicht so eine einfache und kollegiale Mitarbeiterin, wie sie immer sagt. Manchmal hat sie sich geweigert, gewisse Kunden zu beliefern. Nur weil die einen Hund hatten oder ihr sonst nicht passten.» Zudem sei Frau Meier vor der Kündigung orientiert worden, dass man aufgrund einer Neustrukturierung der Firma Chauffeure nur noch hundertprozentig beschäftigen wolle und keine Teilzeitstellen mehr wünsche. Er persönlich habe ihr sogar eine Festanstellung zu hundert Prozent angeboten. Und überhaupt: «Das Zeugnis ist gut. Ich weiss gar nicht, wieso Frau Meier ein Problem hat.»

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Auf die schriftlichen Änderungsvorschläge des Zeugnisses von Erna Meier ist Ernesto Caprio bis heute nicht eingegangen. Dazu sieht er auch keinen Grund. Und Erna Meier? Sie hätte jetzt nochmals klagen können, gegen das ungenügende Zeugnis. Wohl mit guten Erfolgsaussichten. Aber sie mag nicht mehr. Sie will endlich ihre Ruhe haben und sucht sich für den Herbst eine neue Stelle. Der neue Chef, findet sie, sollte dann allerdings weniger streitlustig sein.

*Namen geändert