Beobachter: Die Arbeitswelt verändert sich immer schneller. Spüren Sie die Folgen in Ihrer täglichen Arbeit als Arbeitsmediziner?
Dieter Kissling: Ja. Die Menschen, die zu uns kommen, leiden unter dem stetig steigenden Druck, dem sie sich bei der Arbeit ausgesetzt fühlen. Der Druck entsteht durch die Arbeitsmenge, durch technische Veränderungen oder weil ihnen keine klaren Grenzen gesetzt werden.

Beobachter
: Was beschäftigt die Leute am stärksten?
Dieter Kissling
: Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. 66 Prozent sagen das. Studien zeigen zwar, dass das auch zu Zeiten der Hochkonjunktur nicht viel anders war. Hinzu kommt, dass die Anforderungen an die Arbeitnehmer immer grösser werden. Sie müssen mit dem technologischen Wandel Schritt halten, müssen sich ständig fort- und weiterbilden und immer auch den Arbeitsmarkt im Auge behalten. Arbeitnehmer müssen sich heute so verhalten, als wären sie ihr eigener Unternehmer.

Beobachter
: Wie kann man mit diesem scheinbar übermächtig werdenden Druck umgehen?
Dieter Kissling
: Es gilt der einfache Grundsatz: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Es hilft nur schon, wenn man in der Partnerschaft darüber spricht, mit Kollegen, allenfalls auch mit dem Vorgesetzten. Es ist deshalb auch so wichtig, dass Chefs kommunizieren, wo man als Angestellter steht, und offen informieren, wie es der Firma geht. Probleme sollten frühzeitig angesprochen werden.

Beobachter: Wann muss man aufpassen?
Dieter Kissling
: Wenn man damit beginnt, sein soziales Leben für den Job zu opfern. Die Arbeit kann man einem wegnehmen, das soziale Umfeld eigentlich nicht. Nur auf den fremdbestimmten Teil seiner Existenz zu fokussieren kann gefährlich sein.

Beobachter
: Gehen einige besser mit der Unsicherheit um als andere?
Dieter Kissling
: Wer weiss, dass er morgen einen neuen Job hat, ist weniger ängstlich. Aber auch da bewegen wir uns in Richtung einer Zweiklassengesellschaft: auf der einen Seite die gut Verdienenden, die besser mit Unsicherheit umgehen können, auf der anderen Seite schlecht Verdienende mit Patchwork-Lebensläufen, die nicht selten zwei, drei Jobs nebeneinander haben und von diesen Einkünften völlig abhängig sind.

Beobachter
: Verhalten sich Schweizer da anders als andere?
Dieter Kissling
: Wir Schweizer erdulden sehr viel, lassen fast alles mit uns machen – aus Angst, den Job zu verlieren. Und wer keine Arbeit hat, gerät fast zwangsläufig in eine Sinnkrise. Darum haben bei uns Arbeitslose fünfmal häufiger gesundheitliche Probleme als Leute, die sich in ihrem Job relativ sicher fühlen. Zudem gibt es das Wort Musse in unserem Wortschatz gar nicht mehr. Diese extreme Leistungsfokussierung unserer Generation kann aber bei unseren Kindern eine Gegenreaktion verursachen. Was meiner Meinung nach auch gut wäre.

Beobachter
: Brauchen wir denn eine andere Art von Chefs?
Dieter Kissling
: Wir brauchen Teamleiter, die nicht mit Druck führen, sondern sozial integrierend, die Vorbildfunktionen übernehmen, die hohen ethischen Ansprüchen genügen. Nur wer solche Fähigkeiten hat, sollte Leadership- oder Management-Ausbildungen machen und dort nützliche Tools lernen, um Teams besser zu führen. Selbstverständlich gibt es Leute, die diese Fähigkeiten überhaupt nicht besitzen. Menschen mit wenig emotionaler Intelligenz kann man nicht zu Chefs machen.

Beobachter
: Wie wird man ein guter Chef?
Dieter Kissling
: Ich habe schon Chefs erlebt, die selber schlechte Phasen, Mobbing oder Krisen hatten. Die sagen dann ganz klar, dass sie aus dieser Situation gelernt haben und es besser machen wollen. Wichtig ist aber auch, dass man schon bei der Selektion von Führungskräften anders vorgeht: Man sollte neben den eigentlichen Management-Fähigkeiten auch die Leadership-Kompetenzen bewerten. An der Universität St. Gallen fängt man damit an, allerdings erst am Rande. Das Wissen um den Cashflow ist noch immer viel wichtiger als die Kompetenz, Menschen zu führen.

Beobachter
: Was kann man dagegen tun?
Dieter Kissling
: Je länger, je wichtiger wird es, dass man sich selber vernünftig einschätzen kann. Natürlich höre ich täglich von Leuten, die übervorsichtig sind, die sich kein Einfamilienhaus und kein teures Auto leisten, nur um auf der sicheren Seite zu sein. Das hat sehr viel mehr mit der persönlichen Einstellung zu tun als mit der Frage, ob man in einer objektiv gefährdeten Branche arbeitet. Umgekehrt macht es mir Sorgen, dass bei den momentan tiefen Hypozinsen viele der Verlockung nicht widerstehen können, ein Haus zu kaufen, und sich so bis an die Grenzen der Verkraftbarkeit verschulden. Das kann heikel werden, die Angst um den Arbeitsplatz noch verstärken.

Beobachter
: Wie müssen die Firmen reagieren auf die grosse Angst ihrer Angestellten, den Job zu verlieren?
Dieter Kissling: Das wirksamste Mittel ist eine florierende Wirtschaft, die neue Arbeitsplätze schafft. Und tragfähige Unternehmen, die auch Krisensituationen überstehen. Die Stärke des Frankens bereitet mir deshalb grosse Sorgen. Nur wenn wir die Produktivität unserer Wirtschaft steigern, kommen wir mit dem Zerfall von Euro und Dollar klar.

Beobachter
: Wie kommen wir dorthin?
Dieter Kissling
: Mit mehr Leistung. Ich weiss: Hier beisst sich die Katze in den Schwanz.