Die Arbeit ist die gleiche, das Fahrzeug und die Strecke ebenso. Alles bleibt beim Alten, nur eines soll laut Gewerkschaft anders werden: 20'000 Franken weniger sollen die Postautochauffeure verdienen, falls sie künftig ihren Dienst nicht mehr bei der Post, sondern bei der neuen Postauto Schweiz AG verrichten. Soll für die 1300 Chauffeure der Branchendurchschnitt gelten, müssten sie mit einem Jahreseinkommen von 50'000 Franken auskommen. Das trieb die Chauffeure vor kurzem auf die Strasse. Nicht mit freundlichem Tatütata, sondern mit lautstarkem Protest.

Die Chauffeure des schnell schwindenden gelben Riesen sind beileibe kein Einzelfall. Outsourcing heisst das Prinzip der Schrumpfkur. Arbeitskräfte werden in spezialisierte Unternehmen verschoben, damit sie dort die gleiche Arbeit billiger verrichten.

Bereits in den neunziger Jahren bauten unzählige Unternehmen ihre Reinigungskräfte, ihr Kantinenpersonal sowie die Transport- und Sicherheitsdienste ab und kauften dieselben Dienstleistungen bei externen Firmen ein. Die Löhne von Mitarbeitenden, die ausgelagert werden, orientieren sich am Lohnniveau der neuen Branche, das oft tiefer ist als das ursprüngliche. Das ausgelagerte Reinigungspersonal putzt dann dieselbe Bank pro Stunde um 10 bis 15 Franken billiger. Denn jetzt gilt der vertragliche Mindestlohn von 16 Franken in der Reinigungsbranche.

Nicht nur Pharmafirmen oder Versicherungen lassen auswärts kochen, putzen und spedieren. Längst ist der Bund in Sachen Outsourcing einsame Spitze. Durch die Auslagerung früherer Bundesbetriebe, teilweise auch durch Personalabbau, verringerte sich hier der Personalbestand massiv: Gab es auf dem Höhepunkt 1991 über 150'000 Bundesbeamte, so arbeiten dort heute nur noch etwa 38'000 – ohne Beamtenstatus und mit weniger Sicherheit.

Mit Inkrafttreten einer neuen Verordnung im Hinblick auf das so genannte Entlastungsprogramm wird die Freistellung von Bundesangestellten noch einfacher. Wer im Rahmen des Entlastungsprogramms entlassen wird, soll auch keine Abgangsentschädigung erhalten.

Löhne: Tendenz nach unten


Obwohl der politische Druck zu Outsourcing weiter besteht, stösst man jetzt an Grenzen: «Es werden nicht mehr so grosse Brocken verschoben wie in der Vergangenheit», sagt Karl Schwaar, Chef der Ausgabenpolitik der Eidgenössischen Finanzverwaltung. Für Professor Norbert Thom, Direktor des Instituts für Organisation und Personal der Universität Bern, ist es denkbar, dass in Zukunft noch Leistungen in den Bereichen Schule, Spitäler, Hoch- und Tiefbau, Sicherheit und Kehrichtabfuhr ausgelagert werden.

Wenn die Arbeit extern vergeben wird, geraten die Löhne der schlechter Qualifizierten unter Druck. «Die unteren Lohnklassen beim Staat oder bei den ehemals staatlichen Betrieben sind im Vergleich zur Privatwirtschaft relativ gut gestellt», argumentiert Thom. Auch Josef Zweimüller vom Institut für empirische Wirtschaftsforschung der Uni Zürich sieht bei tiefen Löhnen eine Tendenz nach unten, was Lohnungleichheiten noch verschärft: «Wo Outsourcing stark forciert wird, das zeigen etwa Untersuchungen für Grossbritannien, geht die Schere zwischen hohen und tiefen Einkommen immer stärker auf.» Wie viele einst relativ gut bezahlte, aber eher schlecht qualifizierte Arbeitsplätze in den vergangenen Jahren abgebaut wurden, ist unbekannt, es sind aber Tausende. Ein Blick auf die Ergebnisse der Betriebszählung 2001 zeigt, wie stark gewisse Tieflohnbranchen geworden sind. So arbeiten im Reinigungsgewerbe 28'000 Leute, bei den Kurierdiensten sind es 6000 und bei der Bewachung 7000.

Ein Allheilmittel


Zwar besitzt der Bund bei all den in die Unabhängigkeit entlassenen Betrieben wie Swisscom, Post, SBB, dem Rüstungsbetrieb Ruag, Swissmedic, Skyguide und dem Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum die Aktienmehrheit. Doch diese Firmen sind als eigenständige Unternehmen flexibler, vor allem bei der Lohngestaltung. Die ausgelagerte Post gründete ihrerseits verschiedene Tochterunternehmen, so im Jahr 2000 die Mail Source, die für viele Firmen die interne Post erledigt. Zu den eigenständigen Töchtern gehören auch Swiss Post Net, die auf Nachtsendungen spezialisiert ist. Auf Anfang 2005 wurden die Firmen Mobility Solutions, SecurePost und ExpressPost gegründet, die insgesamt 560 Personen der ehemaligen Post übernehmen. Ab wann die gelben Postautos von Angestellten einer Postauto Schweiz AG chauffiert werden, ist noch offen. Auch PostFinance könnte unabhängig werden.

Ausgelagert haben die SBB im Jahr 2001 die Bahnpolizei mit etwa 100 Leuten, für die zusammen mit der Securitas eine Tochtergesellschaft, die Securitrans, gegründet wurde. «Der Gesamtarbeitsvertrag der SBB verlangte, dass den Leuten gleichwertige Bedingungen angeboten wurden», erklärt Securitrans-Personalchef Daniel Aebli. «Das war kompliziert, aber in intensiven Verhandlungen mit den Gewerkschaften erreichten wir es.» Ebenfalls ausgelagert haben die SBB unlängst die Hauswartung auf kleineren Bahnhöfen. Bereits 1998 transferierten die SBB 120 Leute der Informatik zur Firma T-Systems, einer Tochter der deutschen Telekom.

Ist Outsourcing ein betriebswirtschaftliches Allheilmittel? Bruno Staffelbach, Professor für Human Resources Management an der Uni Zürich, sieht es so: «Das Outsourcing ist oftmals Ausdruck einer kurzfristigen Denkweise, indem die Fixkosten im Moment gedrückt werden. Doch oft bleibt unter dem Strich nichts. Zudem schafft man sich manchmal sogar noch eigene Konkurrenz.»

Während in den neunziger Jahren eher handwerkliche Jobs verschoben wurden, fokussiert sich das Outsourcing heute auf die Informatik. Auch hier ist die Liste von öffentlichen Unternehmen, die in jüngster Zeit ihre Informatik oder Teile davon ausgelagert haben, lang.

Bumerang-Wirkung


Optimistisch meint die Swisscom, dass die Kostenersparnis vom «ersten Tag an zwischen 20 und 35 Prozent» betrage. Beat Bernet, Direktor des Schweizerischen Instituts für Banken und Finanzen der Uni St. Gallen, stellt hingegen fest: «Die Hoffnung, mit dem Outsourcing Kosten zu sparen, hat sich oft nur beschränkt erfüllt.» Das Auslagern wird endgültig zum Bumerang, wenn damit Einfluss oder Know-how verloren geht oder wenn die Konkurrenz das gleiche System hat. Die Uni Bern hat ihre ausgelagerte Informatik zurückgenommen, und die Winterthur-Versicherung, die noch zur CS gehört, wird ab 2007 ihre Informatik von der IBM wieder ins eigene Haus zurückholen – ein Volumen von 200 bis 300 Arbeitsplätzen.

Weder die Wirtschaftswissenschaft noch das Bundesamt für Statistik verfügen über genaues Zahlenmaterial, aber es sind Tausende von Arbeitsplätzen, die transferiert wurden. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit lagerten in den vergangenen Jahren Hunderte von staatlichen und privaten Unternehmen ihre Informatik aus. Ursin Bernard vom Institut für Strategie und Unternehmensökonomik der Uni Zürich stellt dabei trotz häufig vereinbarter Bestandesgarantie eine ungleiche Lohnentwicklung fest: «Personen, die bei einem Projekt eine Schlüsselstellung haben, können eher mit höheren Löhnen rechnen, während austauschbare Funktionen eher schlechter gestellt werden.»

Wie die Lemminge


Die Swisscom, die der führende Outsourcer werden möchte, ist ein Beispiel für den Strukturwandel im Informationsgeschäft. Sie hat Tausende von Arbeitsplätzen im Kerngeschäft Telefonie abgebaut, den Hausdienst mit 660 Beschäftigten ausgegliedert, gleichzeitig aber eine Informatikabteilung mit mehr als 2000 Leuten aufgebaut, die Kunden wie UBS, Nestlé oder Novartis betreuen.

Während viele Unternehmen früher diversifizierten, konzentrieren sie sich heute aufs Kerngeschäft. Doch auch das kann sich wieder ändern. Für Norbert Thom ist Outsourcing nicht immer eine Notwendigkeit, sondern auch eine Modeströmung: «In der Wirtschaft ist oft ein Lemming-Verhalten festzustellen. Trends werden von Professoren und Beratern gemacht, und die Unternehmer folgen.» Und schliesslich hat das Thema Outsourcing auch noch eine psychologische Funktion. Hartmut Egger vom Sozialökonomischen Institut der Uni Zürich: «Die Drohung mit Outsourcing kann bei Verhandlungen mit den Gewerkschaften ein wirksames Mittel sein.»

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