Die Einträge im Heimjournal zu Bewohner Markus Schmid (Name geändert) in den Monaten vor seiner Tat lesen sich wie die Ankündigung drohenden Unheils: «Markus gerät vermehrt in Konflikte mit Mitbewohnern. Er schlägt sie auch, wenn niemand auf der Gruppe ist», notiert eine Angestellte des Wohnheims Wyssestei in Solothurn. Doch es bleibt nicht bei Gewalt gegenüber Mitbewohnern: Keine drei Wochen später greift der geistig Behinderte eine Betreuerin an. «Heute Mittag bin ich echt erschrocken: Ohne jeglichen Grund hat Markus mich beschuldigt, ihn geschlagen zu haben, und griff mich plötzlich sehr massiv an», hält eine weitere Heimangestellte im Herbst 1997 fest.

Immer wieder notieren Betreuerinnen im Journal, Markus sei aggressiv. Mehrmals schlägt er das Personal. Pflegerin Verena Hartmann (Name geändert) informiert ihren Gruppenleiter. Doch die Vorgesetzten unternehmen nichts. Am 18. April 1999 schliesslich, um 20.15 Uhr, gerät Markus Schmid ausser Kontrolle. Verena Hartmann betreut an diesem Abend allein eine der Wohngruppen. Aus einem nichtigen Grund rastet Schmid aus. «Jetzt gehe ich Verena kaputtmachen», sagt er noch zu einem Mitbewohner, bevor er zuschlägt. Er springt sie plötzlich an, packt und schleudert sie gegen einen Küchenschrank, schlägt ihren Kopf wieder und wieder dagegen. In einem Gutachten attestiert der Chefarzt der Rehaklinik Rheinfelden Verena Hartmann eine Hirnverletzung, Schwerhörigkeit und Kopfweh. Nach dem Vorfall kann sie zwar noch arbeiten, ist aber bereits stark eingeschränkt.

Todesangst in der Gondelbahn
Keine drei Monate später erlebt die Pflegerin ihr zweites Trauma: Während Stunden sitzt sie in einer Gondelbahn fest. Sie hat Todesangst. Der Betreiber hatte die Bahn einfach abgestellt. Beide traumatischen Erlebnisse zusammen waren zu viel für Verena Hartmann. Wäre sie nicht vom Heimbewohner überfallen worden, hätte das Trauma in der Gondel nie derart gravierende Folgen gehabt, schreibt der Chefarzt in seinem Gutachten. Beide Vorfälle führten aber dazu, dass die 62-Jährige wegen neurologisch bedingter Funktionsstörungen seither eine Gehhilfe braucht, auf fremde Hilfe angewiesen ist - schwere gesundheitliche Folgen, die von ihrem Arbeitgeber nie bestritten wurden. Doch die IV-Rente und die Entschädigung für Hilflosigkeit mittleren Grades reichen nicht aus, um ihre Betreuungskosten zu decken.

Verena Hartmann fordert deshalb von ihrem ehemaligen Arbeitgeber, dem Kanton Solothurn, Schadenersatz. Sie wirft dem Staat vor, er habe ihre Gesundheit als Arbeitnehmerin zu wenig geschützt. Unterstützung erhält sie vom Basler Zivilrechtsprofessor Thomas Sutter-Somm. In einem Gutachten kommt er zum Schluss, man hätte Heimbewohner Schmid entweder verlegen oder ein umfassendes Sicherheitsdispositiv erlassen müssen, denn die Entwicklung des Patienten sei nach seinen zahlreichen jähen Wutausbrüchen vorhersehbar gewesen. «Dass keiner der Vorfälle derart gravierende Konsequenzen hatte wie jener vom 18. April 1999, war für die Betroffenen wohl eher ein Glücksfall», schreibt er.

Das Verwaltungsgericht mochte sich dieser Einschätzung nicht anschliessen. Die Richter hatten keine leichte Aufgabe, mussten sie doch über das Verhalten ihres eigenen Arbeitgebers urteilen. Umso schwerwiegender erscheint es, dass als Zeugen ausschliesslich die direkt Verantwortlichen zu Wort kamen. Diese drehten den Spiess um: Der Heimleiter gab zu Protokoll, das Wohnheim sei geradezu für Menschen wie Schmid geschaffen. Eine Rückversetzung in die psychiatrische Klinik sei zu keinem Zeitpunkt erwogen worden. Das Gericht befragte weder einen neutralen Experten noch Arbeitskolleginnen von Verena Hartmann.

Keine Trillerpfeifen und Pfeffersprays
Die Richter kamen in ihrem Urteil denn auch zum Schluss, der Kanton als Arbeitgeber habe genug getan, um die Gesundheit der Betreuerin zu schützen: «Die Abgabe von Pagern, Trillerpfeifen oder Pfeffersprays ist weder nach der Erfahrung notwendig noch den Verhältnissen eines Wohnheims für geistig und psychisch Behinderte angemessen.» Auch ein Notrufgerät am Körper, wie in der Akutpsychiatrie üblich, schätzte das Gericht als übertriebene Massnahme ein. Hingegen taxierte es den Knopf für den Feueralarm im Gang als angemessen, um Hilfe zu holen - genauso wie es an der Betreuung der Behinderten durch Einzelpersonen nichts auszusetzen hatte. Eine Beschwerde gegen das Urteil des Solothurner Gerichts lehnte das Bundesgericht ab. Allerdings überprüfte das oberste Gericht lediglich, ob das Verwaltungsgericht «willkürlich» geurteilt hatte - was es nur ganz selten feststellt.

Trotzdem ist für den Kanton Solothurn die Sache damit abgeschlossen. Franz Fürst, Chef des Rechtsdienstes des Bau- und Justizdepartements, verweist auf die Urteile. «Beide Gerichte, namentlich das kantonale Verwaltungsgericht, haben als von der Kantonsverwaltung unabhängige Instanzen gehandelt», sagt Fürst.

Seit dem Übergriff sind inzwischen sieben Jahre verstrichen. Verena Hartmann hofft noch immer, der Kanton Solothurn anerkenne, dass er seine Fürsorgepflicht als Arbeitgeber verletzt habe. «Ich fühle mich im Stich gelassen», sagt sie.

Anzeige