Jeden Morgen frühstückt der Chef der drittgrössten Schweizer Bank mit seinen zehnjährigen Zwillingstöchtern. Das ist ihm wichtig. Darum reduziert er auch bankenfremde Abendveranstaltungen auf das Allernötigste. Und der Banker, der im Ausschuss der Bankiervereinigung sitzt, ist «nicht beeindruckt, wenn einer 17 Stunden am Tag arbeitet». An Leistungsbeurteilungen fragt er immer: «Stimmts denn auch zu Hause?» Ausserdem sagt er Sätze, die ebenso gut zu einem Gewerkschafter passten: «Auch Leute, die nicht mithalten können, sollen ein gutes Leben führen dürfen.»

Seit fünf Jahren leitet der 48-jährige Bündner die Raiffeisen-Gruppe, und dies sehr erfolgreich. Die Bank wächst seit Jahren und erzielte in den vergangenen Jahren Rekordgewinne. Sie hat zwar damit begonnen, einzelne Filialen zu schliessen, was ihr Kritik eingetragen hat. Trotzdem hat sie keine Leute entlassen. Im Gegenteil: Laut Vincenz hat die Bank in den letzten vier Jahren 1740 Leute eingestellt.

Menschlicher Arbeitgeber
Die Bauern- und Gewerblerbank bietet zwar keine Topboni wie die Grossbanken, dafür Verantwortung (bei 460 selbstständigen Banken) und Stabilität: «Wenn eine Abteilung keinen Gewinn macht, lösen wir sie deshalb nicht sofort auf.» Von 7300 Mitarbeitern haben 20 Prozent Teilzeitpensen, fast 60 Prozent der Angestellten sind Frauen. Die Zentrale in St. Gallen hat eine Kinderkrippe. Und man investiert in die Zukunft: «Wir haben den rund 100 Lehrabgängern vom letzten Jahr eine feste Anstellung angeboten.»

«Natürlich schauen wir, dass die Rendite stimmt», sagt Vincenz. Aber er muss nicht krampfhaft auf Aktienkurse schielen. «Dem Management börsenkotierter AGs sitzen die Shareholder im Nacken. Vor Jahren, als zum Beispiel die Grossbanken Kreditverluste erlitten, gaben sie gleichzeitig bekannt, dass sie noch 2000 Stellen abbauen. So konnte man den Aktienkurs halten. Das ist fragwürdig.»

Selbsthilfe macht stark
Die Raiffeisengruppe ist keine anonyme Aktiengesellschaft, sondern genossenschaftlich organisiert. Von den zwei Millionen Kunden sind 1,2 Millionen Genossenschafter. Vincenz mag die Idee der Selbsthilfe. Im Hungerwinter 1846/47 in Deutschland von Friedrich Raiffeisen als Zusammenschluss von selbstständigen Landwirten zur Stärkung ihrer Marktmacht gegründet, gibts solche Genossenschaften jetzt in mehr als 100 Ländern. «Raiffeisen ist wer auf dem Land», sagt Vincenz stolz. Hier die zwar biedere, aber soziale KMU-Bank – dort die coolen, aber kalten Grossbanken: Raiffeisens Image ist im Inland heute ein Marktvorteil.

Vincenz ist kein Sozialapostel. Auch kritisiert er nicht die Beträge, die Topmanager kassieren: «Aber ich fürchte, dass die Kluft zwischen Normal- und Topverdienern zum Problem wird.» Er denkt an seine Zeit in Chicago, an den «gap», den Graben zwischen den zehn Prozent, «die vom Lohn her abheben und sich alles leisten können», und dem Rest. Es sei die Stärke der Schweiz, dass es einen Graben in diesem Ausmass bisher nicht gegeben habe. Er sei nicht gegen Leistung und deren Honorierung, das sei motivierend, aber «in der Schweiz hat man immer darauf geachtet, dass man die, die das Tempo nicht mithalten können, nicht abhängt».

So überrascht es nicht, dass Vincenz das Steuerpaket ablehnt. Er findet, man müsse «unten entlasten».

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