Gerade mal 116 Sekunden darf sich Pöstler Bernhard Steiner (Name geändert) nehmen, um ein Paket zuzustellen. Trotz diesen Vorgaben seines Arbeitgebers ist er gut beraten, sich auf seiner Route durch Basel nicht hetzen zu lassen. Denn wenn er vor lauter Hektik verunfallt, kommt er zur Kasse: Wer bei der Paketpost Basel mehr als sechs Arbeitstage fehlt, dem droht ein Lohnabzug. Dabei entsprechen sechs Tage Absenz wegen Krankheit oder Unfall ziemlich genau dem Schweizer Mittel. Das Bundesamt für Statistik registrierte im Jahr 2003 durchschnittlich 45,2 Absenzstunden pro Jahr.

Illegaler Lohnabzug



Die Massnahme beschlossen hat Steiners Vorgesetzter in den Zielen zu «Focus», dem Leistungslohn-Programm der Post. Je nach Bewertung der übrigen Kriterien droht einem kranken oder verunfallten Basler Pöstler ein Abzug von bis zu 1200 Franken jährlich. «Egal, wie krank wir sind, wir Angestellten gehen doch nur schon aus lauter Angst um unseren Arbeitsplatz arbeiten», ärgert sich Pöstler Steiner. Der drohende Lohnabzug sorgte nicht nur für Unmut unter den Post-Angestellten - er ist auch illegal. Im Obligationenrecht steht klipp und klar: Bei Krankheit gilt Lohnfortzahlung - eine Schlechterstellung ist nicht erlaubt.

Von den Gewerkschaften aufgefordert, reagierte der gelbe Riese denn auch umgehend und wies die Vorgesetzten an, dass solche Ziele unzulässig seien. «Da ist ein Fehler passiert, und die Post hat diesen jetzt umgehend korrigiert», sagt Mediensprecher Oliver Flüeler. Es handle sich um Einzelfälle, die bei 55’000 Angestellten und Tausenden von Beurteilungsgesprächen trotz Schulung nie ganz auszuschliessen seien.

Einzelfälle? Nicht nur in Basel, auch in Luzern wird bestraft, wer zu oft fehlt - und dies gleich im Kollektiv. Sollten die 128 Angestellten der städtischen Paketpost in diesem Jahr mehr Absenztage haben als 2005, droht auch ihnen ein Lohnabzug.

Deutlich kritisiert der Basler Unternehmensberater und Buchautor Johannes Czwalina diese Entwicklung: «Wer krank ist, soll auch krank sein dürfen. Denn nur fröhliche und motivierte Menschen arbeiten gut.» Wer sich trotz Krankheit aus Angst um seinen Job zur Arbeit schleppe, werde nicht nur demotiviert und unzufrieden, sondern leiste automatisch weniger.

Andere Experten geben ihm Recht: Statt Kranke unter Druck zu setzen, sollten Vorgesetzte im Gespräch mit ihren Untergebenen herausfinden, ob die Krankheit mit der Arbeit zusammenhängt. Eine gross angelegte Befragung des Bundesamts für Gesundheit brachte ans Licht, dass knapp die Hälfte der Angestellten am Arbeitsplatz unter nervlicher Anspannung leidet. Dies wiederum führt oft zu gesundheitlichen Problemen - von Schlafstörungen bis hin zu starken Schmerzen. Am meisten Beschwerden haben jene Angestellten, die um ihren Job fürchten.

Chefs geben den Druck einfach weiter



Für Daniel Münger, Basler Regionalsekretär der Gewerkschaft Kommunikation, sind die Auswüchse in Basel oder Luzern keine Einzelfälle, sondern die Spitze des Eisbergs: «Beim Leistungslohn-Programm wird es immer solche Verstösse geben.» Und sein Zürcher Kollege Beat Stettler registriert eine «riesige Verunsicherung» bei den Post-Angestellten. «Dieses System empfinden viele als reines Druckmittel.»

Vorgesetzte bekämen ihrerseits Zielvorgaben für ihr Team - etwa die Arbeitszufriedenheit sei anzuheben, oder die Krankheitstage seien zu senken. Einige Chefs gäben diesen Druck einfach weiter und bekämpften die Symptome statt die Ursache, sagt Stettler.

Auf diese Art sind Auswüchse des Leistungslohns programmiert. Wie bei jenem Aargauer Teamleiter, der die Stimmung bei seinen Mitarbeitern künstlich anheben wollte, um bei seinem Chef besser dazustehen: Er lud die Untergebenen ein, den jährlichen Fragebogen über ihre Zufriedenheit positiver auszufüllen. Weil die Angestellten ehrlich blieben, erhielten sie als Quittung Minuspunkte.

Für den Gewerkschafts-Vizepräsidenten Giorgio Pardini hat das vor vier Jahren eingeführte System des Leistungslohns bei der Post ausgedient: «Ursprünglich sollte dank «Focus» das Personal zu besseren Leistungen animiert werden, aber inzwischen geht es nur noch darum, die Lohnkosten zu drücken.»

Wer Pech hat, riskiert schon wegen einer Bagatelle eine Lohnkürzung. So hatte ein Aargauer Pöstler in einem Jahr mehrfach das Rücklicht an seinem Töff beschädigt. Obwohl die Schadenssumme keine 100 Franken betrug, bekam er die schlechteste Bewertung - und das nur, weil er mehr als die zwei erlaubten «selbstverschuldeten Unfälle» hatte. All diese Fälle haben jetzt Folgen: Bei der Paketpost werden die vereinbarten Ziele ab sofort flächendeckend überprüft.

Anzeige