Eine riesige Pensionierungswelle rollt auf die reformierte Kirche zu. Wenn in rund zehn Jahren die Babyboomer in Rente gehen, werden 60 bis 70 Pfarrer jährlich ihr Amt verlassen (siehe Grafik). Und um den Nachwuchs steht es schlecht: Bloss 20 Theologen lassen sich pro Jahr ordinieren. Gut möglich, dass es künftig noch weniger sein werden – die Zahl der neuen Pfarrer ist in den letzten zehn Jahren um über die Hälfte ein­gebrochen. Der Blick zurück in die achtziger Jahre offenbart, wie dramatisch der Bedeutungsverlust der Kirche ist: Damals studierten noch viermal mehr Leute Theologie.

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Intensivkurse in Theologie in Bern

Um die absehbaren Lücken zu schlies­sen, setzt die reformierte Kirche auf Quereinsteiger. «Die Chance, dass sich Leute mit einer gewissen Lebens­erfahrung für den Pfarrberuf entscheiden, ist grösser als bei jungen Maturanden», stellt der Berner Synodalratspräsident Andreas Zeller fest. Doch können es sich nur wenige Berufstätige leisten, fünf bis sechs Jahre für ein Theologiestudium auszusetzen.

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«Die Chance, dass Leute mit Lebenserfahrung Pfarrer werden wollen, ist grösser als bei Maturanden.»

Andreas Zeller, Synodalratspräsident der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn

Die Berner Reformierten haben deshalb schon Ende 2013 einen alternativen Ausbildungsgang für den Pfarrberuf beschlossen. Zusammen mit der Theologischen Fakultät der Uni Bern und der Kirchendirektion des Kantons entwickelten sie das «Intensivstudium Theologie für Akademi­kerinnen und Akademiker mit Berufsziel Pfarramt». Die Ausbildung beginnt im kommenden Herbst, dauert drei Jahre und schliesst wie das Theologiestudium mit einem Master ab. Voraussetzung ist ein universitärer Masterabschluss. Die Absolventen müssen sich verpflichten, mindestens fünf Jahre als Pfarrer zu arbeiten.

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Die Berner Kirche nimmt dafür Geld in die Hand: Die Synode hat ein Kostendach von drei Millionen Franken bewilligt. Teuer sind vor allem die Stipendien. Weil sich die wenigsten Quereinsteiger ein dreijähriges Vollzeitstudium leisten können, zahlt ihnen die Kirche einen Teil ihrer Lebenshaltungskosten. «Die Stipendien richten sich nach den Ansätzen der Konferenz für Sozialhilfe und werden den persönlichen Verhältnissen angepasst», sagt Synodalratspräsident Zeller. Das Interesse am Sonderkurs ist gross. «Wir werden die geplanten 20 Plätze in den nächsten Wochen mit qualifizierten und motivierten Anwärterinnen und Anwärtern besetzen können», sagt Zeller.

Neben dem Beruf vier Jahre studieren

Einen neuen Ausbildungsgang für Quereinsteiger haben inzwischen auch die anderen Deutschschweizer Kantonalkirchen entwickelt. Anders als Bern setzen sie auf ein drei- bis vierjähriges Zusatzstudium, das berufsbegleitend absolviert werden kann. «Wir rechnen, dass man zusätzlich zum Studium ein Arbeits­pensum von 40 bis 50 Prozent bewältigen kann», sagt Projektleiter Matthias Bachmann.

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Die Reaktionen auf das neue Angebot sind ermutigend. An der ersten Informationsveranstaltung Mitte März nahmen gegen 90 Interessierte teil. «Darunter gab es auch einige, die die Voraussetzungen für das Zusatzstudium nicht erfüllen», sagt Bachmann. 45 bewarben sich. Darunter Geografen, Architekten, Ingenieure, Ökonominnen oder Germanistinnen. Zurzeit durchlaufen sie ein mehrstufiges Auswahlverfahren. Bachmann rechnet damit, dass im September 30 bis 35 Quereinsteiger das Zusatzstudium beginnen werden.

«Campus Kappel» soll Schwankende überzeugen

Die reformierten Kirchen werben auch gezielt unter Gymnasiasten für das Theologiestudium. Im Sommer findet zum dritten Mal der «Campus Kappel» statt: Junge Leute setzen sich im einwöchigen Seminar mit existenziellen Themen auseinander.

In den letzten beiden Jahren nahmen Prominente wie Ex-­Bankenchef Oswald Grübel oder Herzchirurg Thierry Carrel teil. «Mit den Rückmeldungen sind wir sehr zufrieden», sagt Bachmann. 16 von 36 Teilnehmenden gaben an, dass sie diese Woche auf die Idee gebracht habe, Theologie zu studieren. Dazu kommen weitere acht, die in ­ihrem Entscheid für das Theo­logiestudium bestärkt wurden. Es sei allerdings mit grossem Aufwand verbunden, genügend junge Menschen für die Seminarwoche zu gewinnen, sagt Bachmann.

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Alle Lücken bei den Pfarrstellen wird die reformierte Kirche nicht schliessen können. Die Quereinsteigerprogramme und Werbeseminarwochen werden nicht verhindern können, dass in Zukunft die eine oder andere Kanzel am Sonntag leer bleibt.