Mittagszeit in der Fabrik: Statt nach geschmolzenem Metall riecht es nach Bratwürsten. Seit Wochen steht hier alles still – schon lange nicht mehr hat ein Streik so für Schlagzeilen gesorgt. Zwischen Maschinen und peinlich sauberen Arbeitsplätzen patrouillieren Sicherheitsleute. Doch auf die Idee, etwas kaputtzumachen, würde hier keiner kommen. «La Boillat est à nous!», steht auf einem Transparent. «Das ist eine der modernsten Giessereien Europas», sagt ein Arbeiter stolz. Sie ist ein zentraler Streitpunkt zwischen Swissmetal-Belegschaft und deren Direktion – sie soll nach Dornach verlegt werden.

«Die Giesserei verlegen? Das ist, als ob man bei einem schönen Auto den Motor entfernen würde. Es bleibt ein Auto. Aber es fährt nicht mehr», so Flavio Torti, Gemeindepräsident von Reconvilier. Auf seiner grellgelben Überjacke steht «Torti – force du dynamisme». Der 42-Jährige ist Bauunternehmer und Mitglied der FDP. Die Verlegung der Giesserei sei der erste Schritt zur Schliessung des ganzen Werks, ist Torti überzeugt.

«Eine Buntmetallgiesserei ist nicht ein Stuhl, den man einfach verpacken und zügeln kann», sagt Guy Dallemagne. «Es wird Jahre dauern, bis die Maschinen am neuen Ort justiert sein werden.» Der Mann muss es wissen. Er ist 35 Jahre als Fabrikationschef in der Boillat tätig gewesen. Heute hat er Geburtstag, wird 70 Jahre alt. Doch es ist kein Feiertag. «Man kann alles demolieren, wenn man will», sagt Dallemagne. Wie die meisten Pensionierten ist auch er jeden Tag ins Buntmetallwerk gekommen, um die Jungen zu unterstützen. Als «Komplotteure» hat sie der Swissmetal-Direktor Martin Hellweg bezeichnet. Doch der Konflikt lässt hier eben niemanden kalt. «Meine beiden Kinder arbeiten auch in der Boillat», sagt Dallemagne.

Der wochenlange Streik im Swissmetal-Werk in Reconvilier hat den ganzen Berner Jura erschüttert. «Résistez!», steht in den Schaufenstern im Dorf. «Solidarité avec les ouvriers de la Boillat jusqu’au bout», verspricht das Schild, das der Metzger an die Hauptstrasse gestellt hat. Gewerbetreibende, die einen Streik unterstützen: «Die Solidarität mit den Streikenden in der Region ist bemerkenswert», sagt ein Passant. «Si ça s’arrête, ça s’arrête. Wir sind alle von der drohenden Schliessung der Boillat betroffen.» Die Boillat sei wie ein Stern, um den sich Dutzende von Werkstätten gruppiert haben, so Torti.

«In Dornach wäre ich ein Verlierer»



«Vielleicht stellt sich in ein paar Wochen heraus, dass wir alle total falsch liegen», sagt Flavio Torti und schüttelt den Kopf. Er stehe einer gesunden Gemeinde vor. Wenn die Boillat geschlossen werde, wäre das traurig – das Ende einer 150-jährigen Tradition. Aber es wäre nicht der Untergang. «Die Dinge ändern sich wie anderswo auch. Wir haben gute Karten», sagt Torti. Im Berner Jura hätten sich in den vergangenen Jahren zahlreiche High-Tech-Firmen niedergelassen. «Die kommen nicht wegen unserer schönen Augen, sondern wegen der qualifizierten Arbeitskräfte und der hohen Lebensqualität», sagt er.

«Ich kämpfe für 3’800 Franken im Monat. Das ist weiss Gott nicht alle Welt», sagt ein spanischer Arbeiter. Die Direktion hatte den Streikenden angeboten, im anderen Swissmetal-Werk in Dornach zu arbeiten. «Du wirst für deine Familie sorgen und dieses Angebot annehmen», habe seine Frau zu ihm gesagt. Doch er sei nicht gegangen. «Ich wäre ein Verlierer gewesen – in Dornach wie auch hier», sagt er. Keiner aus Reconvilier ist ins Schwesterwerk im Kanton Solothurn arbeiten gegangen. «Die Leute wissen, dass ihr Arbeitsplatz hier ist», sagt Nicolas Wuillemin, Präsident der Betriebskommission.

Die Boillat beschäftigt 350 Menschen, doch wären von ihrer Schliessung gut 4’000 Arbeitsplätze in der Region betroffen. Die Boillat-Kunden sind von Tag zu Tag nervöser geworden. «Wir brauchen unsere Ware heute oder morgen, nicht übermorgen. Wir haben keine Zeit mehr für Diskussionen», sagt Marc Rossé von der Essor SA in Court. Sein Appell, endlich einen Kompromiss zu schliessen, richtete sich nicht an die Belegschaft, sondern an die Direktion. «Liquidieren kann jeder. Aber industrielle Visionen verfolgen – da muss man mehr draufhaben», sagt Rossé. Sollte die Boillat geschlossen werden, wäre das für die Essor SA eine Katastrophe.

Marc Rossés Betrieb ist eine ehemalige Uhrenfabrik, die heute 50 Mitarbeiter beschäftigt. Die Kleinfirma – sie ist die grösste im Dorf und im Jurabogen ein mittelgrosser Arbeitgeber – stellt Hochpräzisionsteile für die Uhren-, die Automobil- und Mobiltelefonindustrie her, wie Dutzende andere Firmen auch in der Umgebung. Das ist, was sich «le tissu industriel jurassien» nennt: ein engmaschiges Netz von kleinen, unabhängigen Firmen, die einander zugleich ergänzen und konkurrenzieren. «Fehlt ein Teilchen, steht die Kette still», so Rossé.

Doch der Konflikt hat durchaus auch eine globale Komponente. Die Essor SA produziert zu 90 Prozent für den Export. «Wir stellen etwa High-Tech-Regler für Kondensatoren her, die in Mexiko zusammengesetzt werden. Liefern wir nicht, sind dort 3'500 Arbeitsplätze gefährdet.» Ursprünglich seien die Kondensatoren in den USA fabriziert worden, nun in Mexiko, bald in Malaysia. «Die Regler aber werden immer hier bestellt», erklärt Rossé.

Es sind solche Nischenprodukte, die den Jurabogen erfolgreich machen. Da zeigt der Patron Emotionen: «Entgegen der Meinung in der Deutschschweiz ist das hier kein Indianerreservat. Der Berner Jura verfügt über eine florierende Wirtschaft und viel Innovationskraft. Unsere Arbeitslosenquote liegt weit unter dem Schweizer Schnitt. Wir haben Zukunft», sagt Rossé.

Auch die Kirche mischt sich ein



Die Stimmung im bestreikten Werk ist ruhig. An Festbänken wird Zeitung gelesen, diskutiert, gejasst. «On s’amuse!», sagt einer. «Ich würde lieber heute als morgen die Arbeit wieder aufnehmen», meint ein anderer. «Aber nicht für Swissmetal.» Die Angestellten wollen anonym bleiben. Die Direktion hat ihnen verboten, mit den Medien zu sprechen. Ob das Vertrauen in die Geschäftsleitung in der Mediation wiederhergestellt werden kann, ist fraglich.

«Ich habe immer noch Hoffnung. Wie alle hier immer noch Hoffnung haben. Wenn wir keine Hoffnung mehr hätten, würden wir nicht mehr kämpfen», sagt Marc Balz gewunden. Der Dorfpfarrer von Reconvilier war auf Einladung von Martin Hellweg in Dornach zum Zmittag und ist deswegen im Dorf gefoppt worden. «Ich habe Monsieur Hellweg von der schwierigen Situation der Menschen hier erzählt. Er hat sehr aufmerksam zugehört. Aber ich weiss nicht, ob er verstanden hat», erzählt Balz. Dass sich sogar die Kirche in einen Arbeitskonflikt einmischt, ist aussergewöhnlich. «Ginge es um 200 Franken mehr Lohn pro Monat, wäre die Kirche nicht mit den Arbeitern. Aber hier geht es eben um mehr», erklärt der Pasteur.

«Wer behauptet, dass uns jemand anders beliefern kann, hat keine Ahnung von dem, was die Boillat eigentlich macht», sagt Marc Rossé. Er habe derzeit zwei Bestellungen aus den USA auf dem Tisch, die er nur mit den Spezialitäten, die in Reconvilier vorrätig sind, herstellen könne. «In die Lagerliste hat Martin Hellweg seine Nase wohl noch nie gesteckt. Überhaupt scheint fraglich, ob ihn kümmert, was seine Kundschaft so denkt», sagt Rossé.

Und wenn die Boillat wieder eigenständig würde? «Dafür brauchte es erst mal einen Verkäufer», erklärt ein Arbeiter. Die Swissmetal werde die Boillat nie verkaufen. «Sie würde sich damit ja einen Konkurrenten schaffen – und erst noch einen starken!» Auch weshalb eine vollständige Schliessung nicht in Frage kommt, ahnen die Arbeiter: «Wenn die Swissmetal die Boillat nicht schliesst, dann nur aus einem Grund: Sie will für die Bodensanierung nicht aufkommen», so ein Schlosser in einem Brief an Volkswirtschaftsminister Joseph Deiss. Zurück kam ein Standardbrief. Der Schlosser ist enttäuscht. «Der Bundesrat sollte darum besorgt sein, dass die Industrie in der Schweiz bleibt», erklärt der 31-Jährige, dessen Vater auch in der Boillat gearbeitet hat. «Der Konflikt ist auch eine Familienangelegenheit», sagt er. «In der Boillat herrscht das japanische System: Wer anheuert, bleibt sein Leben lang», so Gemeindepräsident Torti. Die Arbeitsmoral sei einmalig.

Weshalb die Direktion die Aktivitäten nach Dornach verlegen will, hat im Jura niemand verstanden. Gemäss Martin Hellweg ist die Giesserei von Dornach effizienter als diejenige von Reconvilier. Laut internen Dokumenten indes, die der Zeitung «Le Temps» zugespielt wurden, hat die Boillat im Jahr 2003 gut 3,7 Millionen Franken erwirtschaftet, während das Werk in Dornach zwei Millionen Franken Verlust einfuhr. Im ersten Halbjahr 2004 resultierte in Reconvilier ein Gewinn von über 5,8 Millionen Franken. Auch Dornach wies ein Plus von 2,6 Millionen Franken aus – aber nur dank Verkäufen von Rohstoffen.

Einmalige Produkte, volle Auftragsbücher, satte Gewinne, eine treue Kundschaft, eine motivierte Belegschaft – was will ein Direktor mehr? «Was hier passiert, ist surreal», sagt Boillat-Kunde Rossé. «Da wird ein übles Spiel gespielt», ist Gemeindepräsident Torti überzeugt. In Reconvilier werde mutwillig ein Kompetenzzentrum zerschlagen: «Das hier ist kein Sozialkonflikt. Hier kämpfen nicht die Arbeitnehmer gegen ihre Chefs. Hier geht es um den Transfer von Know-how.» Man habe Reconvilier «keinesfalls» schliessen wollen, schreibt die Direktion in einer Stellungnahme. Darüber, wie die Lage nach dem Streik aussieht, schweigt sie sich aus.

Streikführer Wuillemin ist überzeugt: «Wir werden gewinnen, weil wir alles in den Händen haben, um zu gewinnen.» Die Stimmung seiner Mitkämpfer schwankt zwischen Entschlossenheit und Resignation: «Mit der Region spielen heisst mit einem Pulverfass spielen», sagt ein Arbeiter. Man lasse sich nicht gern auf der Nase rumtanzen im Jura. Doch ein anderer meint müde: «Wenn in drei Monaten alles geschlossen sein wird, wird keiner mehr von uns sprechen.»

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