Luigi Rossi* ist ein Mitarbeiter, wie ihn sich eigentlich jede Firma wünschen müsste: Er arbeitet seit mehr als 20 Jahren treu bei SBB Cargo im Güterwagenunterhalt, absolvierte jede von ihm verlangte Weiterbildung und wurde gar für Verbesserungsvorschläge ausgezeichnet – mehrfach. «Wir danken für den guten Verbesserungsvorschlag und hoffen auf eine weitere gute Zusammenarbeit», schrieb ihm die Geschäftsleitung noch vor kurzem und überwies eine saftige Prämie. Dank einer Präventionsidee Rossis konnte die Bahn rund eine Viertelmillion Franken sparen.

Doch jetzt genügt der so gewürdigte 45-Jährige SBB Cargo plötzlich nicht mehr. Nicht dass seine Leistung plötzlich nach­gelassen hätte – nein, der Grund ist eine Formalie: Es geht ganz allein darum, dass Rossi nie eine Lehre abgeschlossen hat.

Liesse sich der oberste Chef auch prüfen?

Im Bereich Güterwagenunterhalt, wo die Beschäftigten Bahnwagen reparieren und wieder fit trimmen, kann jeder Fünfte keinen Lehrabschluss vorweisen. Das sind insgesamt 22 Angestellte, die meisten von ihnen Ausländer. Der Grossteil ist schon lange in der Firma, einige gar seit Jahrzehnten. Sie alle bot SBB Cargo im Sommer aus heiterem Himmel zu einem schriftlichen Eignungstest für eine nachträgliche Lehre auf. Ein paar traten schon gar nicht an, wurden beispielsweise frühpensioniert. Und von jenen, die sich dem Theorietest stellten, fielen zwei Drittel durch – unter ihnen auch Luigi Rossi, der als Legastheniker keine Chance hatte. Wer beim Test versagte, musste sich jetzt im SBB-eigenen Arbeitsmarktcenter nach ­einer anderen Stelle umsehen.

«Das ist keine Schikane, sondern zwingend nötig», wehrt sich SBB-Cargo-Sprecher Christoph Rytz gegen den Vorwurf, dass die Firma langjährige Mitarbeiter so durch jüngere, besser qualifizierte und billigere ersetzen will. Rytz betont, die gesetzlichen Bestimmungen für den Unterhalt von Eisenbahnwagen seien in den letzten Jahren schrittweise verschärft worden. Vor allem aber sei die Sache sicherheitsrelevant: Eine qualitativ hochstehende Arbeit sei nicht einfach «nice to have», sondern die Grundlage für einen sicheren Eisenbahnbetrieb. Deshalb habe SBB Cargo neue Berufsbilder mit höheren Anforderungen entwickelt.

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Diese höheren Anforderungen müssen aber nicht, wie sonst üblich, nur neue Angestellte erfüllen, sondern auch das langjährige Stammpersonal. Der Beobachter fragte deshalb nach, ob sich etwa SBB-Chef Andreas Meyer noch einmal einer Maturaufgabe stellen würde. Dessen Stabsstelle winkte ab: Beim SBB-Cargo-Eignungstest habe man nicht wie an einer Matura­prüfung Wissen abgefragt. Vielmehr sei es darum gegangen, das Potential des Personals abzuschätzen: «Kann der betroffene Mitarbeiter noch für die gestiegenen Anforderungen ‹nachqualifiziert› werden?»

«Wir werden das nicht akzeptieren»

Philipp Hadorn von der Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV) erklärt, die Gewerkschaft habe nichts dagegen, wenn SBB Cargo die Anforderungen an die Qualifikation ihrer Angestellten bei Bedarf erhöhe. Allerdings müsse ein Arbeitgeber grundsätzlich allen Betroffenen die Möglichkeit geben, sich weiterzubilden. Im vorliegenden Fall forderte der SEV, dass Mitarbeiter im angestammten Bereich weiterbeschäftigt werden, auch wenn sie nicht nach­qualifiziert werden könnten. Aufgeschreckt durch die Recherchen des Beobachters, verlangt der SEV jetzt von SBB Cargo, dass jeder Fall einzeln geprüft werde. «Falls sich der Verdacht erhärtet, dass SBB Cargo die Ungelernten loswerden will, werden wir das nicht akzeptieren», sagt Hadorn.

Für Luigi Rossi, jenen Mitarbeiter, wie ihn sich jede Firma eigentlich wünschen müsste, ist der Zug schon abgefahren: Er muss sich eine neue Stelle suchen.

*Name geändert