Der Chefredaktor des Schweizer Fernsehens (SF) fühlt sich umzingelt von Logos. An Pressekonferenzen stellten Firmen immer öfter eine Wand mit ihrem Logo auf und versuchten, das Interview vor der Wand zu führen und so das Firmensignet ins Bild zu rücken. Diese «Trickli» der PR-Leute seien unzulässig, mahnte Chefredaktor Ueli Haldimann seine Mitarbeiter neulich. In solchen Fällen solle die Kamera in die andere Richtung filmen.

Es geht schliesslich um nicht weniger als die Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit des Gebührensenders. «Unabhängigkeit» steht denn auch im Firmenporträt auf der Homepage des Schweizer Fernsehens an erster Stelle. Die Zuschauer als Zwangsgebührenzahler erwarten diese Unabhängigkeit, stellen an das Staatsfernsehen höhere Ansprüche als an einen Privatsender. Und erst daraus ergibt sich, was Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre als «das höchste Gut von SF» bezeichnet: die Glaubwürdigkeit.

Der Chefredaktor hätte anlässlich der Abmahnung auch eine bei den News-Moderatoren beliebte Freizeitbeschäftigung erwähnen sollen: das Moderieren von PR-Anlässen. Auch dort wimmelts von Logos. Auch dort könnten Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit unserer TV-Aushängeschilder Schaden nehmen. Denn wer freiwillig für eine private Firma gegen Honorar einen Anlass moderiert, könnte in die Bredouille geraten: Hat ein News-Frontmann nicht Beisshemmungen gegenüber einem CEO, der ihn gerade für ein Podium engagiert hat? Schon der Zweifel ist Gift im Nachrichtengeschäft. Moderatoren des öffentlich-rechtlichen Senders sollten bezüglich privater Engagements enthaltsam sein.
Das sind sie aber ganz und gar nicht. Die Willes, Klapproths, Staubers moderieren in ihrer Freizeit fleissig in die eigene Tasche. Susanne Wille («10 vor 10») leitete ein Podium anlässlich der UBS Women’s Leadership Conference und das Esprix Forum für Excellence, gesponsert von der Credit Suisse und der Helsana. Und das Wirtschaftsforum Region Wil, Hauptsponsor Swissregiobank.

«Ich spiele nie den PR-Clown»

«10 vor 10»-Kollege Stephan Klapproth moderierte die UBS-Wirtschaftsarena und das Forum der Schweizer Aussenwirtschaft im Zürcher Schiffbau, gesponsert von der UBS. Und das KMU-Forum der Basler Versicherungen im «Ramada Plaza» in Basel. Am Stehpult prangte das unvermeidliche Firmenlogo. Und den Schweizerischen Marketing-Tag, gesponsert von Citroën. «Tagesschau»-Sprecherin Katja Stauber moderierte im Kursaal Bern ein Podium der Gemeinschaftsstiftung für berufliche Vorsorge. An der Rückwand prangten die Logos verschiedener Versicherungsgesellschaften. «Kassensturz»-Mann Ueli Schmezer führte durch das Berner HR-Forum, gesponsert von Mobiliar, Galenica und PricewaterhouseCoopers. Ein Fachjournal titelte später: «Kassensturz am Berner HR-Forum». Für das Publikum ist Schmezer eben nicht Schmezer, sondern schlicht der «Kassensturz».

Wer beim Schweizer Fernsehen nicht Vollzeit arbeitet, darf solchen «Nebenbeschäftigungen» nachgehen, wie es intern heisst. Erstaunlich: Leutschenbach scheint eine einzige grosse Ansammlung von Teilzeitlern zu sein. So bieten gleich mehrere Agenturen die Dienste unserer Nachrichtensprecher an. Speakers.ch, laut Eigenwerbung «die führende Schweizer Agentur für Referenten- und Moderationsvermittlung», hat aus dem Informationsbereich Stephan Klapproth im Angebot («10 vor 10»), Reto Lipp («ECO») und Reto Brennwald («Arena»). Die «Profiline-Promotion» vermittelt Daniela Lager («10 vor 10») und Katja Stauber («Tagesschau»). Von den vielen TV-Stars aus dem Bereich der leichten Muse, den Kollers, Thurnheers, Vetschs, Studers, Epineys wollen wir gar nicht erst reden. Die müssen auch nicht enthaltsam sein, sondern zuerst und zuvorderst unterhaltsam.

Stephan Klapproth sieht keine Gefahr, sich mit seinen Auftritten ein Glaubwürdigkeitsproblem als News-Moderator einzuhandeln. «Ich spiele nie und nirgends den PR-Clown, sondern moderiere auf der Flughöhe meiner kritischen und rhetorischen Fähigkeiten.» Klapproth ist bei der Agentur «Menschen mit Meinungen GmbH» in der Preisklasse 8000 bis 16'000 Franken zu haben. Seine Honorare gibt er nicht preis, weil er als Selbständiger seine Ansätze «nicht gerade in der Zeitung publizieren» wolle. Auch wie oft er 2007 auftrat, sagt er nicht.

Klapproth gehört zur ersten Garnitur. Die zweite verdient laut einer Insiderin im Schnitt 5000 Franken. Die Moderatoren dürfen diese Nebeneinkünfte in ihre eigene Tasche stecken – und sie fallen ziemlich stattlich aus, wenn man weiss, dass News-Moderatoren zwar anständig verdienen, aber keineswegs Starhonorare wie im Ausland beziehen. Die Zeitschrift «TV-Star» bezifferte den ausbezahlten Lohn unserer News-Moderatoren vor drei Jahren für ein 100-Prozent-Pensum auf durchschnittlich 8300 Franken. Bei ZDF und ARD erhält ein Nachrichtensprecher der News-Hauptausgabe laut derselben Quelle zwischen 18'000 und 20'000 Franken.

Was meint die Fernsehdirektorin zu solchen Nebenjobs? Beschädigt es nicht die Glaubwürdigkeit, wenn unsere Nachrichtensprecher immer wieder an solchen PR-Anlässen auftreten? «Durch die sehr restriktive Haltung bei der Bewilligung von Nebenbeschäftigungen», teilt Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre mit, «behalten wir jederzeit die Kontrolle über die nebenberuflichen Tätigkeiten unserer Moderatoren.» Übersetzt heisst das: Nein, sie hat mit diesen Auftritten kein Problem. Doch wer letztes Jahr wie oft auftrat und wie viel dazuverdiente, verrät sie dem Beobachter nicht.

Die Idee, ihren Moderatorinnen und Moderatoren solche Auftritte gar zu verbieten, hält sie für eine Schnapsidee. «Gerade Mitarbeitende, die nicht zu 100 Prozent beschäftigt werden können, haben das Recht auf eine weitere Beschäftigung. Wir müssten sehr viel höhere Löhne bezahlen, um diese Auftritte verbieten zu wollen.» Das ist eine interessante Begründung. Weil das Fernsehen die Leute nur im Teilzeitpensum einstellt, dürfen sie in ihrer Freizeit PR-Anlässe moderieren – und weil sie in ihrem Teilzeitjob als Moderatoren des Staatsfernsehens immer wieder Glaubwürdigkeit tanken, können sie dieses Kapital privat vergolden.

Heinrich Müller machte nicht mit

Der ehemalige «Tagesschau»-Mann Heinrich Müller steht diesem Treiben kritisch gegenüber: «Es wäre naiv zu meinen, eine Firma hole einen TV-Moderator nur seiner analytischen Fähigkeiten wegen. Man holt ihn auch, weil er bekannt ist und für Seriosität bürgt.»

Müller verkörperte über 20 Jahre lang die «Tagesschau» vor der Kamera, galt zwar als ein bisschen bieder, aber als erzseriös. Dafür hat er öfter mal nein gesagt. Anfragen von Privatfirmen für Moderationen lehnte er ab. «Ich wollte mich nicht vereinnahmen lassen.» Denn, so das Fazit eines der erfolgreichsten News-Moderatoren der jüngeren Schweizer Fernsehgeschichte: «Glaubwürdigkeit ist das grösste Kapital eines Moderators.»

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