Etwas mehr «Action» im Job - das war es, was der junge Mann mit den wachen Augen suchte. Der Büroalltag war ihm «einfach zu langweilig» geworden. Vor gut einem Jahr wechselte er zur Bewachungsfirma Securitas. Jetzt ist Stefan Kühne (Name geändert) krankgeschrieben. Auf unbestimmte Zeit. Ob er je an seine Arbeitsstelle zurückkehrt, ist fraglich.

Seit drei Wochen hat Kühne die Gewissheit, sich mit dem Erreger der Tuberkulose angesteckt zu haben. Er muss noch während mehrerer Monate Antibiotika einnehmen. «Ich habe ständig Kopfschmerzen und bin am Tag kaum länger als sechs Stunden wach. Dabei achtete ich immer auf meine Gesundheit, trieb viel Sport und ernährte mich gesund.» Eine Ansteckung kann zwar laut Otto Brändli, Präsident der Lungenliga Zürich, in 99 Prozent der Fälle geheilt werden. Die Bakterien aber verbleiben im Körper. «In hohem Alter kann die Tuberkulose etwa bei einer Krebserkrankung ausbrechen.»

Gutes Geschäft für die Securitas

«Die Securitas-Gruppe - da für Ihre Sicherheit», so wirbt die grösste Anbieterin von Sicherheitsdienstleistungen. Weniger Gewicht scheint die Securitas auf die Sicherheit ihrer Angestellten zu legen. Denn Kühne hat sich mit grösster Wahrscheinlichkeit an seinem Arbeitsplatz angesteckt. Er war im Ordnungsdienst eingesetzt, in der Empfangsstelle für Asylsuchende in Basel. Der Auftrag vom Bundesamt für Migration (BFM) bringt der Securitas viel Geld: 9,1 Millionen Franken dieses Jahr, so BFM-Infochef Jonas Montani.

Die Empfangsstellen gelten gemäss der Suva-Broschüre «Tuberkulose am Arbeitsplatz» als Bereiche «mit hohem Ansteckungsrisiko», weil sie Menschen beherbergen, die aus Ländern kommen, in denen die Tuberkulose noch nicht besiegt ist.

Kühne wusste es nicht: «Die Securitas hat mir nichts gesagt vom Risiko in den Empfangsstellen.» Ein klarer Verstoss gegen das Arbeitsgesetz. Die Verordnung über die Unfallverhütung (VUV) verlangt, dass Arbeitnehmende über die bei ihren Tätigkeiten auftretenden Gefahren aufgeklärt und über die Massnahmen zu deren Verhütung angeleitet werden.

Vertrauen in den Arbeitgeber verloren

Laut Kühne sind neben ihm selbst nicht weniger als fünf Kolleginnen und Kollegen ebenfalls positiv auf den Tuberkulose-Erreger getestet worden. Dies entspricht beinahe einem Drittel der Belegschaft. Zu ihnen gehört auch der Securitas-Angestellte «Roland Huber», der Anfang Juli anonymisiert in der «Basler Zeitung» erklärte, sie seien nie explizit auf Risiken hingewiesen worden: «Wir wurden vollkommen im Stich gelassen.»

Die Securitas aber ist sich keiner Schuld bewusst. «Die Mitarbeiter wurden anlässlich von internen Schulungen vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) und Bundesamt für Migration (BFM) sowie mit den entsprechenden Merkblättern des BAG, der Suva und der Lungenliga über die Risiken, das Schutzverhalten sowie den Umgang mit Tuberkulose informiert», schreibt die Sicherheitsfirma in einer Stellungnahme.

Und fügt dann allerdings an: «Trotzdem haben wir aufgrund der aktuellen Vorfälle in der Empfangsstelle Basel zusammen mit Spezialisten von BAG, Suva und Lungenliga allfällige zusätzliche Massnahmen oder Optimierungen geprüft.» Dazu gehören etwa zusätzliche Information und Schulungen. Die Securitas will auch überlegen, ob der Schutz durch bauliche Massnahmen erhöht werden kann.

Stefan Kühne hat das Vertrauen in seinen Arbeitgeber verloren. Nachdem er von seiner Ansteckung erfahren hatte, äusserte er den Wunsch, nach seiner Genesung nicht mehr in der Empfangsstelle eingesetzt zu werden. Gespannt las er deshalb die Einsatzpläne für die kommenden Monate. Sein Einsatzort, gemäss diesen Plänen: die Empfangsstelle Basel. Kühne sieht sich jetzt nach einem Arbeitgeber um, der ihn als Person ernst nimmt.

In der Schweiz relativ selten

Die Infektionskrankheit Tuberkulose wird durch Bakterien verursacht. Die Ansteckung erfolgt beim Menschen über die Atemwege. Die Krankheit ist vor allem für Kinder und immungeschwächte Personen gefährlich. Sie ist aber heilbar, wenn sie richtig behandelt wird. Weltweit ist die Tuberkulose eine der am häufigsten zum Tod führenden Infektionskrankheiten bei Erwachsenen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass 2006 9,2 Millionen Menschen an Tuberkulose erkrankt und 1,7 Millionen daran gestorben sind. In der Schweiz ist die Tuberkulose eine verhältnismässig seltene Erkrankung mit weiter abnehmender Tendenz. 2007 sind dem Bundesamt für Gesundheit 478 Fälle gemeldet worden (davon 178 Fälle bei Personen schweizerischer Nationalität). Dies entspricht einer Melderate von jährlich weniger als acht Fällen pro 100'000 Einwohner.