Der ehemalige Mitarbeiter von Dignitas M. P. (Name der Redaktion bekannt) ist eine wichtige Auskunftsperson für die Zürcher Staatsanwaltschaft. M. P. behauptet, er habe im April 2003 beobachtet, wie ein französischer Arzt in den Räumlichkeiten der Sterbehilfeorganisation einer Sterbewilligen das tödliche Natriumpentobarbital verabreichte. Deshalb ermitteln die Strafbehörden gegen Dignitas. Der Verdacht: illegale aktive Sterbehilfe (siehe Artikel zum Thema «Eine Insiderin klagt an»).

M. P. kritisierte Anfang Jahr auch fragwürdige Methoden der Sterbehilfeorganisation in der Fernsehsendung «Rundschau» und forderte mit Hilfe eines Anwalts ausstehende Löhne sowie Spesenentschädigungen in der Höhe von rund 12'000 Franken.

Angebliche Vergewaltigung

Die Antwort kam postwendend und heftig. Dignitas-Gründer Ludwig A. Minelli schrieb dem Anwalt des früheren Sterbehelfers einen geharnischten Brief. Darin bestritt er nicht nur die Lohnforderung, sondern erwähnte, nach der «Rundschau» habe sich bei ihm eine Person gemeldet. Diese behaupte, «vor einigen Jahrzehnten» von M. P. anal vergewaltigt worden zu sein. Falls M. P. klage, werde die alte Geschichte vor Gericht ausgebreitet.
Diesen Wink mit dem Zaunpfahl verpackte Anwalt Ludwig A. Minelli juristisch geschickt: «Im Rahmen eines Forderungsprozesses könnten diese Ansprüche (...) durchaus geltend gemacht werden, was wohl (...) ein umfangreiches Beweisverfahren notwendig machen würde.» Im Klartext: Wenn du an deiner Forderung gegen Dignitas festhältst, waschen wir vor Gericht dreckige Wäsche.

Der ehemalige Dignitas-Angestellte bleibt gelassen: «Die Vorwürfe sind haltlos.» Zwar kenne er die Person, die ihn beschuldige, doch habe er ihr nie irgendetwas angetan. «Minelli will mich nicht nur von meinen berechtigten Ansprüchen abbringen, sondern auch als Dignitas-Kritiker und möglichen Zeugen in einem Strafverfahren einschüchtern.» Und dies könnte Konsequenzen haben: «Der Wortlaut des Briefs legt den Verdacht auf Nötigung nahe», sagt der Freiburger Strafrechtsprofessor Franz Riklin.

Minelli bestreitet sämtliche Vorwürfe. Es sei ihm nichts bekannt von einem Strafverfahren gegen Dignitas wegen aktiver Sterbehilfe. Überdies könne er nicht nachvollziehen, wie M. P. dazu komme, sich in einem solchen Verfahren als Zeugen zu sehen. «Demzufolge ist die Vermutung einer Absicht meinerseits, ihn als Zeugen wertlos machen zu wollen, grundlos», schreibt der Dignitas-Chef.

Auch einen Nötigungsversuch weist Ludwig A. Minelli von sich: Es sei «eine vom Recht vorgesehene Möglichkeit», dass Dignitas die Schadenersatzansprüche der möglicherweise vergewaltigten Person erwerbe und gegen M. P. geltend mache. «Ihn auf eine solche Möglichkeit hinzuweisen, damit er seine Lage richtig einzuschätzen vermag, stellt in keiner Weise einen Nötigungsversuch dar.»

Die Strafbehörde muss ermitteln

Die von Minelli behauptete «vom Recht vorgesehene Möglichkeit» ist allerdings im konkreten Fall chancenlos: Als die Lohnforderungen von M. P. entstanden, war die Schadenersatzforderung der angeblich vergewaltigten Person bereits verjährt. Und damit kann sie laut Gesetz nicht verrechnet werden. «Eine verjährte Forderung kann mit einer anderen Forderung nur verrechnet werden, wenn sie nicht schon verjährt war zum Zeitpunkt, als die andere Forderung entstand», sagt der Berner Privatrechtsprofessor Thomas Koller.

Sämtliche Fragen wird demnächst die Zürcher Staatsanwaltschaft klären müssen. Da es sich bei Nötigung um ein Offizialdelikt handelt, sind die Strafbehörden von Amts wegen verpflichtet, Ermittlungen einzuleiten.

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