«Es hängt überall ein Preisschild dran», sagt Mark Schieweck vieldeutig. «Ich arbeite vermutlich nicht viel weniger als vorher, muss aber effizienter sein. Und ich nehme natürlich eine Einkommenseinbusse in Kauf.» Aber diesen Preis für sein 80-Prozent-Pensum bezahlt er gern: Der Mittwoch mit seinem dreijährigen Sohn Yannick lasse sich mit Geld überhaupt nicht aufwiegen.

Dass Schieweck Teilzeit arbeitet, ist in seinem Metier und in seiner Position – er ist Anwalt bei der Credit Suisse – immer noch aussergewöhnlich. «Eine Reduktion des Pensums wäre in einem anderen Unternehmen wohl schwierig gewesen», sagt der 35-Jährige. Da der Jurist unbedingt Zeit für sein Kind haben und seine Partnerin ihre 60-Prozent-Stelle nicht aufgeben wollte, nutzte er einen internen Stellenwechsel und machte klar, dass für ihn nur ein Teilzeitpensum in Frage komme. «Zu meiner Überraschung gingen meine Chefin und die Personalabteilung auf das Anliegen ein und unterstützten mich in meinem Vorhaben von Anfang an.»

Vorteile auch für die Firma



Thomas Huber von der Fachstelle UND, die sich für die partnerschaftliche Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit zwischen Frauen und Männern einsetzt, erklärt die Bedingungen: «Flache Hierarchien, Teamgeist und eine kooperative Führung kommen Kadermännern bei einer Reduktion des Pensums entgegen.» Ausserdem sei es wichtig, dass man seinen Wunsch gut durchdacht habe. «Nur wer sich darüber im Klaren ist, tritt auch überzeugend auf und wird erfolgreich verhandeln», sagt Huber.

Auch der 40-jährige Physiker Ernest Weingartner, der als Forschungsgruppenleiter am Paul-Scherrer-Institut arbeitet, konnte sein Pensum problemlos auf 80 Prozent reduzieren – um mehr Zeit für seine heute vierjährige Tochter Camille zu haben. «Ich war wegen meiner fachlichen Spezialisierung in der glücklichen Lage, über Fähigkeiten zu verfügen, die für das Institut wichtig sind.» Entscheidender war für Weingartner aber die innere Überzeugung: «Ich ging mit dem festen Willen ins Gespräch, mein Pensum zu reduzieren.» Der Vorgesetzte habe die Pläne ernst genommen und ohne Einschränkung unterstützt – «keine Selbstverständlichkeit».

Das abgespeckte Pensum bringe dem Institut aber auch Vorteile, glaubt Weingartner: «Dadurch wurden für jemand anderen 20 Stellenprozente frei, während ich faktisch die gleiche Arbeit mache wie vorher.» In der Forschung, wo das Geld ohnehin knapp sei, bedeute das mehr Arbeitskraft für weniger Geld. Derartige Aspekte sind ein Erfolgsfaktor beim Projekt Teilzeit: «Wenn ein Kadermann seinem Chef eine Reduktion vorschlägt, sollte dieser Vorschlag für das Unternehmen ebenso vorteilhaft sein wie für den Mitarbeiter selber», so UND-Experte Thomas Huber. Gerade Kaderleute müssten neben dem eigenen Blickwinkel auch immer jenen des Unternehmens einnehmen.

Lernen, den Haushalt zu schmeissen



Wer in einer verantwortungsvollen Position tätig ist und der Familie wegen weniger arbeiten will, sollte sich bewusst sein, dass sehr viel Neues auf ihn zukommt. So fällt zu Beginn vielen Männern der Alltag mit Kindern schwer. «Ich musste zuerst lernen, wie man den Haushalt schmeisst», sagt Ernest Weingartner. Und Mark Schieweck ist froh, dass sein Sohn auch einfache Dinge spannend findet: «Einkaufen im Supermarkt ist für ihn ein besonderes Ereignis.»

Neben den Verpflichtungen als Vater und Hausmann steht zwischendurch immer wieder das Geschäft an. «Selbst an meinem freien Tag ist es für mich selbstverständlich, dass ich im Notfall für meine Berufskollegen und für interne Kunden telefonisch erreichbar bin», sagt Schieweck.

Auch Weingartner hat «nie ganz frei» an seinem Vatertag. «Wenn Camille in der Spielgruppe ist, sitze ich mehrheitlich am Computer.» Und abends liest und beantwortet er seine E-Mails, damit er am nächsten Morgen ohne Verzögerung wieder in die Arbeit einsteigen kann. «Mein Team ruft mich an meinem freien Tag nur in wirklich dringenden Fällen an», sagt der Physiker. Dennoch komme es immer wieder vor, dass er für ein Projekt oder einen Kongress seinen freien Tag hergeben müsse. «Kompensieren tue ich das nur selten.»

Trotz diesen Komplikationen – die beiden Väter haben ihren Entscheid nie bereut. «Mein Sohn hat eine viel intensivere Beziehung zu mir», sagt Mark Schieweck. Wenn Yannick sich mal wehtue, laufe er nicht automatisch zur Mutter, sondern wisse, dass auch der Papi ihm helfen könne. Eine Nähe, die auch Ernest Weingartner als grösstes Geschenk bezeichnet. «Dazu kommt, dass unsere Tochter nicht nur einen Lebensweg mitbekommt, sondern erlebt, wie meine Frau und ich den Alltag unterschiedlich gestalten.»

Die intensivste Zeit geht für Weingartner aber bereits wieder zu Ende. «Camille interessiert sich inzwischen mehr für ihre Spielkameraden als für mich. Anderseits nehmen die Anforderungen im Beruf eher zu.» Nächsten Sommer kommt die Kleine in einen Kindergarten mit Tagesstruktur. «Es ist für mich denkbar, dass ich dann mein Pensum wieder aufstocke.»

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Fachstelle UND: www.und-online.ch