Wann Vreni Wälti ihren Job erledigt, ist ihr überlassen. Die 42-Jährige aus Ebikon arbeitet, wenn sie Lust dazu hat. So sitzt sie mitunter auch abends oder am Wochenende in ihrem Heimbüro am Computer, um im Auftrag ihres Arbeitgebers Kundenadressen zu erfassen und zu aktualisieren. Seit fünf Jahren arbeitet Wälti nach diesem Modell.

Die Technologien rund um Internet und Mobiltelefonie haben dazu geführt, dass sich bestimmte Arbeiten nicht mehr nur in der Firma, sondern genauso gut zu Hause erledigen lassen: Telearbeit heisst das Zauberwort. «Die Flexibilisierung des Arbeitsorts ist in den letzten Jahren in der Arbeitswelt zu einem ernsthaften Faktor geworden», sagt Daniel Huber von der Fachstelle UND (Familien- und Erwerbsarbeit für Männer und Frauen), «allerdings in den meisten Firmen erst in begrenztem Umfang.»

Ein Zeichen von Fortschritt



Das ist auch eine kulturelle Frage, wie Hans Geser, Soziologe an der Universität Zürich, in seiner Studie «Telearbeit: Versuch einer nüchternen Zwischenbilanz» feststellt. Während die Telearbeit in den USA und in Kanada als Zeichen von Fortschritt gilt, reagieren europäische Firmen zurückhaltend darauf, nicht zuletzt aus Datenschutzgründen. Die Arbeitspsychologin Karin Ammann schätzt jedoch, dass in der Schweiz immerhin fünf Prozent der Erwerbstätigen regelmässig von zu Hause aus arbeiten. Weil die Grenzen zwischen beruflicher Tätigkeit im Betrieb und daheim oft fliessend sind, kommt dazu noch eine erhebliche Anzahl von «Sowohl als auch»-Beschäftigten.

Zeit und Energie sparen



Vor allem hoch qualifizierte Berufsleute, die im Kreativ- oder im Konzeptbereich tätig sind, arbeiten abwechselnd zu Hause und im Unternehmen. Auch viele Kaderleute erledigen gewisse Arbeiten mit dem Notebook von zu Hause aus, weil die Zeit im Büro dazu nicht mehr reicht. Untersuchungen zeigen laut Hans Geser, dass die alternierende Telearbeit die grössten Zukunftsaussichten hat, weil sie den Bedürfnissen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermassen entspricht. So geben Erwerbstätige in Umfragen regelmässig an, bei völlig freier Arbeitsplatzwahl am liebsten zwei bis drei Tage im Büro und den Rest zu Hause zu arbeiten.

Arbeiten im privaten Umfeld bietet vor allem praktische Vorteile. «Durch den Wegfall des Arbeitswegs spart man Zeit, Energie und Geld», so Arbeitspsychologin Ammann. Dieser gewonnene Freiraum wird von den Betroffenen geschätzt, weil sie sich die Zeit für Beruf und Familie selbstständig einteilen können. «Durch Telearbeit steigt die Kreativität. Zudem fördert sie Eigenverantwortung und Selbstständigkeit», ist Daniel Huber von der Fachstelle UND überzeugt.

Auch Vreni Wälti schätzt die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit ihren Bedürfnissen entsprechend einteilen zu können. Früher, als ihr Sohn Mike noch kleiner war, arbeitete sie meist abends oder frühmorgens. Mittlerweile geht der Sechseinhalbjährige in den Kindergarten und sitzt selber gern am Computer. «Probleme wegen meiner Telearbeit gab es bis jetzt nie», sagt Wälti. «Wir haben immer einen Konsens gefunden, wobei das Familienleben klar Vorrang hat.»

Doch Telearbeit hat auch Schattenseiten. Vereinsamung und Isolation bilden die grössten Gefahren – bisweilen mit unerfreulichen Auswirkungen: «Bei Entlassungen sind Stellen von Telearbeitern, die aufgrund ihrer geringen Präsenz im Betrieb zu wenig integriert und informiert sind, oftmals besonders gefährdet», so Daniel Huber. Weiter bestehe die Gefahr, von den Vorgesetzten mit Arbeit überhäuft zu werden, da sie von Telearbeitern erwarten, allzeit bereit zu sein – auch abends und am Wochenende. US-Forscher haben festgestellt, dass sich technologische Fortschritte wie Notebooks oder Handys als Zeitfallen entpuppen: In ihren Untersuchungen wiesen sie nach, dass Personen, die nur in einem Büro tätig waren, im Schnitt 43 Stunden pro Woche arbeiteten. Arbeiteten die gleichen Personen an zwei verschiedenen Orten, stieg ihr Wochenpensum auf 45 Stunden.

Dreht sich diese Spirale weiter, stehen Spannungen ins Haus. «Wenn die Arbeit dominiert, kann das für das Familienleben zu einer Belastung werden», sagt Arbeitspsychologin Ammann. Die Studie «Die Kosten von Stress» des Staatssekretariats für Wirtschaft zeigt, dass für ein Drittel der befragten Arbeitnehmer eine unklare Abgrenzung von Erwerbsarbeit und Privatleben die Hauptquelle des Belastungsdrucks darstellt. Die Fachstelle für Familien- und Erwerbsarbeit UND plädiert deshalb dafür, dass – gerade wenn Telearbeit im Spiel ist – die Schnittstellen zwischen Berufs- und Privatleben klar definiert und geregelt werden.

Anzeige

Untragbar für den Vorgesetzten



Die Zukunft der Telearbeit ist laut Professor Hans Geser ungewiss, weil die damit verknüpften Verluste an Firmenloyalität, Leistungsmotivation und Lernmöglichkeiten vor allem von den Vorgesetzten oft als untragbar empfunden werden. «Deshalb sind die Arbeitgeber wieder dazu übergegangen, das Privileg freier Arbeitsplätze auf wenige, hoch bezahlte Spezialisten einzuschränken.» Karin Ammann rechnet damit, dass sich bestimmte Arbeitsstrukturen künftig auflösen werden, weil neue Dienstleistungen entstehen, die nicht mehr ins alte Schema passen – zum Beispiel solche, die zu Abend- und Nachtzeiten erbracht werden. Gefragt sei ein flexibler Umgang mit der Arbeit: «Die Telearbeit wird dank den technischen Möglichkeiten bestehen bleiben, aber nicht überwiegen», prophezeit die Arbeitspsychologin.

Anzeige

Weitere Infos



Fachstelle UND (Familien- und Erwerbsarbeit für Männer und Frauen), Telefon 044 462 71 23; Internet: www.und-online.ch


Buchtipps



Peter Böhringer: «Die neue Arbeitswelt. Flexibilisierung der Erwerbsarbeit und atypische Arbeitsverhältnisse»; Bezug: KV Zürich, Telefon 01 211 33 22; E-Mail: info@kvz.ch