Für mich bedeutete das Angebot sehr viel. Denn ich wollte die erste Zeit möglichst viel um die Kinder sein, damit wir als Familie zusammenwachsen konnten», erzählt Andreas Kuster. Er spricht von seinen beiden Vaterschaftsurlauben. Nach der Geburt seiner Töchter Helena, 2, und Angelina, 4, bezog der 32-jährige Leiter einer Migros-Filiale in der Stadt Zürich jeweils vier Wochen «Vaterzeit», je zwei davon bezahlte sein Arbeitgeber. Seit Anfang dieses Jahres hat die Migros schweizweit eingeführt, wovon Andreas Kuster im Rahmen eines Pilotprojekts in Zürich profitieren konnte. Neu haben alle rund 30'000 Mitarbeiter während zwölf Monaten nach der Geburt ihres Kindes Anspruch auf einen bezahlten Urlaub von zwei Wochen, an den sie noch zwei Wochen unbezahlte Ferien anhängen können.

Ein Gnadenakt der Arbeitgeber

Bereits seit Anfang 2006 hat die Swisscom zwei bezahlte Ferienwochen für ihre Mitarbeiter eingeführt. «Wir sparten mit der Mutterschaftsversicherung rund drei Millionen Franken ein, die nun in Massnahmen für die Mitarbeitenden gesteckt werden», erklärt Mediensprecher Josef Frey. Das Unternehmen rechne damit, dass rund 400 Mitarbeiter pro Jahr die zwei Wochen Vaterschaftsurlaub beziehen. Das entspricht gut drei Prozent der Männer im Betrieb.

Die Beispiele dieser zwei Grossunternehmen können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der Schweiz die Forderung nach einem Vaterschaftsurlaub nur zögerlich umgesetzt wird, obwohl sie schon lange auf dem Tisch ist. Im Gegensatz zum Mutterschaftsurlaub, der 2005 eingeführt worden ist, gibt es nach wie vor kein Gesetz, das den Vaterschaftsurlaub regelt - er beruht allein auf Freiwilligkeit der Arbeitgeber. Zum Ärger der Gewerkschaften, die fordern, dass er heute selbstverständlich zu jeder Gesamtarbeitsvertragsverhandlung gehören müsse. Sie machen sich für mindestens vier Wochen Auszeit für frischgebackene Väter stark, weil diese sich «positiv auf die partnerschaftliche Rollenverteilung auswirken» könne.

Auch Daniel Huber, Geschäftsführer der Fachstelle «UND Familien- und Erwerbsarbeit für Männer und Frauen», bezeichnet den Vaterschaftsurlaub als wichtig. Aber dabei solle es ein Unternehmen nicht belassen. Der Urlaub müsste vielmehr zu einem familienfreundlichen Gesamtpaket gehören, bei dem zum Beispiel auch Teilzeitarbeit für Väter vorgesehen sei. Und: «Es braucht ein aktives Engagement der Firma.» Davon ist man aber in vielen Branchen noch weit entfernt. In der Maschinenindustrie etwa reichte es im Gesamtarbeitsvertrag von 2006 nur gerade zu einer Empfehlung für vier Wochen unbezahlten Vaterschaftsurlaub.

Womöglich nicht mal eine Woche

Auf der politischen Bühne blieb es bislang bei Absichtserklärungen. Immerhin hat der Nationalrat Anfang März knapp eine Motion überwiesen, die «einige Wochen» Urlaub fordert. Voraussichtlich in der Herbstsession wird der Ständerat darüber entscheiden. Danach müsste der Bundesrat verschiedene Szenarien ausarbeiten. Doch selbst für die Minimalvariante von einer Woche Urlaub stehen die Zeichen schlecht. Dabei ist der Wunsch nach einem Vaterschaftsurlaub bei den Schweizern sehr stark: 80 Prozent der Bevölkerung wollen ihn, wie eine Umfrage des Magazins «L’Hebdo» Ende Mai ergab.

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In vielen europäischen Ländern ist die Auszeit für frischgebackene Väter längst staatlich und grosszügig geregelt (siehe Box «Das leisten andere Länder»). Und bis 2010 will die EU alle Mitgliedsländer zu einem Vaterschaftsurlaub verpflichten. In jenen Ländern, in denen der Urlaub bei Nichtbezug verfällt, nutzen ihn 80 Prozent der Väter. In Island und Norwegen, den grosszügigsten Ländern, kam es nach der Einführung zu einem eigentlichen Babyboom.

Hierzulande halten sich derweil hartnäckig die Argumente gegen einen mehrwöchigen Vaterschaftsurlaub: Insbesondere kleinere und mittlere Unternehmen könnten sich die höheren Lohnkosten und die häufigere Abwesenheit der Mitarbeiter gar nicht leisten. Dass dem nicht so sein muss, beweisen zwei kleine Schweizer Unternehmen: Die Alternative Bank Schweiz (ABS) und Mobility CarSharing zeigen, wie es funktioniert. Sie gewähren ihren Mitarbeitern volle vier Wochen Vaterschaftsurlaub. Bei der ABS mit 67 Angestellten wurde er 1990 eingeführt, bei Mobility kamen im Jahr 2000 zu den anfangs zwei Wochen weitere zwei hinzu. Dort profitierten im Jahr 2006 sechs der 76 Männer vom Angebot; das liess sich die Firma 50'000 Franken kosten. Der zweifache Vater Patrick Bünzli, Leiter Flotte, bezog in zwei aufeinanderfolgenden Jahren Urlaub, «immer dann, wenn es nötig war, meine Frau ein paar Tage lang zu entlasten». Die Familienfreundlichkeit der Firma sei für ihn ein wichtiger Punkt. Dazu gehören auch die 40-Stunden-Woche und flexible Arbeitszeiten. «Die Fluktuation der Mitarbeiter ist bei uns sehr tief», sagt er.

Zufrieden ist auch Andreas Kuster mit der Lösung, die ihm sein Arbeitgeber Migros bietet. Der zweifache Vater findet vier Wochen Urlaub ideal. «Denn ich brauchte jedes Mal etwas Zeit, um in den Familienrhythmus hineinzukommen.» Auch betriebsorganisatorisch seien vier Wochen Urlaub durchaus machbar, wenn sie nicht am Stück bezogen würden, betont der Filialleiter und fügt hinzu: «Der Vaterschaftsurlaub stösst unter den Mitarbeitenden auf sehr gute Akzeptanz.» In den ersten drei Monaten seit der Einführung des Gesamtarbeitsvertrags gingen bereits 100 Väter in Urlaub.

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Das leisten andere Länder

  • Dänemark: Während 10 von 32 Wochen Elternurlaub werden 60 Prozent des Lohns bezahlt
  • Deutschland: 3 Jahre Elternurlaub; 460 Euro monatlich im ersten Jahr, danach 307 Euro
  • Finnland: 18 Tage voll bezahlt; 31 Wochen Urlaub für Vater oder Mutter; 65 Prozent des Lohns
  • Frankreich: 14 Tage mit 84 Prozent des Lohns, ab dem zweiten Kind für 3 Jahre 470 Euro
  • Italien: 10 Monate Elternurlaub, 11 Monate, wenn der Vater davon 3 Monate bezieht; 30 Prozent des Lohns
  • Österreich: 24 Monate; 436 Euro
  • Schweden: 10 Tage voll bezahlt sowie 18 Monate Elternurlaub, davon 2 Monate nur für Väter; 80 Prozent des Lohns
  • Norwegen: 5 Wochen nur Vater, 29 oder 38 Wochen Vater oder Mutter; voller Lohn oder 80 Prozent
  • Island: 9 Monate, je 3 Monate Vater oder Mutter, Rest wählbar; 80 Prozent des Lohns