Anita Stadler hatte Hunderte von Bewerbungen geschrieben, bevor sie vor zweieinhalb Jahren beim Marktforschungsinstitut IHA-GfK in Hergiswil NW eine Anstellung als Telefonistin erhielt. Thomas Kenel, der Leiter der Abteilung Medienforschung, begriff – im Gegensatz zu andern Personalverantwortlichen –, dass die 48-jährige Stadler den 50-Prozent-Job trotz ihren gelegentlichen Gleichgewichtsstörungen problemlos meistern kann. «Ich leiste gleich viel wie meine Kolleginnen», sagt Anita Stadler. Und Kenel ergänzt, deshalb sei seine Mitarbeiterin beim Lohn Angestellten ohne Behinderung gleichgestellt.

Eine Etage höher arbeitet Thomas Z’Rotz, 41, als Softwareentwickler an seinem Computer. Die versteiften Ellbogen, die leicht verdrehten Arme und seine Hüftprobleme sind die Folge der Arthrogryposis, einer seltenen Geburtsbehinderung. Den Computer bedient er vorzugsweise mit der Maus und einem Stift – seiner Leistung tut das aber keinerlei Abbruch. Im Gegenteil: Z’Rotz hat auch schon die Leitung von Projekten und damit Führungsverantwortung übernommen. Am Arbeitsplatz benötigt er einen speziellen Stuhl, im WC liess das Unternehmen einen Griff anbringen. Für beides übernimmt die IV die Kosten.

Die Integrierten sind doppelt motiviert
Die Integration in den Arbeitsprozess stärkt das Selbstwertgefühl von Anita Stadler und Thomas Z’Rotz. Die Firma wird stets auf sie zählen können, und die IV spart Hunderttausende von Franken. Doch das positive Beispiel steckt andere Firmen leider nicht an. Acht Prozent aller Jobs in der Schweiz wären auch für Menschen mit einer Behinderung geeignet, schätzt Benjamin Adler, stellvertretender Zentralsekretär der Stiftung Agile, des schweizerischen Dachverbands der Behinderten-Selbsthilfe. Die Realität sieht anders aus: Der Anteil der Behinderten im Arbeitsmarkt beträgt gerade mal 0,8 Prozent.

Mit der Kampagne «Back to Work» will Agile nun die Arbeitgeber ermuntern, vermehrt gesundheitlich beeinträchtigte Angestellte einzustellen. Adler: «Bei einer Erhebung vor einigen Jahren stellten wir fest, dass es rund 50'000 Behinderte gibt, die eine Stelle suchen.» Was viele Unternehmer nicht wissen: Die IV übernimmt die Kosten für die Umrüstung von Arbeitsplätzen und bezahlt Spezialgeräte, die etwa Sehbehinderte an Computern benötigen. Schliesslich bezahlt die IV auch die Lohnkosten während der Einarbeitungszeit, die bis zu sechs Monate dauern kann. Allerdings: Stellt ein Betrieb behinderte Personen ein oder beschäftigt sie weiter, steigen die Prämien für die Taggeldversicherung.

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Befremdend ist, dass nur 13 Prozent der Arbeitnehmer weiterbeschäftigt werden, die sich ihre Behinderung bei der Arbeit zugezogen haben. Dabei, so die Agile-Verantwortlichen, wäre teilzeitliche Weiterbeschäftigung der Betroffenen, verbunden mit einer reduzierten Rente, für die Firmen günstiger als eine Neueinstellung.

Ein positives Beispiel liefert die Burgergemeinde Biel: «Für uns kam es nie in Frage, unseren Mitarbeiter Hans-Ruedi Bürki seinem Schicksal zu überlassen», erklärt Geschäftsführer Kuno Moser. Während 35 Jahren packte der gelernte Schreiner Bürki überall mit an – bei Schreiner- und bei Dachdeckerarbeiten, der Schneeräumung und beim Unterhalt der Wege. Die Knochenbüez hat ihre Spuren hinterlassen: Diskushernie und Asthma verbieten es Bürki heute, den Rücken stark zu belasten. Die Burgergemeinde ermöglicht dem langjährigen Angestellten eine 50-Prozent-Beschäftigung als Arbeitsorganisator, daneben erhält er eine halbe IV-Rente.

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Psychische Belastung macht krank
Rund ein Drittel aller IV-Abklärungen haben indes nichts mit Abnutzungsfolgen bei Schwerarbeitern oder unfall- und krankheitsbedingten Behinderungen zu tun: In diesen Fällen geht es um die psychische Belastung im Job, der viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht gewachsen sind. «Gerade bei psychischen Problemen zeigt sich, dass die Wiedereingliederung ein grosse Heilwirkung hat», sagt Werner Haas von der IV-Stelle Luzern. 

Eine Aussage, die Patricia Städeli, Barmaid im Hotel Résidence in Zweisimmen BE, nur bestätigen kann. Im ersten Lehrjahr als Hotelfachassistentin begann sie an einer Depression zu leiden. Die heute 21-Jährige wollte die Krankheit indes nicht wahrhaben, arbeitete weiter, bemerkte die beginnende Magersucht zu spät – und erlitt einen Zusammenbruch. Ihr Glück: Eine Lehrerin der Fachschule machte sie auf den Verein Arbeitskette aufmerksam, der in Zürich das Restaurant Renggergut führt. Dort konnte sie ihre Ausbildung erfolgreich abschliessen – mit weniger Druck am Arbeitsplatz. Heute sind die Depressionen weg, ihre Belastbarkeit ist zurückgekehrt. Patricia Städeli ist glücklich: «Die Arbeit an der Bar läuft tipptopp – es geht wieder aufwärts.»

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