Hannes Lindenmeyer, 67, ist Experte für Arbeits­integration und Organisationsberater. Er berät Non-Profit-Organisationen und öffentliche Verwaltungen.

Beobachter: Wir haben in der Schweiz nur etwa drei Prozent Arbeitslose – warum investieren wir so viel Geld, um sie in den Arbeitsmarkt ­zurückzuführen?
Hannes Lindenmeyer: Arbeitslose haben es bei uns schwerer als etwa in Spanien, weil bei uns Arbeitslosigkeit als «nicht normal» gilt. Bei uns ist man als Arbeitsloser sofort am Rand der Gesellschaft. Wenn ein 40-Jähriger um zehn Uhr im Strassencafé sitzt, wird er schräg angeschaut.

Beobachter: Trotz allen Anstrengungen bleibt die Zahl der nicht Vermittelbaren, die Sockelarbeitslosigkeit, mehr oder weniger stabil. Was läuft falsch?
Lindenmeyer: In der Arbeitslosenversicherung gilt der Grundsatz «rasch» vor «nachhaltig». Oder anders ausgedrückt: «So rasch wie möglich von unserem Geldtopf weg.» Der Weg führt dann oft nur in kurzfristige Anstellungen – oder zu einem anderen Topf, zur IV oder zur Sozialhilfe.

Anzeige

Beobachter: Was wäre nachhaltiger?
Lindenmeyer: Das Ausbildungswesen muss unbedingt für Erwachsene geöffnet werden. Im Schweizer Arbeitsmarkt gibt es 250'000 Menschen über 30, die keine Ausbildung haben. In der nächsten Krise werden sie arbeitslos und geraten in die Maschinerie der Sozialwerke.

Beobachter: Die Idee des lebenslangen Lernens ist ja nichts Neues.
Lindenmeyer: Heute ist es aber so, dass nur diejenigen sich weiterbilden, die bereits einen guten Abschluss haben. Unqualifizierte denken: «Bildung ist nichts für mich, da habe ich ­keine Chance.» Sie müssen zur Bildung motiviert werden. Studien haben gezeigt, dass es sich volkswirtschaftlich rechnet, wenn 30- bis 50-Jährige eine Berufslehre nach­holen. Der Trend, dass man ohne Quali­fikation an der Wissensgesellschaft nicht teilhaben kann, wird sich verstärken.

Anzeige

Beobachter: Also müssten die Massnahmen der Arbeits­losenversicherung vor allem auf höhere ­Qualifizierung ausgerichtet sein?
Lindenmeyer: Das wäre an sich richtig, allerdings stiege damit das Risiko, dass die ALV zweckentfremdet wird, um ein Studium zu finanzieren – weil sie bessere Leistungen bringt als unser leider miserables Stipendien­wesen.

Beobachter: Was müsste sich also ändern?
Lindenmeyer: Bisher kümmern sich ALV, IV und die ­So­zialhilfe um die berufliche Wiedereingliederung. Die Bildung muss unbedingt ins Boot geholt werden. Sie muss sogar ­eine tragende Rolle spielen, denn sie ist das einzige System, das nicht stigmatisiert.

Beobachter: Wie soll das aussehen?
Lindenmeyer: Die Beratung müsste aus den Sozialwerken herausgelöst und in einer einzigen Instanz für Arbeitsintegration vereint werden. ­Diese wäre eng mit der Berufsbildung verknüpft. Menschen, die aus dem Arbeitsmarkt herausgefallen sind, würden von IV, ALV und Sozialhilfe dorthin geschickt. Wie das RAV wären diese Stellen dezentral, sie würden aber eher wie die Berufsinforma­tionszentren funktionieren. Dort sind die Klienten eher Kunden, man berät und fördert sie und zeigt ihnen die Angebote. IV, ALV und Sozialhilfe bleiben bestehen und wären neben der Existenzsicherung für die Kontrolle zuständig.

Anzeige

Beobachter: Brauchen diese Berater kein Druckmittel, um Menschen in Massnahmen zu schicken?
Lindenmeyer: Nein. Für die Arbeitsintegration braucht es Vertrauen zwischen Berater und Klient. Druck bringt überhaupt nichts. Das Beratungsobligatorium müsste aber bestehen bleiben. Es ist absolut entscheidend, dass eine Massnahme passt. Sie muss auf die Kompetenzen und Potentiale der Person zugeschnitten sein. Deshalb ist die Vermittlungsarbeit sehr wichtig.

Beobachter: Das klingt alles gut – aber teuer.
Lindenmeyer: Zu Beginn mag es viel kosten, die Folgen falscher Platzierungen sind aber langfristig teurer. Zudem würden teure Zweigleisigkeiten zwischen den Sozialwerken vermieden.

Beobachter: Trotzdem: Wer soll das bezahlen?
Lindenmeyer: Es braucht einen Pool, in den ALV, IV und Kantone je nach Finanzstärke und Fall­zahlen Gelder einzahlen. Die Klienten nehmen an passenden Programmen teil, danach wird abgerechnet, welches der drei Systeme wie viel in Anspruch genommen hat. Dann zahlen sie nachschüssig. Dafür braucht es ein Bundesrahmengesetz.

Anzeige

Beobachter: Was ist mit Leuten, die trotz allen Bemühungen keinen Job mehr finden?
Lindenmeyer: Soziale Integration ist bei uns nur über Arbeit möglich. Ziel muss immer der Arbeitsmarkt bleiben. Es braucht aber geschützte Arbeitsplätze für Menschen, die wegen ­Alter, Krankheit oder Behinderung wirklich keine Chance haben. Es darf aber nie ein Zwang sein. Eher ein Angebot, um am wirtschaftlichen Austausch teilzunehmen.

Beobachter: Was wäre eine grundsätzliche Alternative?
Lindenmeyer: Dass alle weniger arbeiten – sei das durch kürzere Wochenarbeitszeit, regelmässige Sabbaticals oder ausgiebige Bildungsurlaube. So würde Zeit ohne Erwerbsarbeit normalisiert. Die Menschen hätten Zeit für andere Engagements. Das könnten wir uns leisten. Das Wachstum würde vielleicht ­etwas zurückgehen, aber die Lebensqualität wäre höher.

Anzeige