Die regionale Arbeitsvermittlung (RAV) weist einem arbeitslosen Informatiker eine Stelle als telefonischer Supporter zu, auf die er sich bewerben muss. Obwohl er sich als Holländer mit mässigem Deutsch kaum Chancen auf die Stelle ausrechnet, bewirbt er sich wie verlangt, und zwar sofort per Mail. Doch bei der Adresse passiert ihm ein Fehler: Statt @aibinformatik.ch schreibt er @aibinformatic.ch.

Zwei Wochen später erfährt das RAV vom Arbeitgeber, dass sich der Informatiker nicht beworben habe, und stellt ihn zur Rede. Erst jetzt bemerkt er seinen Tippfehler. Er bewirbt sich umgehend an die richtige Adresse. Doch es ist zu spät.

Wie sich später herausstellt, bekam er trotz falscher Mail­adresse keine Fehlermeldung wie sonst üblich, weil sein Provider eine neue, fehlerhafte Mailsoftware installiert hatte. Doch das nützt dem Arbeits­losen nichts. Das RAV streicht ihm 35 Taggelder oder rund 10'000 Franken wegen «Nichtbefolgens einer Zuweisung der RAV auf eine zumutbare Stelle». Dagegen wehrt er sich bis vor das Berner Verwaltungs­gericht. Doch ohne Erfolg.

Das Gericht argumentiert, er hätte sich nicht nur bewerben, sondern «umfassend um eine Anstellung bemühen müssen». Weil er nach der Bewerbung nicht nachgefragt habe, habe er «in Kauf genommen, dass die Stelle anderweitig besetzt werde». Realistisch ist wohl das Gegenteil: «Hätte ich mit meinem schlecht verständlichen Deutsch am Telefon nachgefragt, hätte ich meine Chancen zunichtegemacht, weil ja sehr gute Deutschkenntnisse verlangt wurden», sagt er.

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«Das ist völlig überrissen»

Das Verwaltungsgericht ver­urteilte ihn zudem nicht etwa wegen leichten oder mittleren, sondern wegen schweren Verschuldens – genau wie das RAV, das deshalb die hohe Zahl von 35 Einstelltagen verfügt hatte. «Das ist völlig überrissen. Wenn überhaupt, trifft ihn höchstens ein leichtes Verschulden», sagt der renommierte Spezialist für Sozialversicherungsrecht, Ueli Kieser. Bei leichtem Verschulden kann das Arbeitslosengeld um maximal zehn Taggelder gekürzt werden. Zum Vergleich: Ein schweres Verschulden liegt etwa vor, wenn ein Angestellter einfach so eine Stelle aufgibt oder ohne «entschuldbaren Grund» eine Stelle gar nicht antritt.

Inzwischen hat der Informatiker wieder Arbeit gefunden. Er arbeitet bei einer gros­sen Schweizer Firma. Dort ist er unter anderem zuständig für den Mailverkehr.

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