Nur ganz kurz blühen die beiden Mazedonierinnen auf. «In der zweiten Woche durfte ich schon Essen bringen und Medikamente geben», erzählt Qamile. «Ich durfte auch beim Waschen helfen», sagt Jehona nicht ohne Stolz. Schnell ist die Frühlingsblüte vorbei, sind die Augen wieder leer und matt. Es folgt Schweigen. Ratlosigkeit.

Jehona und Qamile haben zu Beginn des Jahres ein sechswöchiges Geriatriepraktikum gemacht. Die Rückmeldungen aus den Altersheimen waren sehr gut, teilweise überwältigend. Jehona hat vom Institutsdirektor einen persönlichen Brief erhalten. Ihr Umgang mit den alten Menschen wird darin in den höchsten Tönen gelobt. Und auch über Qamiles Einsatz wussten die Heimleiter nur Gutes zu berichten. «Sie haben dort nicht etwa rumgestanden und zugeschaut. Sie haben die Arbeit gesehen, haben angepackt, waren motiviert», sagt Klassenlehrerin Ruth Wiederkehr über ihre beiden Schülerinnen.

Zu schlechte Noten für eine Lehre



Dank dem Praktikum erhielten Jehona und Qamile einen ersten Einblick ins Berufsleben. Was sie sahen, schien ihnen gefallen zu haben, ebenso wie die Vorgesetzten Gefallen an ihren Leistungen fanden. Dennoch stehen die beiden 15-Jährigen, die mit Hingabe und ohne Scheu alte Leute pflegen würden, nun ohne Lehrstelle da. Ihr Notenschnitt reicht nicht einmal, um ins ordentliche Selektionsverfahren für eine Lehre als Fachangestellte Gesundheit zu kommen. Und was fürs Gesundheitswesen gilt, gilt für andere Branchen erst recht. Jehona und Qamile haben kaum Chancen, ins Erwerbsleben einzusteigen.

Wer arbeiten kann und Arbeit sucht, der findet Arbeit – längst ist diese Volksweisheit zum Mythos verkommen. Gemäss der aktuellen Arbeitsmarktstudie Amosa 2004 hat die Jugendarbeitslosigkeit im Januar 2004 in der Deutschschweiz mit 5,4 Prozent einen historischen Höchststand erreicht. Dabei sagt diese Zahl nur die halbe Wahrheit: Man geht davon aus, dass sich nur gerade die Hälfte aller Jugendlichen bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren meldet. Die andere Hälfte taucht in der Statistik schlicht nicht auf.

Vermehrt Hochqualifizierte gefragt



Vor allem im unteren Arbeitsmarktsegment, wo Ungelernte und Leistungsschwache früher noch eine Stelle gefunden haben, ist es extrem eng geworden. Machten die tiefer qualifizierten Stellen 1980 noch gut 27 Prozent des Gesamtarbeitsmarkts aus, waren es im Jahr 2000 gerade noch 15 Prozent, wie Auswertungen der Volkszählungen zeigen. Die industriellen und handwerklichen Berufe sowie das Gewerbe sind auf dem Rückmarsch, der Schweizer Arbeitsmarkt verlangt immer mehr nach hoch qualifizierten Arbeitskräften für den Dienstleistungssektor. An Arbeitern im eigentlichen Sinn besteht kaum mehr Bedarf.

Firmen wie die A.+E. Wenger AG (siehe Nebenartikel «Jobchance: «Ig muess öppis wärche»») sind inzwischen die grosse Ausnahme. Der 100-Mitarbeiter-Betrieb im Berner Oberland stellt sich explizit der sozialen Verantwortung und beschäftigt auch Arbeiter, die nicht mit schulischen Höchstleistungen geglänzt haben.

Leistungsschwäche kennt Betriebsleiter Markus Wenger aus persönlicher Erfahrung. Für seinen Traumberuf Radioelektriker würden seine «geistigen Fähigkeiten nicht ausreichen», erklärte ihm damals der Berufsberater. Im Rückblick steht der Berater reichlich dumm da. Mit seinem Bruder steigerte Wenger, der aus der Sekundarschule geflogen ist, den Umsatz der Firma in zehn Jahren um 300 Prozent auf rund 16 Millionen Franken im Jahr 2004.

Die Chance, trotzdem etwas zu werden, gibt es immer seltener. Der strukturelle Wandel und die Sockelarbeitslosigkeit schlagen gnadenlos ins Bildungssystem zurück. Die Anforderungen an Stellenbewerber steigen stetig. «Im Zuge der stark steigenden Bildungsnachfrage bei sinkendem Angebot haben sich die Erwartungshaltungen an Schulabgänger völlig verselbstständigt», erklärt der Berner Soziologe Thomas Meyer. Er untersucht im Rahmen eines nationalen Forschungsprojekts den Übertritt von Jugendlichen von der obligatorischen in die nachobligatorische Ausbildung. «Die Inflationsrate in Sachen Anforderungen an Schulabgänger ist sehr hoch», so Meyer. «Heute muss man in gewissen Berufen beim Einstieg in die Berufslehre etwa so viel wissen wie vor 20 Jahren beim Lehrabschluss.» Doch wohin mit denen, deren Qualitäten vor allem aus Kraft und Ausdauer und weniger aus intellektueller Leistungsfähigkeit bestehen?

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«Sie waren doch zufrieden mit mir»



Der Sommer naht rasant. Was mit den beiden mazedonischen Mädchen nach Ende der obligatorischen Schulzeit passieren soll, ist völlig offen. Für ein 10. Schuljahr hat ihnen Ruth Wiederkehr keine Empfehlung gegeben. «Jehona und Qamile sind keine schulischen Lerntypen. Die müssten jetzt arbeiten gehen können», sagt sie. Ein weiteres Schuljahr bringe nichts. Ein weiteres Pflegepraktikum zu finden, wäre indes kein Problem. Jehona und Qamile haben von ihrem Praktikumsbetrieb ein entsprechendes Angebot bekommen. Doch ein Jahr Praktikum ist ein Jahr ohne Unterricht. Die schulischen Defizite werden in dieser Zeit nicht kleiner, im Gegenteil. «Ich verstehe nicht, warum die mich nicht anstellen können, wenn sie doch zufrieden waren mit mir», sagt Jehona. Und: «Dass ich in der Schule nicht gut war, heisst noch lange nicht, dass ich nicht arbeiten kann.»

Claudine hat mehr Glück gehabt. Mehr als 30 Bewerbungen hat sie im November verschickt. Daraufhin hat es wochenlang nur Absagen gehagelt. Dann, endlich, im Januar die Erlösung. Claudine aus Biel wird Damencoiffeuse in Wangen an der Aare. «Eine Stunde Arbeitsweg muss man heute in Kauf nehmen», sagt die 15-jährige Schweizerin. Ihre künftige Lehrmeisterin musste sie erst davon überzeugen, dass sie diese Distanz täglich zurücklegen will. «Jetzt kann ich mir wieder Ziele setzen», sagt sie.

Seit gut sechs Jahren bietet das Oberstufenzentrum Sahligut in Biel-Mett Berufsvorbereitungsklassen an, zuerst im Rahmen eines Pilotprojekts, seit einem Jahr im ordentlichen Schulbetrieb. Im Zentrum stehen begleitete Praktika, die lernschwache Schüler früh an die Arbeitswelt heranführen sollen. «Die 9. Klasse muss sich in diese Richtung entwickeln», ist Wiederkehr überzeugt. «Bislang sind Schüler und Eltern bei der Suche und Auswertung von Schnupperlehre und Lehrstelle allein gelassen worden – bei Migrantenfamilien fatal.» Oft sind die Eltern von ausländischen Jugendlichen nicht in der Lage, die Bewerbungen ihrer Kinder zu verbessern. Seit Beginn des Projekts «Neugestaltung 9. Schuljahr» ist die Anzahl Schüler des Oberstufenzentrums Biel-Mett ohne Ausbildungsplatz markant gesunken.

Der 16-jährige Nedzmi hat sein Praktikum in einer Autogarage im Zentrum von Biel gemacht. Nach dem sechswöchigen Einsatz bot ihm der Chef an, weiterhin an den Wochenenden zum Schnuppern zu kommen. Darum steht er dort manchmal immer noch samstags um 7.30 Uhr auf der Matte. «Der Chef findet mich gut», sagt Nedzmi. An der zwischenmenschlichen Chemie mangelt es nicht, auch nicht an Wille und Einsatz. Aber demnächst muss Nedzmi zum Eignungstest, so verlangt es der Berufsverband. Besteht Nedzmi nicht, darf ihn der Lehrbetrieb nicht einstellen.

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Die Tests sind nicht unproblematisch



«Es wird nicht reichen», sagt Nedzmi. Er sei für die Schule nicht geeignet und nie gut gewesen. Selbstvertrauen ist nicht eben seine Stärke.

Immer mehr Branchen kennen solche, der eigentlichen Selektion vorgelagerte Auswahlverfahren. In so genannten Multichecks wird Grundlagenwissen abgefragt, vor allem in Mathematik und Sprachen, je nach Bereich auch logisches Denken und Vorstellungsvermögen. Wer das Punkteminimum verfehlt oder keinen Test macht, kommt heute nicht mehr weit. Spätestens hier geraten schulisch Schwache beruflich endgültig ins Hintertreffen. Denn nun sind auch ihre letzten Trümpfe dahin: ihr Auftreten, ihre Ausstrahlung, ihr Arbeitswille.

«Diese Eignungstests sind nicht neu, ihre dominierende Rolle aber sehr wohl», sagt Maurin Schmid, Vorsteher der Zentralstelle für Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung des Kantons Bern. Die Multichecks seien denn auch nicht unproblematisch. «Die Tests sind so gut, wie man mit ihnen differenziert zu arbeiten versteht», sagt er. Nicht geprüft würden zum Beispiel soziale Kompetenzen, die für eine erfolgreiche Berufstätigkeit ebenfalls von grosser Bedeutung seien. Auch sei nicht bekannt, ob gute Testergebnisse zu guten Lernerfolgen führten. «Für schulisch Schwache sind die Tests ein klarer Nachteil», so Schmid.

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«Vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen»



«Schulisch Schwache werden vom System quasi doppelt bestraft. Beim Gerangel um die knappen nachobligatorischen Ausbildungsplätze haben sie schlechte Karten, und wenn sie keine Lehre abschliessen, laufen sie Gefahr, ganz und permanent vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu werden», sagt der Soziologe Thomas Meyer.

Die Folgekosten dieser Entwicklung werden immens sein. Und die Konsequenzen sind nicht nur finanzieller Natur: Es besteht die Gefahr, dass hier eine Generation heranwächst, die nicht arbeitssozialisiert ist. Dass dies eine gesellschaftliche Zeitbombe ist, bestätigt auch Peter Hasler, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbands.

Und was nun? Nedzmi zuckt mit den Schultern. Sein Vater sei Maschinist. Vielleicht könne er ihm von Zeit zu Zeit eine Hilfsarbeit zuhalten, damit er nicht die ganze Zeit zu Hause rumhänge, meint er. Auch seine Lehrerin weiss nicht weiter. «Die Garage ist seine letzte Chance», sagt Ruth Wiederkehr. Und auch wenn er die Stelle bekomme, sei letztlich fraglich, ob er die Gewerbeschule schaffe: «Die Anforderungen sind extrem hoch.»

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