Nicht neu, aber unerfreulich: Arbeitnehmer über 50 werden zwar statistisch gesehen nicht häufiger arbeitslos als jüngere – sie brauchen aber viel länger, um wieder eine Stelle zu finden, nämlich durchschnittlich 400 Tage statt 250. Hinzu kommt: Jedes Jahr wird in der Schweiz etwa ein Viertel der Erwerbslosen über 50 ausgesteuert. Sie tauchen in der Arbeitslosen­statistik nicht mehr auf, gehen entweder aufs Sozialamt oder machen sich aus schierer Not selbständig, oft mehr schlecht als recht. Über die Gründe für die Schwierigkeiten, einen Job zu finden, scheint man sich klar zu sein: Ältere Angestellte sind teurer und oft weniger flexibel als jüngere.

«Der Geist, der im Aargau herrscht»

Im Aargau will man das Problem nicht einfach so hinnehmen. «Wir haben uns vorgenommen, die Taggelder der Arbeitslosen über 50 innert zweier Jahre um zehn Prozent zu reduzieren», sagt Urs Schmid, Projektleiter der Plakatkampagne «Potenzial 50plus» des Amts für Wirtschaft und Arbeit (AWA). Unter einem Porträtbild steht zum Beispiel in dicken Lettern: «Toni, 34» – und darunter, viel kleiner, «Jahre Berufs­erfahrung». Die Botschaft ist klar: Die Erfahrung zählt, nicht der Jahrgang.

Knapp zwei Jahre und einige hundert aufgehängte Plakate später sieht es so aus, als hätte der Kanton Aargau sein Ziel erreicht: «Die verfügbaren Zahlen vom Jahr 2014 zeigen sogar eine Tag­geld­reduktion von über zehn Prozent», sagt Kampagnenleiter Schmid.

Und das, obwohl der Kanton Aargau den Arbeitgebern nicht mehr finanzielle Anreize bietet als andere Kantone. «Wir haben auf einen solchen Erfolg der Kampagne gehofft, erwartet haben wir ihn aber nicht. Zumal die Kampagne eher auf langfristige Sensibilisierung als auf schnellen Erfolg ausgerichtet war», sagt Schmid.

«Leute über 50 haben oft viel Erfahrung, aber herzlich wenig Ahnung, wie man sich selber verkauft.»

Tino Senoner, Geschäftsleiter der Initiative «50plus»

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Ein gutes Plakat allein kann selbstverständlich nicht so viel bewirken; der Kampf um Jobs für Ältere ist viel komplexer. Der Unternehmer Claude Bosshard, der selber kurz vor dem Pensionsalter steht, sagt zum Erfolgs­rezept: ­«Eine wichtige Rolle spielt der Geist, der im Aargau herrscht.» Damit meint er in erster Linie den Regierungsrat Urs Hofmann, Vorsteher des Departements Volkswirtschaft und Inneres. Er setzt sich persönlich und mit viel Engagement für die Vermittlung älterer Stellensuchender und die AWA-Kampagne ein. Er spricht vor Arbeitgebern und pflegt direkten Kontakt zu grossen Firmen.

«Es gehört zum fairen Umgang, dass Firmen Stellensuchenden aus der Generation, die so viel für unseren heutigen Wohlstand geleistet hat, eine Chance geben», begründet SP-Regierungsrat Hofmann sein Engagement. «Ich finde es wichtig, dass Arbeitgeber zuerst ältere Fachkräfte aus der Schweiz berücksichtigen, bevor sie im Ausland Personal rekrutieren.»

Die ABB profitiert vom Wissen Älterer

Mit gutem Beispiel voran geht die ABB in Baden: «Wir sehen Mitarbeitende in fortgeschrittenem Alter als wertvolle Ressource mit grossem Erfahrungsschatz, von dem unsere Firma profitieren kann und will», sagt Mediensprecher Markus Gamper. ABB bietet zwei Programme an, die Leuten über 45 respektive über 57 Jahren Standortbestimmungen, Weiterbildung und Hilfe bei Weichenstellungen anbieten. Die Kurse gibt es schon seit einigen Jahren; sie seien sehr beliebt, sagt Gamper.

Einer, der sich für die Aargauer Kampagne zur Verfügung gestellt hat, ist Hans Ulrich Lüthi. 13 Monate lang war der Informatiker, der auch Maschinenbau studiert hat, auf Stellensuche. «Es war ein rechter Frust, plötzlich zu realisieren, wie schwer es ist, wieder ­einen passenden Job zu finden – nur weil viele Firmen ein Dossier aussortieren, wenn sie den Jahrgang 1959 sehen», sagt er. Heute arbeitet Lüthi als Informatiker bei der kantonalen Verwaltung. «Mich hat überrascht, wie viele Leute positiv auf das Plakat reagierten – allerdings waren es vor allem solche in meinem Alter.» Sein Rat an Stellensuchende: «Dranbleiben, sich zeigen, offen sein.»

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Quelle: PD (Pressedienst)

«Kurse, die sich pauschal an Menschen über 50 richten, sind zu wenig zielorientiert.»

Claude Bosshard, Firmenberater und Coach von Menschen über 50

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Das ist ganz im Sinn von Tino Senoner, der von Brugg aus das Projekt «50plus», initiiert vom inzwischen verstorbenen Nationalrat Otto Ineichen, weiterführt. «In den letzten fünf Jahren wurden in der Schweiz 180'000 Leute ausgesteuert», sagt er. Das ist fast anderthalbmal die Bevölkerung von Bern. Der Anteil der Über-50-Jährigen, so Senoner, sei in dieser Zeit zwar tendenziell zurückgegangen, mit aktuell 28 Prozent aber noch immer überdurchschnittlich.

Anreize schaffen durch Bonussystem

Senoner kämpft dagegen an. Er versucht, die Stellensuchenden und die Jobs besser zu «matchen». Dafür arbeitet er auch mit verschiedenen RAV-Stellen zusammen. «Leute über 50 haben oft ein sehr grosses Spezialwissen und viel Erfahrung, aber herzlich wenig Ahnung, wie man sich selber verkauft. Wenn wir ihnen zeigen, wie sie sich gezielt auf die Stellen bewerben sollen, die wirklich zu ihnen passen, steigt die Vermittlungsquote deutlich.» Ausserdem seien die RAV in der Pflicht: «Wenn die RAV-Mitarbeitenden nur an der Zahl ihrer erfolgreichen Vermittlungen gemessen werden, kümmern sie sich vermutlich eher um die simpleren Dossiers. Ich fände es sinnvoll, ein Bonussystem einzuführen, damit die Vermittlung älterer Fachkräfte auch für einzelne Arbeits­losenberater attraktiv wird.»

«Viele kommen ohne Hilfe zurecht»

Auch der Unternehmensberater Claude Bosshard, der selber älteren Stellensuchenden als Coach beisteht, sieht bei den RAV Handlungsbedarf: «Kurse, die sich pauschal an Menschen über 50 richten, sind zu wenig zielgerichtet.» Viele kämen problemlos ohne Hilfe zurecht, während andere auf Rat und ein «geis­tiges Fitnessprogramm» angewiesen seien. «Da muss man ab und zu auch ehrlich sein, den Betroffenen auf seine Unflexibilität aufmerksam machen: Wer sich nicht permanent weiterentwickelt, verliert mit jedem Tag an Marktwert.»

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Im Aargau herrscht Aufbruchstimmung. Sogar die OECD hat Mitarbei­tende zum Aargauer AWA geschickt, ­um Informationen über die Plakatkam­pagne «Potenzial 50plus» zu erhalten. Fachmann Tino Senoner: «Es funktioniert nur, wenn die ensprechenden ­Stellen auf allen Ebenen am selben Strick ziehen. Dann kann es noch viel besser kommen.»