Beobachter: Beschäftigungsprogramme für Stellenlose schaden mitunter mehr, als sie nützen, vor allem bei jungen Erwachsenen. Zu diesem Schluss kommen mehrere Studien (siehe unten).
Serge Gaillard
: Diese Studien sind bereits überholt. Tatsächlich sind früher Bildungsmassnahmen angeboten worden, die für die Stellensuche nicht unmittelbar nützlich waren: allgemeine Weiterbildungen zum Beispiel. Heute bieten die regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) aber Programme an, die spezifisch helfen, auf dem Arbeitsmarkt rasch wieder Fuss zu fassen.

Beobachter: Eine Strategie, die auf Weiterbildung setzt, ist laut den Studien klar weniger erfolgreich als eine, die auf möglichst rasche Wiedereingliederung im Arbeitsmarkt zielt. Ist das eine Vorgabe für die RAV?
Gaillard
: Es gibt keine Massnahme, die für alle gut oder schlecht ist. Es ist aber tatsächlich nicht die Aufgabe der Arbeitslosenversicherung, Stellensuchende generell höher zu qualifizieren. Es kann nur darum gehen, durch punktuelle Weiterbildungen den heutigen Ansprüchen in einem angestammten Beruf gerecht zu werden. Ein Computerkurs für Frauen nach einer Erwerbspause oder ein Sprachkurs für Ausländer kann viel bringen.

Beobachter: Wie verhindern Sie, dass untaugliche Massnahmen verschrieben werden?
Gaillard
: Für jeden Kanton wird gemessen, wie lange es geht, bis ein Erwerbsloser wieder eine Stelle gefunden hat, und wie viele langzeitarbeitslos werden. Und wir geben den Kantonen ein Budget für arbeitsmarktliche Massnahmen vor. Das neue System hat Druck auf die Kosten ausgelöst und die Qualität gesteigert.

Beobachter: Wie effizient sind denn die Massnahmen?
Gaillard
: Bei den beruflichen Praktika haben wir eine Vermittlungsquote von über 50 Prozent. Bei den sogenannten Motivationssemestern für Jugendliche ohne Lehrstelle sogar über 60 Prozent. Weitaus erfolgreicher sind aber die regulären Zwischenverdienste. Weil die Stellensuchenden in der ganz normalen Arbeitswelt sind, können sie ohne Unterstützung der RAV ein Kontaktnetz aufbauen. Das erleichtert die Stellensuche.

Beobachter: Stellenvermittler mit Hochschulabschluss sind gemäss einer Seco-Studie weniger erfolgreich. Negativ wirkt sich auch eigene Erfahrung mit Arbeitslosigkeit aus. Wird das bei der Personalsuche berücksichtigt?
Gaillard
: Wir schreiben den Kantonen nicht vor, wen sie anstellen sollen. Für den Erfolg entscheidend sind aber eine klare Führung und eine einheitliche Philosophie in den RAV. Dazu gehört zum Beispiel der Wille, mit den Stellenlosen rasch ein Erstgespräch zu führen und eine Strategie für eine möglichst rasche Stellensuche zu erarbeiten.

Beobachter: Trotzdem haben sich um die RAV zahlreiche private Kursanbieter etabliert, denen Stellenlose zugeführt werden. Manche müssen gleich mehrfach die gleichen Kurse besuchen.
Gaillard
: Die Vermittlungsquote der Anbieter wird heute von den Behörden gemessen. Die meisten Anbieter konzentrieren sich darum auf eine ganz bestimmte Gruppe von Versicherten, die sie dann auch spezifisch unterstützen können. In den neunziger Jahren glaubten dagegen viele, eine Vollbeschäftigung werde es sowieso nie mehr geben. Die Folge war, dass Stellenlose vor allem sozial unterstützt wurden.

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Beobachter: Was passiert mit Stellenlosen, die niemand beschäftigen will?
Gaillard
: Für schwer integrierbare Personen kann es sinnvoll sein, den Arbeitgebern Einarbeitungszuschüsse zu zahlen. Stellensuchende, die sich bewähren, erhalten so die Chance auf eine Festanstellung. Der Arbeitgeber wird für die Einarbeitungszeit finanziell entlastet. Angesichts der steigenden Jugendarbeitslosigkeit wollen wir solche Massnahmen für Jugendliche, die länger als sechs Monate arbeitslos sind, noch etwas breiter anwenden. Eine entsprechende Botschaft will der Bundesrat noch diesen Sommer verabschieden. Die Massnahme soll jedoch auf die aktuelle Krise befristet sein, da sonst ein Missbrauchspotential besteht.

Beobachter: Inwiefern denn?
Gaillard
: Einzelne Politiker wünschen Zuschüsse für jede Weiterbeschäftigung eines Lehrlings, obwohl diese ja grundsätzlich gut ausgebildet sind. Es besteht die Gefahr, dass wir in der Krise etwas einführen, was wir später nicht mehr loswerden. Wir wollen in der Schweiz kein System mit Lohnzuschüssen.

Beobachter: Laut Prognosen wird die Anzahl Langzeitarbeitsloser Ende nächsten Jahres stark zunehmen. Was geschieht mit ihnen?
Gaillard
: Wir wollen sogenannte Stellennetze schaffen, in denen Langzeitarbeitslose für ausserordentliche Arbeiten angestellt werden.

Beobachter: Das sind Stellen, die von der öffentlichen Hand finanziert werden. Welche Institutionen sollen davon profitieren?
Gaillard
: Vor allem Non-Profit-Organisationen, die üblicherweise so viele Stellen schaffen, wie ihr Budget zulässt. Durch unsere Unterstützung werden es vorübergehend etwas mehr sein.