Der Geruch, der in der Halle liegt, ist unverkennbar: Es «böckelt», und zwar heftig. Marco Schenk scheint das nicht zu kümmern. Stoisch steht er am Fliessband, den Blick auf die weissen und braunen Knäuel geheftet, die an ihm vorbeiziehen. Seine Aufgabe ist es, frisch eingetroffene Schurwolle in Handarbeit nach Qualität und Farben zu sortieren. Ein mühseliger, eintöniger Job - doch für Schenk ist er enorm wichtig: Die Arbeit mit der Schafwolle gibt seinem bisher unsteten Leben einen Halt. Und sie ermöglicht es ihm, einen Teil seines Lebensunterhalts selber zu bestreiten.

Marco Schenk ist Teillohn-Beschäftigter der Sozialfirma Fiwo im thurgauischen Bischofszell. Der ganze Name erklärt das Programm: Fiwo ist ein Projekt zur «Förderung innovativer Wollverwertung in der Ostschweiz». Täglich drei bis fünf Tonnen Wolle von Schweizer Schafen werden seit letztem Jahr in der ehemaligen Papierfabrik angeliefert, dort sortiert, gereinigt und teilweise im Handel weiterverkauft. Aus der Menge, die hierbleibt, entstehen in der hauseigenen Produktionsanlage Isolations- und Nadelfilzprodukte sowie Bettdecken. «Wir glauben daran, dass es für unsere Ökoprodukte einen Markt gibt», sagt Geschäftsführer Pascal Marti.

Ausbrechen aus der Endlosschleife

Hier spricht der Unternehmer. Doch von Haus aus ist Marti Sozialarbeiter, und diese Fähigkeiten sind bei Fiwo ebenso gefragt. Denn er ist sozusagen der Personalchef von Angestellten, für die sonst in der auf Effizienz getrimmten Wirtschaft kein Platz ist: solchen mit schlechter Bildung, mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen, mit einer Drogenkarriere, mit sonstigen Leistungsdefiziten. Menschen also, die derzeit nicht dauerhaft in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden können und in der zermürbenden Endlosschleife zwischen Arbeitsvermittlung und Sozialamt gefangen sind. «Indem wir ihnen eine unbefristete Beschäftigung bieten, geben wir diesen Leuten die Chance, zur Ruhe zu kommen und die Abwärtsspirale ihrer sozialen Desintegration zu stoppen», sagt Pascal Marti. Solche Angebote im zweiten Arbeitsmarkt sind eine Ergänzung zu Integrationsprogrammen für Stellensuchende, wie sie in Bischofszell etwa der Verein Kompass bietet, aus dem Fiwo hervorgegangen ist. Der Geschäftsführer - Typ umtriebiger Macher - erklärt den Unterschied: «Wir sind kein Programm, sondern eine Firma, die sich in der freien Wirtschaft bewähren muss.»

Zurzeit beschäftigt Fiwo 15 ausgesteuerte Langzeiterwerbslose aus dem Kanton Thurgau in den Bereichen Wollverarbeitung, Konfektionierung und Administration; Platz hätte es für nochmals so viele Leute. Die Teillohn-Mitarbeiter haben unbefristete Verträge und erhalten je nach Pensum eine Entschädigung zwischen 500 und 1'500 Franken. «Eigenes Geld zu verdienen, auch wenn es nicht viel ist, fördert Motivation und Würde dieser Menschen entscheidend», so Marti. Der Alltag bleibt dennoch herausfordernd. Schwierig ist die mangelnde Kontinuität der Leute, die oft jahrelang in keinem Arbeitsprozess mehr gestanden sind - mal haben sie gute Tage, mal kommt kaum etwas. «Knifflig für einen Produktionsbetrieb», findet der Chef.

Geschaffen wurden die Nischenarbeitsplätze rund um ein Produkt, dem das Prädikat «wertlos» anhaftet: die Wolle der rund 420'000 Schweizer Schafe, 900 Tonnen jedes Jahr. Weil die Preise im Keller sind, landete bisher ein guter Teil davon in der Kehrichtverbrennungsanlage. Fiwo bietet den Schafhaltern nun 70 Rappen pro angeliefertem Kilo und 50 Rappen, wenn die Ware abgeholt wird. Das ist für bereits 2'500 Schafhalter attraktiv genug, ihre Wolle in Bischofszell verarbeiten zu lassen. «Wir rechnen in diesem Jahr mit 300 Tonnen», sagt Hans-Ueli Scherrer. Der einstige Drechslermeister, der sich zum Arbeitsagogen weitergebildet hat, also Menschen mit geringen Chancen im Arbeitsmarkt fördert und anleitet, ist in der Geschäftsleitung von Fiwo zuständig für den Bereich Produktion und Verkauf.

Die Krux der Sozialfirmen

Scherrer war es auch, der auf der Suche nach Material, «das nichts kostet und Leuten Arbeit geben kann», durch einen Zeitungsartikel auf den vergeudeten Rohstoff aufmerksam wurde. «Ich sagte mir: Aus solch hochwertigem Material muss sich doch etwas machen lassen!» Tatsächlich weist die Wolle einen hohen Wärmedämmwert auf, kann Feuchtigkeit aufnehmen und sogar Schadstoffe binden; gute Voraussetzungen, um Isolationsplatten für die Bauwirtschaft herzustellen. Der Makel ist, dass die Schafwollfabrikate im Vergleich zu den gängigen Produkten aus Steinwolle rund 30 Prozent mehr kosten. So hoch ist der soziale Aufpreis: Bei Fiwo führen die leistungseingeschränkten Mitarbeiter jene Fertigungsabläufe aus, die in einer rein kommerziellen Firma ins Ausland verlagert oder maschinell erledigt werden.

Das ist generell die Krux von Sozialfirmen, hierzulande noch relativ neuen Einrichtungen: Sie müssen unter schwierigen Voraussetzungen Geld verdienen, ohne die Mitbewerber im regulären Arbeitsmarkt allzu stark zu bedrängen. Fiwo ist dies mit der Wahl des sonst kaum verarbeiteten Produkts Schafwolle gelungen, wie Vreny Schaller-Peter und Alex Willener von der Luzerner Hochschule für Soziale Arbeit (HSA) bestätigen: «Das Projekt konkurrenziert nicht andere in diesem Bereich tätige Firmen, sondern fördert ein Nischenprodukt.» Die HSA hat den Beobachter bei der Auszeichnung von privat initiierten Sozialprojekten unterstützt. Dabei erhielt Fiwo von den Fachleuten durchs Band gute Noten. «Überzeugend in sozialer, ökologischer und ökonomischer Hinsicht», schreiben sie.

Derlei Einschätzungen geben den Initianten Auftrieb. Und den braucht es, schliesslich ist Fiwo noch ein junges Pflänzchen, das - gerade in finanzieller Hinsicht - noch manch rauen Windstoss aushalten muss. In der zweijährigen Aufbauphase wurde das Projekt durch den Innovationsfonds des Bundesamts für Landwirtschaft sowie von diversen Stiftungen unterstützt. Seit Anfang 2007 ist der Verein nun als unabhängige Organisation mit eigener Rechnung tätig. Entlastet wird diese durch Direktzahlungen für die Verwertung der Schafschurwolle - vorderhand noch, denn 2009 wird dieser Subventionstropf versiegen. «Ab dann müssen wir uns ganz über den Absatz unserer Produkte finanzieren», so Geschäftsführer Marti. Davon ausgenommen bleibt der sozialarbeiterische Teil, also die Begleitung der Teillohn-Angestellten. Für sie gibt es weiterhin Strukturkostenbeiträge der einweisenden Sozialämter.

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Empathie und Nüchternheit vereint

Für 2007, das erste volle Betriebsjahr, sind im Budget noch rund 200'000 Franken ungedeckt. Ein Umstand, der Marti Kopfzerbrechen bereitet, den er aber unter dem Aspekt «unternehmerisches Risiko» abbucht. Dies nicht ohne augenzwinkernden Seitenblick auf die eigene Kaste: «In der Sozialarbeit war ich es gewohnt, dass Subventionen fliessen. Jetzt müssen wir selber dafür besorgt sein, über die Runden zu kommen.» Den Optimismus, dass Fiwo dies gelingen wird, bezieht er aus der personellen Zusammensetzung von Geschäftsleitung und Vereinsvorstand, wo sich empathische Sozialarbeiter und nüchterne Praktiker gefunden haben. Diese Kombination brauche es für ein solches Projekt.

Und wenn Marti das Rechnen zu viel wird, stellt er sich schon mal für zwei Stunden neben Marco Schenk ans Fliessband. «Das lüftet den Kopf aus und bringt mich den Leuten nahe, um die es hier geht.»

Kontakt

Sozialfirma Fiwo
Pascal Marti, Geschäftsführer
Telefon 071 422 79 90
www.fiwo.ch

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Ausgezeichnete Projekte: Zur Nachahmung empfohlen

Die Erhaltung tragfähiger sozialer Netze war dem Beobachter von jeher ein Anliegen. Dafür braucht es nicht nur starke staatliche Einrichtungen, sondern auch private Initiative und Kreativität, um Nischen zu füllen, die der institutionelle Sozialapparat nicht abdeckt. Solche Angebote werden in einer sechsteiligen Serie anlässlich des 80. Geburtstags des Beobachters vorgestellt. Wir würdigen privat initiierte Sozialprojekte aus den Bereichen Familie, Arbeit, Pflege, Ausländerintegration, Jugend und Nachbarschaftshilfe - auch als Muster zur Nachahmung. Die mit einer Urkunde ausgezeichneten Projekte weisen ein eigenständiges Profil auf und ermöglichen nachhaltige Lösungen. Ein weiteres Kriterium ist Transparenz punkto Trägerschaft und Finanzierung. Als Fachjury wirkt die HSA Hochschule für Soziale Arbeit Luzern.

Bereits erschienen: Projekt «Grossfamilie» Eine gute Kinderstube (siehe Artikel zum Thema)

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