Lynn Blattmann, 48, ursprünglich Historikerin, ist seit 2006 Geschäftsleitungsmitglied bei der Stif­tung für Arbeit in St. Gallen, die die Dock-Gruppe führt.

Beobachter: Für wen sind Sozialfirmen gedacht?
Lynn Blattmann: Wir schaffen Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose, die sonst allein von der Sozialhilfe leben müssten.

Beobachter: Was ist der grösste Unterschied zu anderen
Arbeitsintegrationsmassnahmen?
Blattmann: Sozialfirmen sind wirtschaftsnä­her und konsequent auf Produktivität ausgerichtet. Im Betriebs­alltag geht es vor allem um Führung, es gibt keine gezielte individuelle Betreuung. Die Arbeit und die Selbstverantwortung des Einzelnen haben einen hohen Stellenwert.

Beobachter: Wie viel muss und kann eine Sozialfirma durch produktive Arbeit selber erwirtschaften?
Blattmann: Ursprünglich geht das Konzept von 50 Prozent aus, in der Dock-Gruppe sind es je nach Aufbauphase der Firma zwischen 30 und 50 Prozent der Gesamtkosten. Die gan­ze Gruppe erwirtschaftet mit privaten Kun­denaufträgen sechs Millionen Franken, der Gesamtumsatz beträgt 14 Millionen.

Beobachter: Wie viele Arbeitnehmer schaffen es tatsächlich wieder zurück in den regulären Arbeitsmarkt?
Blattmann: Wenn der Arbeitsmarkt schrumpft, so wie heute, kann Arbeitsintegration nicht allein an Wiedereingliederungszah­len gemessen werden. Zudem ist der Wiedereinstieg seit Beginn der Wirtschaftskrise deutlich schwieriger geworden. Vorher schafften es in allen Firmen der Dock-Gruppe etwa 30 Prozent, wieder eine Stelle zu finden.

Beobachter: Und was geschieht mit jenen 70 Prozent, deren Leistung so tief ist, dass eine Rückkehr ausgeschlossen ist?
Blattmann: Wer arbeiten will und ein halbes Pensum schafft, soll auch längerfristig in der Sozial­firma bleiben können. Unsere Er­fahrungen zeigen immer wieder, dass sich Leistungssteigerungen nicht voraussagen lassen. Doch es ist auch eine Frage der Würde, dass die Möglichkeit besteht, ­einen Teil des Lebensunterhalts selber verdienen zu können.

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Beobachter: Die Dock-Gruppe beschäftigt heute etwa 700 Personen und wächst weiter. Entsteht mit solchen Firmen ein eigener, dauerhafter ­Arbeitsmarkt für weniger Leistungsfähige?
Blattmann: Ein solcher sogenannter zweiter Arbeitsmarkt bestand schon vorher, aber durch die Sozialfirmen könnte er für die öffentliche Hand etwas billiger werden. Es gibt eine Sockelarbeitslosigkeit, die sich seit den neunziger Jahren verfestigt hat: In der Schweiz hat heute rund jeder zehnte Erwachsene unfreiwillig keine Erwerbs­arbeit mehr. Sozialfirmen sind eine realistische Antwort auf diese Entwicklung.

Beobachter: Besteht nicht die Gefahr, dass die Privat­wirtschaft unrentable Aufträge an Sozialfirmen auslagert? Dass quasi ein subventionierter Markt für Billigarbeit entsteht?
Blattmann: Gerade um das zu verhindern, ist es wichtig, dass in Sozialfirmen klare Verhältnisse in Bezug auf ihre Märkte herrschen. Sie sind im zweiten Arbeitsmarkt tätig und dür­fen mit ihren Produkten und Dienstleistun­gen Industrie und Gewerbe nicht konkurrenzieren. In den meisten Kantonen gibt es tripartite Kommissionen mit Vertretern der Sozialbehörde, der Gewerkschaft und des Gewerbes, die Arbeitsintegrationsprogram­me und Sozialfirmen kritisch begleiten.

Beobachter: Wie werden die Löhne festgelegt?
Blattmann: Auf der Basis eines Mindestlohns von 3200 Franken. Entlöhnt werden die Arbeitnehmer dann nach effektiver Leistungsfähigkeit und Pensum.

Beobachter: Sozialfirmen sind erst daran, sich in der Schweizer Unternehmens- und Soziallandschaft zu etablieren. Wo steht man in zehn Jahren?
Blattmann: Wir hoffen, dass weitere Firmen entstehen. Ein Ausbau gelingt aber nur dann, wenn die heutigen Kosten für die Arbeitsintegration massiv sinken und Teillohnarbeitsplätze möglichst kostenneutral angeboten werden können.

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Buchtipp

Lynn Blattmann, Daniela Merz: «Sozialfirmen. Plädoyer für eine unternehmerische Arbeits­integration»; Rüffer & Rub, 224 Seiten, CHF 38.90