5000 Arbeitslose in den Kantonen Aargau, Basel-Stadt und Zürich erhielten am Samstag vor Ostern Post vom Arbeitsamt. Darin ein Flyer mit dem Titel «Ihre Chance – Leben und Arbeiten in Deutschland». Aus dem Begleitbrief wird klar: Es handelt sich um eine Einladung an eine Informationsveranstaltung, die Stellensuchenden Deutschland als Arbeitsort schmackhaft machen soll.

Für hochqualifizierte, junge und ungebundene Fachkräfte kann Auswandern sehr wohl eine Option sein. Und wer an dem Infotag teilnimmt, erhält nicht nur das Zug-Billet zurückerstattet, sondern kommt gemäss Flyertext zudem in den Genuss konkreter Stellenangebote. Doch vielen der angeschriebenen Arbeitslosen kommt das Angebot in den falschen Hals. So auch Ruth Eichholzer (58): «Ich empfinde diese Aktion als ausgesprochen zynisch. Die Wirtschaft holt immer mehr Deutsche in die Schweiz, und wir sollen dann nach Deutschland auswandern.» Eichholzers Empörung ist nachvollziehbar. In ihrem Alter wird es schon in der Schweiz schwierig werden, eine neue Stelle zu finden, geschweige denn in Deutschland, wo die Arbeitslosenquote mit 8,6 Prozent mehr als doppelt so hoch ist wie hierzulande. Zudem ist Eichholzer im Pflegebereich tätig, wo der Konkurrenzdruck durch Deutsche seit Jahren sehr gross ist. Und sie ist keine qualifizierte Fachkraft, sondern war als Quereinsteigerin seit zwölf Jahren als Hilfspflegerin tätig.

Initiatoren der Offensive sind das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco, die EU-Stellenvermittlung Eures, die deutsche Bundesagentur für Arbeit sowie die Arbeitsämter der drei beteiligten Kantone. Im Rahmen des Pilotprojekts, das bei Erfolg auch in anderen Kantonen durchgeführt werden soll, wurden Arbeitslose aus rund 20 Bereichen angeschrieben, in denen die deutsche Bundesagentur für Arbeit freie Stellen verzeichnet. Im Pflegebereich etwa sollen es bundesweit 8500 Jobs sein. Doch gerade in dieser Berufssparte läuft das Projekt gemeinsamen Bestrebungen der Kantone und der Oda Santé, dem Dachverband der Arbeitswelt Gesundheit, entgegen. Sie haben unlängst in einem nationalen Bericht festgestellt, dass hierzulande jährlich 2400 diplomierte Fachkräfte fehlen. Dieser Personalmangel soll erklärtermassen nicht über den Import von Pflegepersonal, sondern mit einer Bildungsoffensive aufgefangen werden. Während die Schweizer Pflegebranche also überlegt, wie das Problem intern gelöst werden könnte, werden Arbeitslose aus eben dieser Branche ermutigt, ins Ausland zu gehen.

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«Dass angeschriebene Arbeitslose diesen Brief zynisch finden könnten, wäre uns nicht im Traum eingefallen. Schliesslich geht es darum, dass Stellensuchende wieder eine Stelle finden», sagt Guido Pfister, Sektionsleiter Arbeitsmarktliche Integration des Kantons Aargau und im Amt für dieses Projekt zuständig. «Wir hatten das Schreiben sogar extra von Kommunikationsexperten überprüfen lassen, damit es positiv und politisch korrekt formuliert ist.» Positive und negative Reaktionen würden sich in etwa die Waage halten, sagt Pfister weiter. «Bei denjenigen, die sich aufregen, fällt auffallend oft der Begriff Steuergeldverschwendung.»

Tatsächlich rechnet Pfister nicht damit, an der Veranstaltung am 20. April im Kongresshaus Aarau von Interessierten überrannt zu werden. Bereits 150 bis 200 Interessierte würden als Erfolg gewertet. Ob und wie viele Stellensuchende dereinst wirklich in Deutschland fündig werden, bleibt offen. Doch dies ist laut Pfister auch nicht das einzige Ziel: «Die Initiative soll auch aufzeigen, dass die Arbeitsmarktbewegung mit der Personenfreizügigkeit keine Einbahnstrasse ist, sondern in beide Richtungen funktionieren kann.»

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