Bei France Télécom haben sich in den letzten zwei Jahren 35 Mitarbeiter das Leben genommen – Ursache dafür soll das verheerende Betriebsklima gewesen sein. Jetzt hat sich das Unternehmen ein neues Konzept gegeben: je zufriedener die Mitarbeiter und je seltener sie krank sind, umso höher die Boni der Manager.

Offenbar brauchte der Konzern bittere Ereignisse, um zur schlichten Einsicht zu gelangen, dass Mitarbeiter das wichtigste Kapital einer Firma sind. Fühlen sie sich bei der Arbeit wohl, ist eine grundlegende Voraussetzung gegeben, dass sie engagiert und produktiv sind. Das gilt für die gebeutelte France Télécom wie für ein Schweizer KMU. Nur: Was brauchen die Mitarbeiter, damit sie gesund bleiben?

Für Joe Studer, Geschäftsführer des Zürcher Maler- und Gipserbetriebs Max Schweizer AG, liegt es auf der Hand: Die Angestellten müssen Respekt und Wertschätzung spüren. Sie brauchen einen guten Draht zu Kollegen und Vorgesetzten. Und spannende Aufgaben, die sie nicht überfordern. «Wir erwarten gute Leistung, keine Frage, aber wir verheizen die Leute nicht», sagt Studer. Laut Umfragen unter den 150 Mitarbeitenden seien 90 Prozent der Leute rundum zufrieden. Und sie würden selten krank – auch ein Beweis dafür, dass die Arbeitsbedingungen stimmen.

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Die Gesundheit und die persönliche Integrität von Angestellten zu schützen ist mehr als eine nette Geste – es ist gesetzliche Pflicht. Dazu gibt es eine Reihe von verbindlichen Vorschriften für die Sicherheit und den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz, aber auch Spielraum für freiwilliges Engagement (siehe nachfolgende Box «Gegen Stress und Mobbing: Das sollten Arbeitgeber tun»). Und gerade hier zeigt sich: Auch mit wenig Aufwand lässt sich Wirkung erzielen.

Was will der Chef mit frischem Obst?

Die Max Schweizer AG hat als eine der ersten Firmen beim Programm «KMU-vital» mitgemacht. Die Aktion der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz will helfen, in kleinen und mittelgrossen Betrieben eine gesundheitsbewusste Kultur zu etablieren. Das fängt unspektakulär an, beim Thema Verpflegung beispielsweise. Geschäftsführer Joe Studer ist überzeugt, dass hier auch im Baugewerbe einiges möglich ist in einer Branche mit Beschäftigten, die sich lieber von Pommes, Wurst und Cola ernähren statt von Vollkornbrötchen, Äpfeln und Kräutertee. «Als der Chef mit der Idee ankam, jede Woche frisches Obst auf die Baustellen zu liefern, fragten wir uns: Was soll das denn jetzt?», erinnert sich Willi Pichler, früher selbst Maler auf dem Bau, heute verantwortlich fürs Magazin am Hauptsitz.

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Nach und nach griffen aber die meisten gerne zu – und reklamierten, als es auf einmal nichts mehr gab. Studer hatte die Lieferungen eingestellt, weil allzu viel verfaulte. «Natürlich denkt man in solchen Momenten: ‹Dann blast mir doch in die Schuhe›», so Studer. Als ihm aber Mitarbeiter sagten, sie hätten den Vitaminstoss gerne wieder, nahm er die Aktion erneut auf. «Wenn es nur ein paar zu gesünderer Ernährung bewegt, haben wir schon etwas erreicht.» Von den Arbeitern nahm übrigens keiner mal einen Sack Äpfel mit. «Man isst es gerne, weil es da ist – und weil es die Firma bezahlt», sagt Willi Pichler.

300 bis 400 Franken gibt die Max Schweizer AG pro Woche für die Früchte aus – nicht der Rede wert bei einem Umsatz von 20 Millionen Franken im Jahr. Dennoch stellt sich generell die Frage: Zahlt sich das aus? In betriebliche Gesundheitsförderung zu investieren habe meistens ökonomische Gründe, sagt Eduard Brunner von der Eidgenössischen Arbeitsinspektion beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Personalverantwortliche wollten damit Absenzen reduzieren; im Schnitt fehlt ein Mitarbeiter in der Schweiz mehr als sieben Tage im Jahr aus gesundheitlichen Gründen. Dass Fehlzeiten durch Gesundheitsförderung um 12 bis 36 Prozent gesenkt werden können, wiesen Studien nach. Und nach drei bis vier Jahren sanken die mit den Fehlzeiten verbundenen Kosten um 34 Prozent. Das ist viel Geld: Eine Firma mit 300 Mitarbeitenden verliert durch den sogenannten Absentismus rund eine Million Franken im Jahr.

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Vor allem die KMU tun zu wenig

«Gut angelegte Gesundheitsprogramme sind sehr effizient», bestätigt Andreas Martens von AEH Zentrum für Arbeitsmedizin, Ergonomie und Hygiene. Mehr als das Fünffache der Kosten könne der Gewinn sein. Dennoch wird das Potential vor allem bei den KMU kaum ausgeschöpft, wie 2007 eine europaweite Erhebung von Adecco zeigte. Auch hiesige Unternehmen begnügen sich oft mit Pflichtangeboten wie etwa Gesundheits-Checks. Entspannungsprogramme, Rückenschulung, Sporteinrichtungen – alles Fehlanzeige. Dabei könnten die Firmen mit gezielter Gesundheitsförderung ihre Konkurrenzfähigkeit im Schnitt um bis zu 20 Prozent steigern.

Gründe, um die Gesundheitsförderung voranzutreiben, liefern aber insbesondere die Beschäftigten selber: In einer Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz gaben 31 Prozent an, die Arbeit beeinträchtige ihre Gesundheit. Geklagt wurde vor allem über Rückenschmerzen und Stress. Doch auch bei den Unternehmen, die sich engagieren, würden viele die Bedürfnisse der Mitarbeiter verkennen, bemängelt Martens. Hinzu kommt: «Schwierig wird es immer dann, wenn die Leute selbst etwas an ihrem Verhalten ändern müssen.» Und oft seien jene, die es am dringendsten nötig hätten, am schwersten zu motivieren – sie denken im Traum nicht daran, ins betriebseigene Fitnessstudio zu gehen.

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Nach Martens’ Beobachtungen ist es daher erfolgversprechender, Verbesserungen indirekt zu erzielen: Ergonomisch eingerichtete Arbeitsplätze sorgen für weniger körperliche Beschwerden, und in einem gut organisierten Betrieb gibt es weniger Stress.

«Nicht an der Peripherie herumdoktern», das empfiehlt auch Georg Bauer von der Abteilung Gesundheitsforschung und betriebliches Gesundheitsmanagement der Universität und der ETH Zürich. «Verbesserungen erzielt man nur, wenn man sich alle Arbeitsbedingungen anschaut.» Die Leute brauchen Herausforderung, aber auch Kontrolle über ihre Arbeit. Zudem ist eine Vertrauenskultur notwendig: offene Kommunikation, soziale Unterstützung. Und das Management muss am Führungsstil arbeiten.

Stimmen die Arbeitsbedingungen nicht, sind die psychosozialen Belastungen durch den Leistungsdruck schnell zu hoch. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steige um das Zwei- bis Dreifache, sagt Bauer. Aktionen wie Ernährungskurse oder Lauftreffs wirken dann nur noch aufgesetzt bis zynisch – vor allem wenn gleichzeitig Personal abgebaut wird und die Belegschaft unter enormem Stress ächzt.

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Die Mitarbeiter sollen abends genauso gesund heimgehen, wie sie morgens zur Arbeit gekommen sind – das ist das Ziel von Remo Bernasconi, Werkleiter des Zementwerks Siggenthal der Holcim Schweiz AG. Dort herrschen harte Arbeitsbedingungen: Es ist staubig, und am Klinkerofen kann es über 40 Grad heiss werden. Die harten Bedingungen würden in der Natur der Sache liegen, sagt Bernasconi. Deshalb sei es wichtig, für Erleichterung zu sorgen. Mit speziellen Schutzkleidern gegen Hitze etwa oder mit einem Rotationsprinzip – die Mitarbeiter sollen nicht immer die gleichen Handgriffe verrichten müssen.

Lernen, mit Stresssituationen umzugehen

«Gesundheitsförderung ist im Zementwerk kein Fremdwort», unterstreicht Ines Neuhaus, Bereichsleiterin Human Resources. Immer wieder gab es einzelne Aktionen für die 112 Mitarbeiter: Grippeimpfungen, Gratis-Getränke, Vorträge darüber, wie man sich mit 45 plus auf den bevorstehenden Arbeitsabschnitt vorbereitet. Was fehlte, war ein stimmiges Gesamtkonzept. Deshalb macht das Werk seit ein paar Monaten bei «KMU-vital» mit. Kostenpunkt bislang: 100'000 Franken. «Das ist es uns wert. Steht eine Anlage still, bedeutet das einen Produktionsausfall von bis zu 150'000 Franken pro Tag», sagt Remo Bernasconi.

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Was soll Holcim das Gesundheitsprogramm bringen? «Wir wollen herausfinden, was die Leute belastet, und gezielt dort ansetzen», erklärt Ines Neuhaus. Eine Umfrage habe gezeigt, dass unvorhergesehene Störungen die Mitarbeiter stressen. Diese Unterbrüche lassen sich nicht immer vermeiden. «Aber wir können die Leute schulen, mit der Situation besser umzugehen», so die Personalchefin. Ihr Ziel ist nicht weniger ehrgeizig als jenes des Werkleiters: Gesundheitsförderung als Teil der Firmenkultur zu etablieren. Nicht weil es allmählich in Mode kommt oder das Werk mit einem Gesundheitslabel Imagewerbung betreiben kann. «Es ist unsere Aufgabe, auf die Gesundheit der Belegschaft zu achten», sagt Ines Neuhaus. Krank nützten die Leute schliesslich nichts.

Die Absenzrate im Werk liegt heute bei rund vier Prozent. In ein paar Jahren soll sie auf ein bis anderthalb Prozent sinken – zum Vorteil sowohl der Mitarbeiter als auch der Firma.

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Arbeitgeber: gegen Stress und Mobbing

Das Gesetz verpflichtet Arbeitgeber dazu, Massnahmen zur Vorbeugung von Stress, Konflikten und Mobbing zu treffen. In der Wegleitung zur Verordnung wird empfohlen,

  • eine Grundsatzerklärung zu verfassen, in der festgehalten wird, dass Angriffe auf die Gesundheit und die persönliche Integrität der Mitarbeiter nicht toleriert werden;

  • die Belegschaft darüber zu informieren, wie in solchen Fällen vorgegangen wird und welches die möglichen Sanktionen sind;

  • eine interne oder externe Vertrauens­person – mit Schweigepflicht und ­ohne Vorgesetztenfunktion – zu ­bestimmen, an die sich Betroffene im Konfliktfall wenden können;

  • eine klare Aufteilung von Aufgaben und Zuständigkeiten vorzunehmen.