Beobachter: Als Professor für Privatrecht schreiben Sie gegen Arbeitgeber an, die Mitarbeitende ausnützen. Jetzt sitzen Sie ausgerechnet bei Aldi im Verwaltungsrat
Thomas Geiser: Moment, wieso sagen Sie «ausgerechnet»?

Beobachter: Aldi ist nicht bekannt als Arbeitgeber, der besonders behutsam mit seinen Mitarbeitenden umspringt. Sie selber haben Aldi schon hart kritisiert.
Geiser: Ich habe mich zu Wort gemeldet, wenn gegen Gesetze verstossen wurde. Ich werde die Verantwortlichen auch künftig kritisieren, wenn etwas falsch läuft. Bei Aldi gab es in der Anfangsphase gewisse Schwierigkeiten. Wir haben aber vor etwa zwei Jahren die Arbeitsverträge von Aldi mit denjenigen anderer Detailhändler verglichen. Sie sind nicht schlechter. Man kann nicht Arbeitgeber kritisieren und es dann ablehnen, Verantwortung zu übernehmen.

Beobachter: Aldis diesbezügliche Taktik ist bekannt: In Deutschland wurden etwa Betriebsräte systematisch mit zahmen Mitarbeitern besetzt. Das sind doch nur Feigenblätter.
Geiser: Man kann einen Betriebsrat nicht mit dem Verwaltungsrat gleichsetzen, die Aufgaben sind sehr unterschiedlich. Ein Betriebsrat vertritt die Interessen der Arbeitnehmer, der Verwaltungsrat sorgt sich um den Geschäftsgang.

Beobachter: Geraten Sie selber nicht in exakt diese Zwickmühle?
Geiser: Gute Arbeitsbedingungen und Rentabilität schliessen sich nicht aus. Ich habe mich schon immer für realistische Lösungen eingesetzt. Man kann nicht Arbeitsbedingungen fordern, die ein Unternehmen ruinieren würden. Im Gremium werde ich dafür sorgen, dass das Unternehmen sich an die Gesetze hält. Das Mandat verhindert aber nicht, dass ich auch in Zukunft dezidiert zu rechtspolitischen Fragen Stellung nehme.

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Beobachter: Aldi bietet laut Gewerkschaften fast nur Teilzeitstellen an und verpflichtet die Mitarbeitenden zur Leistung von Überzeit auf Abruf mit gleichzeitigem Konkurrenzverbot – das Gegenteil dessen, was Sie selber stets fordern.
Geiser: Ich nehme zur Praxis bei Aldi keine Stellung. Was ich aber sagen kann: Bei Teilzeitstellen kommt es auf die konkrete Ausgestaltung an. Damit von einer Teilzeitstelle gesprochen werden kann und nicht eine Vollzeitstelle vorliegt, muss eine Restzeit verbleiben, die ein Arbeitnehmer auch noch für einen weiteren Erwerb verwerten kann. Hier besteht im Detailhandel allgemein Handlungsbedarf. Der Gesamtarbeitsvertrag von Coop etwa lässt auch zu wünschen übrig.