Beobachter: Ist die Arbeitssituation an den Schweizer Spitälern so schlimm, wie die Umfrage des Verbands der Schweizer Assistenz- und Oberärzte (VSAO) Sektion Basel nahelegt?
Bernhard Wegmüller: Was ich mit Sicherheit sagen kann: Alle geben sich Mühe, die gesetzlichen Bestimmungen einzuhalten. Kein Spital hat ein Interesse daran, aus Profitgründen das geltende Arbeitsgesetz zu missachten.

Beobachter: Ist das so abwegig?
Wegmüller: Ja, denn Assistenzärzte haben es an Schweizer Spitälern vergleichsweise gut. Ihre Löhne sind im europäischen Vergleich sehr attraktiv.

Beobachter: Die Ärzte klagen nicht über zu tiefe Löhne, sondern über gefährlich lange Arbeitszeiten.
Wegmüller: Auch hier sind die Schweizer Ärzte relativ gut gestellt. In den USA etwa arbeiten Assistenten 80 Stunden pro Woche.

Beobachter: Sie sehen also keinen Zusammenhang zwischen langen Arbeitszeiten und einer geringeren Patientensicherheit?
Wegmüller: Doch, den sehe ich absolut. Übermüdete Ärzte machen mehr Fehler und gefährden so die Sicherheit der Patienten, die höchste Priorität hat.

Beobachter: Also wäre eine 50-Stunden-Woche sinnvoll.
Wegmüller: Eine Limitierung der Arbeitsstunden ist auf jeden Fall sinnvoll. Schliesslich dürfen auch Chauffeure oder Piloten nicht unbegrenzt arbeiten – warum also Ärzte? Man muss allerdings bedenken, dass es verschiedene Arten ärztlicher Tätigkeiten gibt. Nicht jede Aufgabe ist gleichermassen kräftezehrend. In Nachtschichten etwa können Ruhezeiten enthalten sein, die als Arbeitsstunden gelten. Mehr als 50 Stunden sind auch erlaubt, wenn sie kompensiert werden können. Es wäre falsch zu behaupten, mehr Arbeitsstunden führten automatisch zu einer sinkenden Patientensicherheit.

Beobachter: Was also bringt die Kampagne des VSAO?
Wegmüller: Das Schwarzpeterspiel bringt aus unserer Sicht niemandem etwas. Viel eher müssten wir prüfen, wo man konkret ansetzen muss, um die Situation zu verbessern.

Beobachter: Tut der Spitalverband H+ das?
Wegmüller: Vor acht Jahren thematisierten wir letztmals den gesetzlichen Rahmen an Schweizer Spitälern. Wir haben uns mit kritischen Bereichen wie den Piketteinsätzen, den 12-Stunden-Diensten sowie den 7-Tage-Schichten befasst und uns darum bemüht, praktikable Lösungen auszuarbeiten.

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Beobachter: Die Einführung der Fallpauschale 2012 änderte den Spitalalltag radikal.
Wegmüller: Viele Spitäler führen tatsächlich vermehrt operative Eingriffe an Wochenenden durch. Die neue Spitalfinanzierung verlangt mehr Effizienz und eine bessere Nutzung der Infrastruktur. Eine weitere entscheidende Veränderung ist die massive Zunahme der Notfälle. Die Realität ist, dass immer mehr Leute zum Spital-Notfall gehen statt zum Hausarzt.

Beobachter: Und trotzdem prüft H+ die Arbeitsbedingungen nicht regelmässig?
Wegmüller: Dafür sind die kantonalen Aufsichtsbehörden zuständig. Aber ein Monitoring löst die Probleme nicht.

Beobachter: Was dann?
Wegmüller: Die Politik ist gefordert. Sie muss ermöglichen, dass mehr Ärzte ausgebildet werden. Das würde die Situation wesentlich verbessern. Man kann aber nicht behaupten, wir hätten nichts gemacht. Die Assistenzärzte sind die am stärksten wachsende Berufsgruppe. Zwischen 2005 und 2011 wurden knapp ein Drittel zusätzliche Stellen geschaffen.

Beobachter: Das Schweizer Gesetz schreibt maximal 50 Arbeitsstunden pro Woche vor. Und es liegt an den Spitälern, diese Vorgabe einzuhalten.
Wegmüller: Absolut. Vor dieser Verantwortung wollen wir uns nicht drücken. Es liegt aber wie gesagt nicht am blossen Unwillen der Spitäler, dass das Gesetz bisweilen nicht ein­gehalten wird. In der Realität ist es oft nicht möglich, sich an die Vorgaben zu halten.

Beobachter: Warum?
Wegmüller: Damit das Gesetz eingehalten werden kann, braucht es mehr Ärzte. Das kostet Geld. Geld für die Ausbildung an Universitäten und für die Anstellung in Spitälern. Der Preisüberwacher fordert das Gegenteil, er will eine Senkung der Spitalausgaben um 10 bis 20 Prozent. Wegen des fehlenden Nachwuchses sind wir zwingend auf ausländisches Personal angewiesen. Politische Entscheide wie die Ventilklausel verschärfen die Lage zusätzlich. Ich glaube aber, dass die Verantwortlichen die Probleme erkannt haben und zu handeln beginnen. Es wird aber einige Jahre dauern, bis die Massnahmen wirken.