Täglich acht Stunden lang tippt Caroline H. die Preise für Lauch, Ruchbrot und Gehacktes ein, jeden Abend liegen mehrere tausend Franken in der Kasse des Grossverteilers. Am Ende des Monats trägt die Kassierin aber bloss 3033 Franken nach Hause. Mit einem solchen Lohn auswärts essen gehen? Absolut undenkbar.

Auch die Angestellten in der Gastrobranche können sich keine Restaurantbesuche leisten. Auf dem Lohnkonto von Kellner Thomas F. befinden sich Ende Monat 2912 Franken. Für ihn klingt es wie ein Hohn, wenn das Bundesamt für Statistik den durchschnittlichen Monatslohn auf 5096 Franken berechnet. Der wirtschaftliche Aufschwung, die steigenden Löhne und die wachsende Konsumlust gehen an ihm vorbei: Trotz grösstem Arbeitseinsatz bleiben nur die Brosamen.

Dabei sind Caroline H. und Thomas F. nicht einmal am schlechtesten dran. Im Gastgewerbe etwa kommt fast jede und jeder dritte Vollbeschäftigte auf weniger als 2500 Franken netto. Das ist für Alleinverdiener weniger als das Existenzminimum, wie es AHV und IV berechnen.

Setzt man die Latte bei 3000 Franken netto an – wie dies die Gewerkschaften fordern –, verdienen im Gastgewerbe 51 Prozent weniger. Im Detailhandel sind es 33 Prozent. Berücksichtigt man die in der Statistik nicht erfassten Grenzgänger, Saisonniers und andere nicht niedergelassene Ausländer, muss die Zahl der Kleinstverdiener gar nach oben korrigiert werden.

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Auch das Reinigungspersonal kommt statistisch viel zu gut weg: Es wird mit Rechtsberatern und Marktforschern zur Gruppe «Dienstleistungen für Unternehmen» zusammengefasst, was den Durchschnittslohn natürlich massiv nach oben drückt, ohne dass die Putzfrau wirklich mehr verdient. Zählt man alle Tieflohnbranchen zusammen, kommt man auf rund eine halbe Million Beschäftigte mit einem Einkommen unter 3000 Franken.

Drei Viertel davon sind Frauen. Sie haben es besonders schwer, aus dem Teufelskreis herauszukommen. Eine Ausbildung, Voll- statt Teilzeitarbeit sowie ein paar Jahre Betriebszugehörigkeit führen die meisten Männer aus den Tief- zu den Normallöhnen. Doch solche Qualifikationsfaktoren zählen bei den Frauen wenig – das zeigt eine Analyse des Büros für arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS) über die Lohnstrukturen im Detailhandel und im Gastgewerbe.

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Tobias Bauer, der Autor der Studie, ortet «sozialen Sprengstoff». Es gehe letztlich um die Frage, ob ein Vollzeitjob eine angemessene Existenz ermögliche. «Das ist heute klar nicht der Fall.» Via Sozialhilfe werde dieser Anspruch vom Staat statt von den Arbeitgebern eingelöst.

«Dramatisch ist vor allem die Entwicklung», so Tobias Bauer. Während in der gesamten Wirtschaft der Anteil der Löhne unter 3000 Franken stabil bleibt – nämlich bei rund 13 Prozent –, nimmt er im Gastgewerbe laufend zu: 1995 waren es 33 Prozent, drei Jahre später bereits 51 Prozent. Bauer: «Das hängt mit der Liberalisierung in der Gastrobranche zusammen – aber auch damit, dass in den Krisenjahren 1996 bis 1998 kein Gesamtarbeitsvertrag in Kraft war.» Wie schlecht die Angestellten im Gastgewerbe verdienen, zeigt auch der so genannte Medianlohn. Dieser Wert markiert jene Grenze, an der die eine Hälfte der Arbeitnehmer mehr verdient als die andere. Der Medianlohn sank seit 1995 stetig und liegt jetzt bei 3360 Franken.

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In der gleichen Zeitspanne haben die Löhne der Führungskräfte kräftig zugelegt. Sind die Chefs besser geworden im Vergleich mit ihren Untergebenen? Wohl kaum. Die unterschiedliche Verteilung ist mehr eine Folge der Machtverhältnisse als des Marktwerts – die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer mehr. Daran ändern auch neue Wirtschaftszweige wenig, denn Hungerlöhne werden nicht nur in den traditionellen Tieflohnbranchen ausbezahlt. Auch in den «Boom-Jobs» wird man nicht reich.

Ein Beispiel sind die Call-Center. Schweizweit hängen bereits rund 15000 Frauen und Männer berufsmässig an der Strippe, Tendenz stark steigend. Ihr Einstiegslohn beträgt oft gerade einmal 2500 Franken, sogar bei der Swisscom sind es nur 3100 Franken brutto.

Die Gewerkschaften machen Druck
Damit soll jetzt Schluss sein, fordern die Arbeitnehmerorganisationen. «Kein Lohn unter 3000 Franken netto», heisst die laufende Kampagne des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB).

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«Man muss von seinem Lohn leben können, wenn man Vollzeit arbeitet», sagt SGB-Präsident Paul Rechsteiner. Und für SGB-Sekretär Serge Gaillard ist klar: Gerade die tiefen Löhne im Gastgewerbe sind mitschuldig daran, dass die Patrons das Thema Rationalisierung jahrelang verschlafen haben.

Dass die Gewerkschaften im Salärkampf nicht von vornherein machtlos sind, belegt die Bauwirtschaft. Dort liegt der Durchschnittslohn mit fast 5000 Franken deutlich höher als im Gastgewerbe, und auch die Unterschiede zwischen Spitzen- und Kleinverdienern sind viel geringer.

Einer der Gründe: Im Baugewerbe gilt seit langem ein Gesamtarbeitsvertrag (GAV). Zudem ist der Organisationsgrad der Beschäftigten hoch. Fast alle Bauarbeiter zahlen den Gewerkschaftsbeitrag, bei den Gastroangestellten ist es nicht einmal jeder Zehnte.

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Mehr gewerkschaftliches Engagement täte Not, denn die Arbeitgeber blocken. «Firmen sind ökonomische und nicht soziale Organisationen», sagt Arbeitgeberpräsident Peter Hasler im Beobachter-Interview.

Doch es gibt auch positive Ausnahmen. In der Druckbranche etwa werden die Mindestlöhne für Ungelernte schrittweise auf 3100 Franken angehoben. Und Coop-Chef Hansueli Loosli hat zugesichert, ab Januar 2001 keine Löhne mehr unter 3000 Franken brutto auszuzahlen.

Coop sei auf dem richtigen Weg, loben auch die Gewerkschaften. Heute zahlt der Detailhändler vor allem in den Kantonen Wallis, Jura, Freiburg und Tessin tiefere Löhne. Insgesamt dürften etwa 1500 Angestellte weniger als 3000 Franken verdienen. Im Wallis etwa beginnt die Lohnskala offiziell bei 2750 Franken – nach Angaben von Branchenkennern liegt sie sogar noch deutlich darunter. Bei der Coop-Konkurrentin Migros ist das Lohnniveau zwar leicht höher, dafür sind dort keine gezielten Anhebungen geplant.

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Die Lohnverhandlungen harzen
Abgesehen von diesen Etappenerfolgen harzen die Lohnverhandlungen auf Betriebs- oder Branchenebene. Deshalb brütet eine SGB-Expertengruppe derzeit über der Frage, ob die Forderung in ein Gesetz gegossen werden sollte.

Ubernächste Woche wollen die Gewerkschaften ihre Taktik offen legen und darstellen, wie die betroffenen Branchen die geforderten Lohnerhöhungen wirtschaftlich verkraften könnten. «Klar ist, dass wir ein etappiertes Vorgehen anpeilen», lässt SGB-Pressesprecher Ewald Ackermann durchblicken.

Der SGB hat ausgerechnet, dass bei einem Mindestlohn von 3400 Franken brutto – das entspricht rund 3000 Franken netto – die Restaurantpreise für Getränke und Mahlzeiten bloss um zwei Prozent erhöht werden müssten.

Wie diese Zahl zustande gekommen sein soll, ist Gaby Lieber allerdings schleierhaft. Sie führt im jurassischen Pruntrut ein kleines Restaurant mit vier Angestellten, zwei in der Küche (Löhne ab 3600 Franken), zwei im Service (Löhne ab 2800 Franken). «Ich wüsste nicht, woher ich das Geld für höhere Gehälter nehmen sollte», sagt die Wirtin. «Meine Gäste geben mir schon jetzt zu verstehen, dass sie nicht bereit sind, mehr zu bezahlen als heute. Mein Restaurant würde einen Mindestlohn von 3000 Franken nicht überleben.»

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Die körperliche Anstrengung über viele Stunden und die grosse psychische Belastung fordern ihren Tribut. Gaby Lieber, die eine Zeit lang allein erziehende Mutter war, will nächstes Jahr aufhören. Unter anderem weil sie darunter leidet, ihrem Personal – und sich selbst – nur so wenig Lohn auszahlen zu können.

Auch andere Arbeitgeber tun sich schwer mit den Tiefstlöhnen. Daniel Bühler führt eine Herberge in Interlaken und zahlt seinen Angestellten Löhne ab 3110 Franken brutto. «Ich finde das viel zu wenig, aber es kommt einfach nicht mehr Geld herein.» Die Ubernachtung im Mehrbettzimmer kostet gerade mal 29 Franken. Zieht man Miete und Fixkosten ab, bleibt kein grosser Verdienst übrig. Aber die Gäste seien einfach nicht bereit, mehr zu bezahlen für etwas, was zu Hause gratis ist. «Für zwei oder drei Stunden Extremsport blättern sie dann aber gern ein paar Hunderter hin», ärgert sich der Hotelier.

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Bühlers Receptionistin verdient zwar 3800 Franken brutto, muss aber von halb acht morgens bis neun Uhr abends arbeiten – mit einer Pause von 11 bis 16 Uhr. «Einem Familienvater könnte ich das nicht zumuten, darum stelle ich dort nur Alleinstehende ein», sagt Bühler. Dass das kein Ausweg aus der Misere ist, weiss er. «Aber ich sehe keine andere Lösung. Wir stehen in internationaler Konkurrenz. Wenn wir teurer werden, fahren die Touristen einfach woanders hin.»

Der Staat will eingreifen
Alles in allem also schlechte Aussichten für den Kellner Thomas F. und die Kassierin Caroline H. Doch zumindest einen Lichtblick gibt es: Im Zusammenhang mit den bilateralen Verträgen mit der EU, über die am 21. Mai abgestimmt wird, hat das Parlament Massnahmen gegen das Lohndumping beschlossen.

Geraten wegen zusätzlicher Arbeitskräfte aus den EU-Staaten die Löhne «deutlich und missbräuchlich» unter Druck, kann der Staat je nach Branche und Region Mindestlöhne festsetzen. «Das ist ein Meilenstein für die Schweiz», sagt Gewerkschafter Serge Gaillard. Damit ist immerhin gewährleistet, dass die Niedriglöhne nicht massiv tiefer sinken – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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