Prix Garantie, Budget, Preissturz: Nicht nur für die Konsumenten wirds immer billiger. Die Arbeitgeber im Detailhandel setzen auch auf Tiefstpreise, was das Personal betrifft.

Eine Umfrage des Beobachters beleuchtet die raue Wirklichkeit. Die Mindestlöhne bewegen sich im schmalen Band zwischen knapp 3200 und 3500 Franken pro Monat bei Wochenarbeitszeiten von bis zu 44 Stunden.

Damit schneiden die Detaillisten auch im internationalen Branchenvergleich schlecht ab. So haben die Arbeitgeber in Deutschland mit umgerechnet CHF 29.50 pro geleisteter Arbeitsstunde höhere Lohnkosten als in der Schweiz (CHF 27.10, Stand 2000). Das hat eine Studie der BAK Konjunkturforschung Basel AG gezeigt. Dafür verantwortlich sind die Lohnnebenkosten, die für deutsche Arbeitgeber anfallen: Mit 25 Prozent des Bruttolohns liegen sie um über zehn Prozent höher als in der Schweiz. Davon profitieren die deutschen Arbeitnehmer direkt, denn neben Renten, Pflege- und Arbeitslosenversicherung werden – anders als in der Schweiz – damit auch die Krankenkassen finanziert.

Aldi: «Eine Frechheit»

Nach Abzug von Steuern und Vorsorgebeiträgen bleibt dem Schweizer Detailhandelspersonal zwar rund ein Fünftel mehr Geld in der Lohntüte als den deutschen Kollegen. Doch dieser Mehrbetrag wird von den höheren Lebenshaltungskosten wieder weggefressen. «In anderen Branchen liegen die Löhne in der Schweiz für vergleichbare Arbeit um 1000 Franken höher», stellt Robert Schwarzer von der Gewerkschaft Unia klar. Sie fordert eine generelle Erhöhung der Mindestlöhne im Verkauf auf 4000 Franken und gibt sich auch nicht damit zufrieden, dass der Wert der Vergünstigungen für Mitarbeiter etwa bei der Migros bis zu 500 Franken pro Monat ausmacht.

Eher zufrieden könnte Schwarzer mit Aldi sein – sollte die in der Branche kursierende Zahl von 4000 Franken Monatslohn, die Aldi angeblich in der Schweiz ungelernten Arbeitskräften anbieten will, der Realität entsprechen. Aldi-Pressesprecher Sven Bradke sagt dazu nur, die Firma sei dafür bekannt, überdurchschnittlich gute Löhne zu zahlen.

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Petra Schneider (Name geändert) allerdings machte mit dem deutschen Discounter schlechte Erfahrungen. Die arbeitslose Dentalassistentin bewarb sich bei Aldi Schweiz für einen 100-Prozent-Job als Verkäuferin. Diesen erhielt sie auch mündlich zugesichert. «Der Vertrag sah dann aber ganz anders aus», sagt sie. Aus dem Vollzeitjob war eine Halbtagsstelle geworden, anzutreten im September. Lohn: 1848 Franken brutto. Von bezahlten Spesen während der Ausbildungsphase in Deutschland war keine Rede. «Eine Frechheit», sagt Schneider. «Ich habe abgesagt.» Aldi spricht von einem «Missverständnis».

Das Personal ist Nebensache

Aldi wird im nächsten Jahr für seine fünf Filialen etwa 60 neue Arbeitsplätze schaffen, mehrheitlich Teilzeitstellen, jedoch längerfristig zusammen mit Lidl zum Stellenabbau im Schweizer Detailhandel beitragen. Denn die deutschen Discounter sind keine Jobmaschinen, im Gegenteil. Im durchrationalisierten Hard-Discounter spielt das Personal eine Nebenrolle – und schafft trotzdem fünfmal mehr Umsatz pro Arbeitskraft als in einem Supermarkt. Dies dank straffem Sortiment und Verzicht auf aufwändige Ladengestaltung. Aldi und Lidl erzielen mit dieser Strategie überdurchschnittliche Renditen. Allerdings: Da sie in der Schweiz auf einen gesättigten Markt treffen, müssen sie der Konkurrenz ein Stück vom Kundenkuchen abjagen.

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Und die Konkurrenz schläft nicht. Das Gebot der Stunde heisst Effizienz: Obwohl die Umsätze im Detailhandel stiegen, wurden im vergangenen Jahr 10'000 von 320'000 Stellen abgebaut. Der soeben abgetretene Migros-Chef Anton Scherrer hat bereits angekündigt, dass in den kommenden fünf Jahren weitere 10'000 Arbeitsplätze allein schon bei den Grossverteilern und Discountern verloren gehen.

Der Druck auf das Personal nimmt zu. Vor allem bei Lidl hat es nichts zu lachen. Die deutsche Dienstleistungsgewerkschaft ver.di dokumentiert in ihrem «Schwarzbuch Lidl» eine lange Reihe von Schikanen, denen das Personal ausgesetzt ist. Von «gnadenloser Arbeitshetze», unbezahlter Mehrarbeit oder dem Austausch von zu teuer gewordenem Stammpersonal durch ungelernte Billigkräfte ist die Rede.

Wie wärs mit einem «Humanplan»?

Ob solche Zustände auch in der Schweiz herrschen werden, ist unklar. Lidl verweigert «aus wettbewerbspolitischen Gründen» jede Auskunft. Nimmt man aber die Angaben von ver.di für bare Münze, dürften sich nach Eröffnung der ersten Lidl-Filialen auch hierzulande die Klagen über die Arbeitsbedingungen häufen.

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Das könnte die etablierte Schweizer Konkurrenz dazu verführen, von den eigenen Versäumnissen abzulenken. So hat es bis auf Coop und Migros keiner der grossen Detailhändler für nötig befunden, einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) auszuhandeln. Auch eine Arbeitnehmervertretung in der Geschäftsleitung kennen nur Coop und Migros.

Ein weiteres düsteres Kapitel: die Ausbildung. Die schwarzen Schafe heissen hier Denner und Carrefour, wo die Suche nach einem Lehrling fast schon jener nach der Stecknadel im Heuhaufen gleicht. Immerhin kündigen beide Firmen an, sich diesbezüglich zu bessern.

Im Gesamtvergleich schneiden die Branchenleader Migros und Coop noch am besten ab. Mitbestimmung, GAV, Vergünstigungen und ein breites Ausbildungsangebot hellen das trübe Bild etwas auf, das die tiefen Mindestlöhne hinterlassen.

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Tiefe Preise und faire Arbeitsbedingungen schliessen sich nicht zwingend aus. Denn die Lohnkosten machen vom Endverkaufspreis nur zwischen 5 (Discounter) und 13 (Supermarkt) Prozent aus. Da gibt es durchaus noch Spielraum nach oben. Einige der Grossverteiler betonen denn auch, wie wichtig faire Löhne sind – zumindest, wenn es ums Image geht. So engagiert sich die Migros etwa für einen international gültigen Verhaltenskodex, der bei allen Non-Food-Lieferanten gelten soll.

Vielleicht wäre es ja an der Zeit, auch für die Arbeitsbedingungen im eigenen Haus ein Label einzuführen, einen «Humanplan», wie ihn die Gewerkschaft Unia in Anspielung auf «Naturaplan» von Coop vorschlägt. Dann wüssten die Kunden, woran sie sind – sofern sie nicht nur am Preis interessiert sind.