Die härteste Währung im Geschäftsleben ist Vertrauen», behauptet der «New York Times»-Kolumnist und Bestsellerautor David Brooks. Ein Satz, dem wir intuitiv zustimmen. Denn wo kein Vertrauen ist, lässt sich kaum erfolgreich geschäften. Doch leider hat in diesen stürmischen Zeiten auch diese Währung viel von ihrem Wert verloren.

Gedrängt vom Druck der globalisierten Wirtschaft, getrieben vom Drang nach immer schnellerer Produktion, geleitet von der Gier nach stets höherer Rendite, wird in jedem Bereich immer strenger rationalisiert, optimiert und kontrolliert. Wer leistungsmässig nicht genügt, wird aussortiert und weggespart.

Die Folge ist ein generelles Klima des Misstrauens. Der verunsicherte Arbeit­nehmer fragt sich, ob seine Leistung genügt, um auch die nächste Sparrunde zu über­stehen. Und der Arbeitgeber kontrolliert akribisch, ob seine Angestellten auch immer die volle Leistung bringen.

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«Muss ich mich zum Arzt schleppen, um ein Zeugnis für zwei Tage Erkältung zu beschaffen?»

Andres Büchi, Chefredaktor

Ausdruck dieser zunehmenden Miss­trauenskultur sind Streitereien um Absenzen wegen Krankheit. «Ist der Disponent wirklich schon wieder krank?», fragt der Chef den Teamleiter mit Skepsis im Blick. «Muss ich mich jetzt fiebrig zum Arzt schleppen, nur um ein Zeugnis für meine zwei Tage Erkältung zu beschaffen?», fragt sich der Patient im Bett – und zweifelt schon, ob er es nicht doch noch ins Büro schaffen würde.

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Dann wird er vielleicht zum Handy greifen und bei Medgate ein Arztzeugnis per Telefon verlangen. Ein Service, den das unabhängige ärztliche Informations- und Beratungs­zentrum seit rund einem halben Jahr bietet. Das schriftliche Zeugnis soll Halt bieten, wo das Vertrauen nicht genügt.

Vertrauen ist eine Form von Wertschätzung

Doch immer mehr Arbeitgeber zweifeln heute selbst Arztzeugnisse an, wie Gian Signorell und Mario Stauber in unserer Titelgeschichte «Streit ums Arztzeugnis» belegen. Mit telefonisch bestellbaren Arzturkunden werde «dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet», argwöhnt zum Beispiel der baselstädtische Gewerbeverband. Und auch die Aargauische Industrie- und Handelskammer krittelt: «Wir werden immer wieder mit der Problematik von zweifelhaften Arztzeugnissen konfrontiert.»

Eine Lösung ist schwierig. Denn wem soll man trauen, wenn nicht dem Arzt, der mit seinem Zeugnis vorab den Patienten schützen muss und nicht immer wissen kann, wie schwer der Kranke wirklich leidet?

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Statt auf noch engere Kontrollen zu setzen und noch mehr Beweise einzufordern für krankheitsbedingte Absenzen, täten Arbeitgeber gut daran, wieder mehr in die Kunst des Vertrauens zu investieren. Es lohnt sich. Denn gut, effizient und produktiv arbeiten Leute stets dann zusammen, wenn sie sich gegenseitig vertrauen. Vertrauen ist eine Form von Wertschätzung und motiviert. Mit Misstrauen und zu viel Kontrolle erreicht man oft das Gegenteil.

Der neue Beobachter ist da!

Lesen Sie die vollständige Titelgeschichte «Streit ums Arztzeugnis – ist der wirklich krank?» in der aktuellen Ausgabe des Beobachters.

Weitere Themen des Hefts: Zeugen Jehovas – ein Aussteiger erzählt. Der Fall – wenn ein depressiver Pianist einem depressiven Handwerker hilft. Haarentfernung – acht Methoden, die den Wildwuchs zähmen.

Der Beobachter 3/2016 erscheint am Freitag, 5. Februar. Sie erhalten die Ausgabe am Kiosk, als E-Paper oder im Abo.

Quelle: Luxwerk
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