Noel Müller* traute seinen Ohren nicht: Der Lehrling eines kleinen KMU-Betriebs weilt in den Ferien, als der Vulkan Eyjafjallajökull den europäischen Flugverkehr zum Stillstand bringt. Sein Rückflug wird verschoben. Er käme sechs Tage zu spät zur Arbeit. Noel informiert seinen Chef, und dieser meldet sich kurz darauf: Er habe einen früheren Rückflug für rund 500 Franken buchen können. Er verlangt von Noel, diesen auf eigene Kosten anzutreten. Der Flug verschlingt praktisch einen Monatslohn des Lehrlings. Zähneknirschend bezahlt Noel trotzdem, um keinen Streit mit seinem Chef zu riskieren.

Nach Ferien sind unverschuldete Verspätungen durch Naturereignisse oder Streiks immer möglich. Ist eine solche Forderung rechtens?

«Die Frage ist nicht leicht zu beantworten», sagt die auf Arbeitsrecht spezialisierte Anwältin Andrea Halbeisen. Einerseits sei es die Pflicht des Arbeitnehmers, pünktlich am Arbeitsplatz zu erscheinen. Sei dies nicht möglich, müsse er so schnell wie möglich zurück, sonst hafte er für den entstandenen Schaden, etwa wenn für ihn eine Aushilfe bezahlt werden müsse. Anderseits stelle sich die Frage, ob es zumutbar sei, von einem Lehrling zu verlangen, einen 500 Franken teureren Flug zu buchen. Rechtlich sei dies nicht schlüssig zu beantworten. «Aber moralisch gesehen ist der Chef im Unrecht.»

Laut Professor Thomas Geiser, Experte für Arbeitsrecht an der Universität St. Gallen, hätte Noel verlangen sollen, dass der Chef den Rückflug bezahlt. Hätte dieser sich geweigert und wären durch die Verspätung im Betrieb Kosten entstanden, könnte der Lehrmeister höchstens den – nicht bezahlten – Betrag für den Flug als Schaden geltend machen.

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Die meisten Unternehmen sind flexibler

Viele Firmen würden sich verständnisvoller verhalten. Die UBS etwa gewährt bei unverschuldeten Verspätungen bis zu drei zusätzliche Ferientage. Dauert die Absenz länger, muss der Mitarbeiter dies mit Ferientagen oder Überzeit kompensieren. «So kann es vorkommen, dass ein Betroffener auf eigene Kosten umbucht», sagt Sprecher Andreas Kern.

Die Migros verhalte sich laut Sprecherin Monika Weibel grundsätzlich kulant. «Bei uns gilt die Jahresarbeitszeit, Betroffene können die ausgefallene Arbeitszeit innerhalb von zwölf Monaten nachholen.» Genau gleich verfährt die Post. Mediensprecherin Nathalie Salamin sagt, man würde unter keinen Umständen verlangen, dass ein Mitarbeiter 500 Franken Mehrkosten auf sich nimmt.

*Name geändert