«Ich fühle mich total ausgenützt», sagt S. Kim (Name geändert) über die Zeit seiner Stellensuche. Der 33-jährige Ostasiate lebt seit zweieinhalb Jahren in Zürich und ist mit einer Schweizerin verheiratet. Ein Jahr lang war er arbeitslos und suchte verzweifelt eine Stelle als Hilfskoch. In seiner Heimat hatte er im elterlichen Detailhandelsgeschäft im Verkauf und als Buchhalter gearbeitet; in der Schweiz wollte er in der Gastronomie Fuss fassen, um später einmal einen eigenen Imbiss zu eröffnen: «Ich liebe das Kochen.»

Das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) habe ihn zu Probetagen in Beizen geschickt, die Stellen anboten, erzählt S. Kim. «Ich habe dort hart gearbeitet, Gemüse geschnetzelt und riesige Mengen Geschirr abgewaschen.» Doch nach ein, zwei Tagen schickten ihn die Wirte jeweils wieder nach Hause – ohne ihm etwas für die geleistete Arbeit zu zahlen. Wenn er nach einiger Zeit anrief, hiess es immer, die Stelle sei schon besetzt. Sechsmal sei ihm das passiert. S. Kim will anonym bleiben, weil er seine momentane Stelle als Hilfskoch nicht verlieren will.

«Die Probleme sind riesig»

«Das Problem ist uns bekannt, wir haben immer wieder Anfragen zu unbezahlten Probetagen», sagt Stefan Unternährer, Leiter des Rechtsdiensts bei der Gewerkschaft Hotel & Gastro Union. In der jetzigen Wirtschaftslage sei es einfach, Leute für die Gratisschnuppertage zu finden. «Es handelt sich bei Arbeit auf Probe aber ganz klar um einen Arbeitsvertrag. Der Betrieb muss die Stellenlosen entlöhnen, ausser sie verzichten ausdrücklich darauf.»

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Ähnlich sieht das Marlène Saner, Leiterin des Sektors Dienstleistungen bei der Gewerkschaft Syna: «Das Gastgewerbe ist die Branche, die uns die allermeisten Sorgen macht. Die Probleme sind riesig.» Oft würden die Arbeitszeiten nicht eingehalten, Mindestlöhne unterboten und gesetzlich vorgeschriebene Leistungen wie der 13. Monatslohn nicht bezahlt.

Martin Karrer, Leiter des RAV Zürich Ausstellungsstrasse, das für S. Kim zuständig war, relativiert die Vorwürfe: «Die Arbeitgeber wollen sehen, ob der Arbeitslose geeignet ist für eine Stelle in ihrem Betrieb. Ein solcher Eignungstest ist gerade im Gastgewerbe üblich und sinnvoll.» Zudem habe der Stellenlose in der Praxis ja keinen Nachteil, da er weiterhin das Taggeld beziehe. Erfahre das RAV jedoch, dass ein Betrieb immer wieder Stellenlose für Schnuppertage anheuere, aber nie einen Job vergebe, dann würden die Versicherten nicht mehr dorthin geschickt, betont Karrer. «Das geschieht aber selten.»

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Klare Richtlinien gelten beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), der Aufsichtsbehörde der RAV. «Die Probetage haben nicht das Ziel, Betriebe künstlich zu unterstützen», sagt Tony Erb, Leiter des Ressorts arbeitsmarktliche Massnahmen. Das Seco könne allerdings nur intervenieren, wenn Klage eingereicht werde.

Genau hier liegt das Problem: Ausländische Erwerbslose, die auf Probe arbeiten müssen, kennen die Rechtslage nicht, die überdies je nach Auskunftsstelle unterschiedlich ausgelegt wird. Zudem wird kaum jemand wegen des Betrags von 150 bis 300 Franken klagen, den er für zwei Arbeitstage zugute hätte. Viele Betriebe nutzen das aus. Als S. Kim in einem Betrieb, bei dem er Schnuppertage absolvierte, nach seinem Lohn fragte, antwortete der Wirt: «Wer vom RAV geschickt wird, bekommt nichts von uns.»

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Massgebend ist, was zwischen den Parteien vereinbart wurde, hält der Rechtsdienst des Arbeitgeberverbands Gastrosuisse fest: «Die RAV müssen sicherstellen, dass die Arbeitsbedingungen zwischen Erwerbslosen und Arbeitgeber klar sind, bevor jemand eine Arbeitsstelle ausprobiert.» Dazu gehöre auch, dass ein korrekt vereinbarter Arbeitseinsatz auf Probe entschädigt werde. Falls es zu Ungereimtheiten komme, müssten allerdings die Betroffenen und die RAV aktiv und die Einzelheiten abgeklärt werden.

Der Ball wird hin- und hergeschoben, zuständig fühlt sich offenbar niemand. Und dies, obwohl der Arbeitslosenversicherung durch diese Praxis einiges an Geld verloren geht. Eigentlich müssten die Wirte die Probetage entlöhnen, und dieser Zwischenverdienst müsste beim Taggeld der Erwerbslosen angerechnet werden. Das heisst, die Versicherung würde entlastet und müsste weniger zahlen.

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Zu wenig Kontrolleure

«Es ist bekannt, dass sich gewisse Gastrobetriebe mit dieser Gratisarbeit über Wasser halten», sagt Andreas Senft von der Gewerkschaft VHTL (Verkauf, Handel, Transport, Lebensmittel). Es sei ungerecht, dass sich Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber so etwas leisten könnten: «Anscheinend ist dies den RAV egal.»

Seit dem 1. Juli sind neben der Hotel & Gastro Union neu auch die Gewerkschaften Unia, VHTL und Syna Partner des Landesgesamtarbeitsvertrags (L-GAV) für das Gastgewerbe. Sie wollen so mehr Druck machen, um die Arbeitsbedingungen im Gastgewerbe zu verbessern. Leider seien aber nur etwa zehn Prozent der über 220'000 Angestellten im Gastgewerbe gewerkschaftlich organisiert.

Für die Einhaltung des Gesamtarbeitsvertrags ist die Kontrollstelle L-GAV in Basel zuständig. Die Gewerkschaften fordern, dass die Stelle mit mehr Personal ausgestattet wird, damit genügend Kontrollen durchgeführt werden können. Ob das gelingt, ist aber fraglich: Heute sind fünf Inspektoren für die 31'200 Schweizer Gastbetriebe zuständig – ein gravierendes Missverhältnis.

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