«Erst seit ich Kinder habe, weiss ich, was Diskriminierung bedeutet», sagt Sonja Wiesmann. Die 40-jährige Thurgauerin ist entschlossen, Klage gegen ihren früheren Arbeitgeber einzureichen. Sie arbeitete bei ihm während 15 Jahren als Bauführerin - als Frau unter lauter Männern. Auch als sie Zwillinge erwartete, sollte sich für sie nichts ändern: Ihr Mann war bereit, die Betreuung der Kinder zu übernehmen. Dennoch teilte ihr der Chef mit, dass sie nach dem Mutterschaftsurlaub nicht mehr bei ihm arbeiten könne - mit zwei Kindern und der hormonellen Umstellung sei Vollzeitarbeit nicht möglich, so seine Argumentation.

Per Inserat wurde ein neuer Bauführer gesucht, aber vorderhand niemand eingestellt. Deshalb gelangten weiterhin Anfragen aus der Firma an Sonja Wiesmann - auch während des Mutterschaftsurlaubs behielt sie so einen Fuss im Job. Doch einen Tag nach dem Ende des Urlaubs erhielt sie die Kündigung «aus wirtschaftlichen Gründen». Während der Kündigungsfrist durfte Wiesmann die Baustellen nicht mehr betreuen. Nach zwei Monaten stellte sie der Chef nach einer Auseinandersetzung frei. Ihre Arbeit übernahm ein neuer Bauführer. Bittere Erkenntnis: «Mir kündigte man wegen der Kinder, gleichzeitig begann ein Kollege mit einem Kind im selben Alter wie meine mit der Arbeit.»

Je mehr Beweise, desto besser

Sonja Wiesmann entschloss sich, die Kündigung als Diskriminierung nach Gleichstellungsgesetz anzufechten. Seit 25 Jahren ist das Recht auf Gleichstellung in der Bundesverfassung verankert; vor zehn Jahren wurde das Gleichstellungsgesetz verabschiedet, das die rechtliche Durchsetzung regelt. Damals prophezeiten die Gegner des Gesetzes eine Lawine von Gleichstellungsklagen. Tatsächlich sind in der ganzen Deutschschweiz bisher 320 Klagen bei Schlichtungsstellen und vor Gericht bekannt (siehe «Gleichstellungsklagen: Die wichtigsten Infos») - zu 95 Prozent eingereicht von Frauen. Am häufigsten sind Klagen wegen Lohndiskriminierung und sexueller Belästigung. In den letzten Jahren beurteilten die Gerichte zunehmend auch Benachteiligungen bei Anstellung oder Beförderung sowie Kündigungsklagen.

Wer klagt, geht ein beträchtliches Risiko ein: Von den klagenden Angestellten in der Privatwirtschaft arbeiten zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung nur noch sieben Prozent beim beschuldigten Arbeitgeber. Anders bei den öffentlich-rechtlich Angestellten, wo über die Hälfte am Arbeitsplatz bleibt. Während der Klage und sechs Monate danach darf die Firma keine Kündigung aussprechen. Doch nicht selten ist die Kündigung selbst Klagegrund, oder das Arbeitsklima hat sich so verschlechtert, dass Angestellte von sich aus gehen.

Jede zweite Klage bei der Schlichtungsstelle beziehungsweise vor Gericht endet mit einem Vergleich - oder die Klägerin erhält teilweise oder ganz Recht. Erfolg oder Misserfolg hängt wesentlich von der Beweislage ab. Zwar muss laut Gesetz der Arbeitgeber beweisen, dass er nicht diskriminiert; ebenso muss er eine Kündigung begründen können. Doch in der Praxis steht dann oft Aussage gegen Aussage, und es fehlen Zeugen. Wenn es um Löhne geht, wird die Vergleichbarkeit der Arbeit angezweifelt, bei Kündigungen wird oft die Leistung bemängelt. Häufig befragt der Richter deshalb weitere Mitarbeitende und lässt Gutachten erstellen.

Je mehr Beweise die Klägerin selber beibringen kann, desto besser stehen ihre Chancen. Bei einer Lohnklage ist das im besten Fall der Lohnausweis eines Kollegen mit ähnlicher Arbeit. Doch auch Arbeitsplatzbeschreibungen, Zwischenzeugnisse und Qualifikationsbogen von Mitarbeitergesprächen sowie Aufzeichnungen zu den einzelnen Ereignissen sind nützliche Dokumente. Notizen sind auch deshalb nötig, weil sich eine Klage oft über Jahre hinzieht: Bis zum Entscheid dauert es im Durchschnitt acht Monate.

Klagen bedeutet auch eine grosse psychische Belastung, denn die Klägerin muss nicht selten mit Verleumdungen und Isolation am Arbeitsplatz zurechtkommen. Deshalb ist der erste Schritt die Suche nach einer guten Beratung und Begleitung. Dies wird von kantonalen Gleichstellungsbüros und Beratungsstellen für Gleichstellungs- und Arbeitsrecht angeboten. Wichtige Anlaufstellen sind auch Gewerkschaften und Berufsverbände.

In 13 der 19 Deutschschweizer Kantone muss man sich vor einer Klage obligatorisch an die Schlichtungsstelle wenden. Diese Stellen informieren vor allem zu rechtlichen Fragen.

Finanzieller Gewinn: Nicht zu erwarten

Eine grosse Hürde für die Klägerin können auch die Kosten sein. Zwar ist das Gerichtsverfahren gratis, doch die Rückerstattung der Anwaltskosten hängt davon ab, ob sie Recht bekommt. Doch auch erfolgreiche Klagen bedeuten selten einen finanziellen Gewinn. So kann Sonja Wiesmann wegen diskriminierender Kündigung eine maximale Entschädigung von sechs Monatslöhnen einfordern - ihre Stelle aber erhält sie nicht zurück. Als sie sich in ihrer Wohngemeinde arbeitslos meldete, sagte man ihr, sie müsse dann aber ernsthaft arbeiten wollen mit zwei Kindern. «Mit diesem Druck wird nun schleichend unser selbst gewähltes Familienmodell ausgehebelt und uns die traditionelle Rollenteilung aufgezwungen», sagt sie bedauernd.

Mit der Entscheidung, ob sie klagen sollte, tat sie sich in dieser Stresssituation schwer. Sie liess sich bei der Infostelle Frau und Arbeit beraten. Jetzt hat sie den Antrag für obligatorische Schlichtung eingereicht: «Entscheidend war schliesslich, dass geltendes Recht auch eingehalten werden muss, denn nur so ändert sich etwas.»

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Gleichstellungsklagen: Die wichtigsten Infos

  • www.ebg.admin.ch: Website des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann. Mit Infos zur Rechtslage, Adressen von Schlichtungsstellen, Publikationen et cetera.
  • www.gleichstellungsgesetz.ch: Einsicht in 320 Klagen aller Deutschschweizer Kantone. Die Datenbank informiert über die Gesetzgebung im Kanton, über den Ablauf des Verfahrens und listet Schlichtungsstellen, Gerichte und Fachstellen für Gleichstellungsfragen auf.
  • www.lohngleichheit.ch: Leitfaden im Fall von Diskriminierung bei Lohn, Anstellung, Beförderung und Kündigung (in der Rubrik «Was tun, wenn…?»).
  • www.lohngleichheit.ch: Selbstberechnung von Frauen- und Männerlöhnen in 40 privatwirtschaftlichen Branchen (Rubrik «Der Fairpay-Lohnrechner»).
  • «Nichts ändert sich von selbst»: Porträts von Klägerinnen; Download unter www.sgb.ch (PDF, 359 kb).