Der Zettel unter dem Scheibenwischer kam Nathalie Fässler wie gerufen: Keine Parkbusse, sondern ein rosarotes Flugblatt mit der Frage «Suchen Sie Arbeit?» klebte an der Autoscheibe. Die ehemalige Swissair-Angestellte war tatsächlich auf Jobsuche – also wählte sie die angegebene Telefonnummer.

Erst zahlen, dann verdienen

Doch bevor sie Näheres über den Arbeitgeber erfuhr, musste die 53-Jährige im Internet einen Fragebogen ausfüllen. Damit war das Versteckspiel allerdings noch nicht zu Ende: Zusammen mit einem zweiten Fragebogen erhielt sie per Post eine weitere Telefonnummer.

Sie wählte die Nummer und lauschte, wie eine Bündner Bauernfamilie und ein Arbeitsloser über ihren Topverdienst bei der Firma Herbalife schwärmten – ab Tonband.

Herbalife ist eine Direktvertriebsfirma, die Ernährungspulver und Kosmetika anbietet und in der Schweiz immer wieder in die Schlagzeilen geriet, weil sich die versprochenen Verdienstchancen nicht verwirklichen liessen.

Um bei Herbalife einzusteigen, müsse sie für 200 Franken einen Tag lang an einem Seminar teilnehmen, erfuhr Nathalie Fässler. Zudem habe sie die Produkte im Voraus zu bezahlen und bei sich zu lagern.

Sie verzichtete dankend. Doch sie wurde die Firma nicht so schnell wieder los. Eine Teamgruppenleiterin meldete sich und redete ihr ins Gewissen: «Als Arbeitslose in Ihrem Alter müssen Sie doch jeden Job annehmen.» Sicher nicht, riet ihr der Beobachter.

Die Schweizerische Zentralstelle für Heimarbeit (SZH) registriert eine starke Zunahme von Anfragen über Firmen, die nicht nur einen Ausweg aus der Arbeitslosigkeit versprechen, sondern auch einen Topverdienst. «Die Leute schlagen auch in offensichtlichen Fällen War-nungen in den Wind», sagt SZH-Leiter Roland Ronchi. Steckten die Menschen in Not, seien sie offener für zweifelhafte Angebote.

Neben Herbalife nutzen auch andere Direktvermarkter die Gunst der Stunde.

«Betriebsschliessungen gehören zur Tagesordnung. Wann trifft es mich… muss die Frage heute wohl lauten!», setzt die Firma Amway in den Werbeunterlagen auf die allgemeine Verunsicherung. Und Anifit verspricht: Wer sein eigener Chef sein wolle, dessen Einkommen sei beim Vertrieb von Katzennahrung nach oben nicht begrenzt. Im Kleingedruckten steht allerdings, dass die Berater als Selbstständigerwerbende die Produkte auf eigenes Risiko vertreiben.

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«Nach 100 Absagen greift man nach jedem rettenden Strohhalm», erklärt Peter Bersorger. Er war vor einem Jahr arbeitslos. In einem Stellenanzeiger pries er sich als 46-jähriger Allrounder an und erhielt nur ein Angebot. Eine Direktvertriebsfirma versprach ihm: «Unser Team arbeitet mit einem System, das nachweislich unglaubliche Erfolgsresultate erzielt.» Nachdem sich Bersorger beim Beobachter über die Firma erkundigt hatte, liess er die Finger davon.

Nicht alle Arbeitslosen sind so standhaft. Oft bleibt ein Funke Hoffnung, das Angebot könnte vielleicht doch ein Ausweg aus der Arbeitslosigkeit sein. Und je länger die Zeit ohne Arbeit dauert, desto eher entzündet sich dieser Funke Hoffnung wieder. Auch Nathalie Fässler ist sich dieser Gefahr bewusst: «Bevor ich zum Sozialamt muss, melde ich mich vielleicht doch noch bei Herbalife.»

Misstrauen ist angebracht

Wer sich trotz allem für Heimarbeit interessiert, sollte das Angebot genau anschauen. Vorsicht ist geboten, wenn

  • unklar ist, wer hinter dem Angebot steckt;

  • Informationen über eine teure 0900-Nummer eingeholt werden müssen;

  • Firmen für Seminare oder Produkte Geld verlangen, bevor verdient werden kann;

  • es vor allem darum geht, weitere Leute fürs Mitmachen zu gewinnen;

  • der Anbieter keinen schriftlichen Arbeitsvertrag ausstellt;

  • bei geringem Aufwand das grosse Geld versprochen wird.

Zudem ist zu berücksichtigen, dass nicht alle zur Verkäuferin oder zum Verkäufer geboren sind. Weitere Informationen sind bei der Zentralstelle für Heimarbeit in Bern erhältlich: www.heimarbeit.ch