Florian trägt die Dächlikappe schräg, tanzt, singt und lacht keck ins imaginäre Publikum. Im richtigen Leben heisst er Fabio. Er ist zehn Jahre alt, wohnt in Sursee LU und ist einer von zehn Jungen, die abwechslungsweise in die Rolle des Florian im Musical «Ich war noch niemals in New York» schlüpfen. Ihr gemeinsamer Steckbrief: höchstens 1.40 Meter gross und nicht im Stimmbruch.

Im Musical mit den Songs von Udo Jürgens ist Florian ein zwölfjähriger Junge, der mit Vater und Grossvater eine Kreuzfahrt unternimmt. Und der den Opa davon abzuhalten versucht, Blödsinn zu machen – der Senior ist nämlich gemeinsam mit seiner Freundin Maria aus dem Altersheim ausgebüxt, um noch einmal so richtig Party zu machen. Auch Marias Tochter Lisa ist auf dem Schiff, und es kommt, wie es kommen muss: Florian sieht dem Techtelmechtel seines Vater mit Lisa aus nächster Nähe zu und gibt ihm manch cleveren Rat.

Sechs Floriane auf einen Streich: Fabio Arnold (Zweiter von links) mit seinen Bühnenkollegen

Quelle: Lea Meienberg
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Ein Zehnjähriger singt «Mit 66 Jahren»

Die Rolle des Florian wird auf zehn Paar Schultern verteilt, weil das Arbeitsgesetz vorschreibt, dass Kinder nicht mehr als neun Stunden pro Woche eingesetzt werden dürfen (siehe «Wie weit darf ‹Kinderarbeit› gehen?»). Das entspricht zwei Shows. «Die Jugendschutzregelung im Schweizer Arbeitsgesetz ist viel strenger als jene in Österreich. Dort sind wir mit drei Florianen über die Runden gekommen», sagt Thorsten Ottersberg von der Crew des Musicals. Er betreut die Produktion auch hierzulande. Deutschland hingegen sei ähnlich strikt wie die Schweiz.

Zu den gesetzlichen Vorgaben kommen nicht kalkulierbare Risiken wie Ausfälle durch Krankheit, Nervenflattern, Probleme in der Schule – und der Stimmbruch. In ­einem Casting, das ein Wochenende lang dauerte, wurden im Frühling fast 100 Jungen auf ihre Musikalität und ihr schauspielerisches Talent getestet. «Natürlich gab es Tränen, als wir mitteilten, wer bei den Aufführungen in Zürich dabei sein wird – und wer nicht», erklärt Tanzpädagogin Sara Leimgruber, eine der beiden Coaches, die täglich mit einer wechselnden Kleingruppe von Florians proben. «Aber wir haben von Anfang an klar gesagt, dass es nur ein Zehntel ins Ensemble schaffen wird.»

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Immerhin ist Florian eine wichtige Figur im Stück und singt sogar eine Solonummer: «Mit 66 Jahren», einen Udo-Knüller aus dem Jahr 1978. Da waren die meisten Eltern der Florian-Darsteller selber noch Kinder. Im Sommer begannen die Proben – neun bis zwölf Stunden pro Woche. Die Floriane arbeiteten Schritt für Schritt das Drehbuch durch und probten die Szenen. Einer der Buben spielte den Florian, die anderen wechselten sich in den anderen Rollen ab, damit alle Zusammenhänge und Einsätze klar wurden.

Singen und Tanzen gehören zum Geschäft: Vier Floriane proben auf der Bühne im Theater 11 in Zürich-Oerlikon.

Quelle: Lea Meienberg
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Udo Jürgens kommt zu Besuch

Für die Proben gibt es kein Geld. «Die Floriane bekommen einiges von uns», sagt Thorsten Ottersberg. «Wir betreuen sie, geben ihnen Gesang- und Tanzunterricht.» Stehen sie auf der Bühne, erhalten sie eine Gage. Wie hoch sie ist, sagt der Manager nicht. Freikarten für Freunde sind Teil des Honorars. Grosse Freude bereitete es den Buben, als Udo Jürgens vorbeischaute: Die kleinen Stars plauderten cool mit dem grossen und liessen sich das Treffen schriftlich geben. «Ich kann mich nicht erinnern, dass Udo schon Handys und iPods signiert hat», lacht Ottersberg.

Wie oft jeder einzelne Florian auf der Bühne stehen wird, weiss man nicht. Bis zuletzt blieb auch die Premierenbesetzung offen. Natürlich hätten besonders die Eltern gern gewusst, ob ihrem Filius diese Ehre gewährt würde. Doch bei «Ich war noch niemals in New York» tut man alles, um den Ehrgeiz der Eltern zu dämpfen. So müssen Mütter und Väter, die ihre Kids abholen, in der Kantine auf sie warten und nicht etwa im Proberaum.

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Bruno Arnold sitzt gerade in der Kantine vor seinem Laptop und arbeitet. Er ist der Vater von Fabio und bringt den Sohn jeweils von Sursee nach Oerlikon – während der Proben viermal pro Woche. «Zum Glück bin ich selbständig», sagt er, «sonst wäre es schwierig.» Aber Arnold, Vater von drei Kindern und selber in einer Brassband, möchte seinem Sohn die Erfahrung unbedingt ermöglichen.

«Wir haben unseren Jüngsten nie gepusht», sagt er. Vor Jahren sei Fabio eines Tages aus dem Kindergarten gekommen und habe gesagt, sie müssten am nächsten Tag unbedingt an den Besuchstag kommen. «Wir haben nicht schlecht gestaunt, als Fabio dort plötzlich ein Lied sang, völlig solo und total cool.» Zuvor hatten die Eltern nicht geahnt, dass im Junior ein Musiktalent schlummerte.

Jetzt geniesst der Vater die Zeit mit Fabio allein während der regelmässigen langen Autofahrten – «aber wir müssen auch aufpassen, dass das Musical zu Hause nicht zum alles dominierenden Thema wird. Schliesslich haben wir zwei weitere Kinder.» Das klappe ganz gut, da sich die Darsteller untereinander austauschen könnten und nicht alles daheim abgeladen werden müsse.

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Fabio ist mit seinen zehn Jahren schon sehr vernünftig. Ob er später Schauspieler oder Künstler werden will? «Klar wäre das toll, aber zuerst möchte ich einen normalen Beruf erlernen.» Diese Vernunft kommt auch von den Eltern, die gleich mit der Lehrerin sprachen, als Fabio fürs Musical ausgewählt worden war. Sie wollten wissen, ob sich die Gesang- und Tanzproben mit dem Unterricht vereinbaren lassen. Fabio grinst – er weiss, dass er auch in der Schule Guzzi geben muss, nicht nur auf der Bühne.

Nach den Proben im Obergeschoss des Theaters 11, bei denen die Buben und ihre Coaches unter sich waren, zügelte man im Herbst auf die richtige Probebühne, wo auch die «gros­sen» Schauspieler üben. Die Jungen kennen keine Berührungsängste. «Vor dem ersten Auftritt war ich nicht nervös, meine Eltern aber extrem», sagt Fabio. «Mir macht das Musical einen Riesenspass.»

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Wie weit darf «Kinderarbeit» gehen?

  • Jugendliche unter 18 brauchen die mündliche oder schriftliche Zustimmung der Eltern, um einen Arbeitsvertrag abzuschliessen. Ältere können vom stillschweigenden Einverständnis der Eltern ausgehen, wenn sie beispielsweise an schulfreien Nachmittagen Zeitungen austragen oder in den Ferien das Schulhaus putzen. Die Arbeit darf die Leistung in der Schule nicht beeinträchtigen.

  • Jugendliche unter 15 Jahren dürfen nicht arbeiten, aber kleine Einsätze wie Botengänge sind schon ab 13 erlaubt.

  • Es gibt eine Ausnahme: Jugendliche unter 15 dürfen bei kulturellen, künstlerischen und sportlichen Darbietungen sowie in der Werbung beschäftigt werden. Wer jünger als 13 ist, darf maximal drei Stunden pro Tag und neun Stunden pro Woche arbeiten.

  • Der Arbeitgeber muss dem kantonalen Amt spätestens 14 Tage vor dem Einsatz melden, dass er Kinder unter 15 Jahren beschäftigt. Das gilt aber nur, wenn ein arbeitsvertragliches Verhältnis besteht, der Jugendliche also für seinen Einsatz eine Entlöhnung erhält (in Geld oder als Naturalien wie Gratiseintritten oder Gutscheinen).

  • Nicht meldepflichtig sind unbezahlte und freiwillige Freizeitaktivitäten wie die Mitwirkung in einem Dorfverein oder einem Laientheater.

  • Arbeitgeber und die Eltern haben darauf zu achten, dass die Tätigkeit die Gesundheit und die Schulleistungen des Kindes nicht beeinträchtigt. Zudem muss der Arbeitgeber die im Gesetz vorgesehenen Arbeitszeiten einhalten.

  • Erlauben die Eltern ein intensiveres, längerfristiges Engagement, sollten sie gleich am Anfang das Lehrpersonal kontaktieren und sich erkundigen, ob die schulischen Leistungen einen solchen Einsatz zulassen.