Benno Krüsi, Sekretär der Gewerkschaft Unia in Winterthur, begrüsst das halbe Dutzend ausländische Maurer während der Znünipause wie alte Kumpels. Täglich sucht er Bauarbeiter auf, um zu kontrollieren, ob sie nicht übers Ohr gehauen werden. Auf der Baustelle in Räterschen ZH wird Krüsi fündig: Keiner der Maurer, die bei einer Temporärfirma arbeiten, erreicht das Minimum von knapp 35 Franken – sie liegen um die drei Franken darunter. «Weisst du, dass das aufs Jahr gerechnet rund 5000 Franken ausmacht, die dir die Firma vorenthält?», rechnet er einem Arbeiter vor. Krüsi verteilt eine Liste, mit der die Maurer überprüfen können, wie viel jeder gemäss Qualifikation und Arbeitsjahren verdienen müsste.

Die Temporärfirma wird mit einer Anzeige bei der paritätischen Kommission rechnen müssen, in der Arbeitnehmer und Arbeitgeber vertreten sind. Diese Kommission wacht über die Lohn- und Arbeitsbedingungen in Branchen, die über Gesamtarbeitsverträge (GAV) verfügen. Wo kein GAV existiert, übernehmen diese Kontrollaufgabe so genannte tripartite Kommissionen, in denen auch die Kantone vertreten sind.

Was Krüsi auf der ersten Baustelle festgestellt hat, wiederholt sich auch andernorts. Tricks, mit denen vor allem ausländische Arbeiter übertölpelt werden, gibt es viele: So wird zwar eine Ferienentschädigung gezahlt – statt zehn Prozent aber oft nur acht Prozent. In anderen Fällen fehlt die Essens- oder die Übernachtungsentschädigung auf der Lohnabrechnung. Ein beliebter Beschiss ist auch, dass die Reisezeit zur Baustelle nicht als Arbeitszeit vergütet wird. Oder Unkundige werden gern in die falsche Lohnkategorie eingeteilt: statt als Maurer etwa als Hilfsarbeiter. Zudem kommt es vor, dass Bauarbeiter keinen Lohn erhalten, wenn sie wegen schlechten Wetters nicht arbeiten können. Und dies, obwohl das Geschäft vom Staat Schlechtwetterentschädigung beansprucht.

«Den Letzten beissen die Hunde»

Dass derart oft gegen Lohn- und andere Bestimmungen verstossen wird, hat auch mit dem brutalen Preiskampf und der fast anarchischen Organisation in der Baubranche zu tun. Beispiel Wohnüberbauung in Winterthur-Hegi: Hier hat die vom Generalunternehmer beauftragte Elektrofirma ihren Auftrag an ein halbes Dutzend Unterakkordanten abgetreten. Einer davon ist Simon Buterin, der vor kurzem mit einem Kollegen die Firma Cable-Boys gründete. Unterakkordanten stehen unter starkem Termin- und Kostendruck. So zahlt Buterin einem Hilfsarbeiter 20 Franken. «Den Letzten beissen die Hunde», sagt Buterin zu den Gepflogenheiten auf dem Bau. «Die Bedingungen, zu denen Unterakkordanten Aufträge übernehmen, sind oft jenseits von gut und böse», bestätigt Krüsi. Bei allem Verständnis: Auch in diesem Fall wird er eine Anzeige machen.

Krüsi ist jeden Tag auf der Baustelle: «Im Durchschnitt registriere ich pro Jahr zwischen 200 und 300 Verstösse», sagt er. «Meist sind es Temporärfirmen, die oft alle Bestimmungen verletzen.» Bei gravierenden Fällen ordnet die paritätische Kommission eine Untersuchung der Lohnbuchhaltung an. Ein besonders krasses Beispiel: Eine Temporärfirma zahlte 70 Arbeitern während gut einem Jahr fast 130000 Franken zu wenig. Nur dank der Intervention der Gewerkschaft Unia und der paritätischen Kommission erhielten die Arbeiter ihr Geld ausbezahlt.

Gerade im Baugewerbe arbeiten immer mehr Firmen mit einer kleinen Stammbelegschaft und füllen Lücken mit Temporären. «Das ist oft nichts anderes als Arbeit auf Abruf, bei der das Risiko auf die Arbeiter abgewälzt wird», wettert Krüsi. Unternehmen, die Aufträge an Unterakkordanten oder Temporärfirmen weitergeben, können diese verantwortlich machen, wenn sie die Mindestlöhne nicht einhalten. Aber: «‹Nichts gesehen, nichts gehört›, lautet oft das Motto bei jenen, die die Aufträge nach unten weitergeben», so Krüsi.

Schwarze Schafe bei Temporärfirmen

Als Anfang Juni 2004 im Rahmen der Personenfreizügigkeit die flankierenden Massnahmen in Kraft traten, waren es vor allem so genannte Entsandte – ausländische Arbeiter von ausländischen Firmen –, die für einen Hungerlohn krampften. «Der übelste Fall, den ich gesehen habe, betraf einen deutschen Zimmermann, der für knapp elf Franken arbeitete», sagt Benno Krüsi. Seit aber die Kantone auf Druck der Gewerkschaften die Kontrollen verschärft hätten, habe sich das Problem gemildert. Heute findet Krüsi die schwarzen Schafe bei mittelgrossen und kleinen Temporärfirmen, die – bewusst oder unbewusst – die GAV-Bestimmungen nicht einhalten.

Und der Erfindungsreichtum der Arbeitgeber ist gross. So engagierte ein Hotelier im Berner Oberland für Renovationsarbeiten zwei gelernte Maler aus Deutschland. Bei seinem Besuch stellte der Arbeitsmarktkontrolleur jedoch fest: Die beiden erhielten nur den Mindestlohn, den das Gastgewerbe für ungelernte Arbeitskräfte zahlt – 3100 Franken pro Monat. Der GAV-Mindestlohn für Maler und Gipser hätte aber 4200 Franken betragen. Der Befund des Kontrolleurs: «Verdacht auf Lohndumping».

Beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) teilt man diese Ansicht nicht: Wenn die Handwerker ausschliesslich für Hotels angestellt seien, käme der GAV fürs Gastgewerbe zum Zug, so die stellvertretende Kommunikationschefin Antje Baertschi gegenüber dem Beobachter.

Anders sieht das Calogero Mirabile von der Gewerkschaft Unia: Das Argument des Seco zähle nur, wenn die Maler im Betrieb weiterbeschäftigt worden wären: «Macht dieses Beispiel Schule, dann nützen die besten flankierenden Massnahmen nichts.» Die paritätische Berufskommission erwägt nun einen Musterprozess.

Wer gegen die flankierenden Massnahmen verstösst, kann mit einer Busse von bis zu 5000 Franken bestraft werden. 2005 ergriff das Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich Sanktionen bei 200 Verstössen wegen Lohnunterbietung, bei gut 100, weil die Meldepflicht verletzt wurde. «Bei leichteren Vergehen schreiben wir einen Brief», sagt Benno Krüsi. «In der Regel zahlt die Firma die Differenz nach. Damit erledigt sich der Fall.»

In Krüsis Büro hat sich in seiner Zeit als Präsident der paritätischen Kommission des Bauhauptgewerbes für den Kanton Zürich ein beachtlicher Aktenberg mit Verstössen angehäuft. Die Summen der vorenthaltenen Zahlungen gehen in die Hunderttausende. Hochgerechnet auf die Schweiz, dürften Millionen von Franken in irgendwelchen Kassen verschwinden: nicht nur auf dem Buckel der Arbeiter, sondern auch zulasten des Staats in Form von Steuern und Sozialabgaben.

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