Die Fernsehsendung «10 vor 10» verschläft Heinz Jordi regelmässig. Wenn die Sendung läuft, ist der 68-Jährige längst nicht mehr wach, schliesslich muss er jeden Tag um 4 Uhr aus den Federn. Eine Viertelstunde später beginnt er jeden Werktag seine Tour: Er verteilt Zeitungen in Briefkästen in der Zürcher Gemeinde Herrliberg. Auch Alt-Bundesrat Christoph Blocher bringt er früh am Morgen die Neue Zürcher Zeitung, die Zürichsee-Zeitung und jeden Donnerstag die Weltwoche. «Ich treffe ihn manchmal an. Doch wenn er seine Zipfelkappe an hat, erkennt man ihn fast nicht», sagt der Zeitungsverträger. Die Arbeit macht ihm Spass, doch nach sechs Jahren hat er jetzt die Nase voll. Grund ist ein Schreiben seines Arbeitgebers: Darin kündigt die Zustellorganisation Zuvo an, sein Lohn werde gekürzt. Für rund zehn Prozent weniger soll er weiterarbeiten.

Über 2200 Frühzusteller in der Grossregion Zürich, wie die Zeitungsverträger im Jargon heissen, erhielten diesen Brief. Im Durchschnitt senkt die Zuvo die ohnehin tiefen Löhne um 9,3 Prozent, bei vielen sinkt er gar um bis zu 20 Prozent. Übrig bleibt ein Nettlohn von Fr. 17.32 pro Stunde (im Kanton Zürich gibts Fr. 18.81). Zuvo-Sprecherin Sonja Levy betont, die Firma habe die Löhne mit der Konkurrenz verglichen und realisiert, dass sie zu hoch seien. «Wir verstehen, dass die Angestellten aufgebracht sind. Aber ohne die geplante Lohnsenkung wird es für die Zuvo nicht mehr möglich sein, konkurrenzfähige Dienstleistungen zu erbringen», sagt die Firmensprecherin.

Die Angestellten wollen sich die Lohnkürzung aber nicht bieten lassen. Arbeitnehmervertreter Peter Meier verhandelt noch intensiv, betont aber, die meisten Zeitungsverträgerinnen und Zeitungsverträger seien bereit, bis zum Äussersten zu gehen und zu streiken.

«Noch mehr wegzunehmen, ist verwerflich»

Nur einen Tag bevor die Zuvo die Lohnsenkung ankündigte, verschickte die Basler Zustellorganisation Prevag an rund 500 Frühzusteller einen sehr ähnlichen Brief. Der Kostendruck bei den Zeitungen habe stark zugenommen, deshalb müssten «die Arbeitsbedingungen angepasst werden». Auch ihr Lohn sollgesenkt werden auf neu netto Fr. 19.30 pro Stunde. Wie viel die Lohnsenkung im Durchschnitt beträgt, will die Prevag auf Anfrage nicht beziffern. Die Gewerkschaft Kommunikation hat ausgerechnet, dass es um rund 15 Prozent weniger Lohn geht. «Wir werden diese Lohnsenkung nicht zulassen. Angestellten, die sowieso schon am unteren Ende der Lohnskala sind, noch mehr wegzunehmen, ist verwerflich», sagt Regionalsekretär Daniel Münger.

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Wer aber steckt hinter der konzertierten Aktion? Die Basler Prevag ist seit letztem Jahr eine 100-prozentige Tochter der Post. Bei der Zürcher Zuvo sind offiziell zwar noch die beiden Verlagshäuser TA-Media und NZZ verantwortlich. Doch seit letztem Herbst ist bekannt, dass die Post 75 Prozent der Zürcher Zuvo übernehmen will. Verzögert wurde der Deal nur deshalb, weil die Wettbewerbskommission den Fall noch prüft. Post-Pressesprecher Richard Pfister will deshalb die Lohnsenkungen der Zuvo nicht kommentieren. Bei der Prevag hingegen erklärt er, müssten die Löhne gesenkt werden, um den Zeitungsverlagen konkurrenzfähige Preise anbieten zu können.

Hintergrund der Entwicklung ist die Postmarktliberalisierung. Die Post rüstet sich für den Wettbewerb und hat deshalb etliche Firmen aufgekauft oder sich daran beteiligt, um ihre Position zu festigen. In diesen Firmen aber stehen die Löhne stark unter Druck. So deckte der Beobachter erst vor kurzem den Fall eine Fahrerin auf, die für nicht einmal 14 Franken Stundenlohn brutto für die Post unterwegs war (siehe «Artikel zum Thema»).

Für den Zeitungsverträger Heinz Jordi ist klar: «Falls die Lohnsenkung nicht rückgängig gemacht wird, höre ich auf.» Dann wird sich auch Alt-Bundesrat Christoph Blocher damit abfinden müssen, dass ihm ein neues Gesicht für noch weniger Lohn jeden Morgen die Zeitungen bringt.