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Massenentlassung bei OVSDroht 1000 Angestellten die Kündigung?

Die italienische Modekette OVS zieht sich aus der Schweiz zurück. 140 Filialen fürchten den Konkurs, eine Mitarbeiterin erzählt von prekären Verhältnissen. Welche Rechte haben Angestellte?

Kommt es bei OVS bald zu einer Massenentlassung?
von aktualisiert am 15. Juni 2018

Das Beziehungsende kam früher als erwartet: Erst 2016 hatte die italienische Modekette OVS das Schweizer Unternehmen Sempione Fashion AG (Mutterfirma des früheren Charles Vögele) übernommen. Nun trennt sich die Italienerin wieder vom Schweizer. Der Plan, das Geschäft zu einer reinen Vertriebsgesellschaft zu verkleinern und jüngere Kunden zu erreichen, ging nicht auf: Ehemalige Vögele-Kunden blieben OVS fern, Einnahmen blieben aus.

In der Schweiz kommt es nun zu einer viermonatigen Nachlassstundung: Das Unternehmen hat nun Zeit, zusammen mit seinen Gläubigern eine Lösung zu finden. So kann der Konkurs vielleicht noch abgewendet werden.

Um die Schliessung möglichst vieler der 140 Filialen zu verhindern, werden in einem ersten Schritt grosse Liquidationsverkäufe durchgeführt. Parallel dazu sucht die Sempione Fashion AG neue Käufer für die einzelnen Filialen. Interessenten gäbe es erstaunlich viele, so das Unternehmen.

Was passiert mit den Mitarbeitern?

Für die Angestellten ist die Situation schon lange mühsam: «Die Firma hat uns extrem viel abverlangt», erzählt die langjährige Mitarbeiterin Andrea Schaufer*. Seit dem letzten Winter arbeite ihre Filiale auf Hochtouren, um sich selbst vor dem Konkurs zu retten. «An freien Tagen wurde ich morgens ins Büro gerufen und musste den ganzen Tag bleiben.» Inzwischen haben sich zwei Wochen Ferien und über 160 Überstunden angesammelt, die Schaufer nicht mehr abbauen darf. Besonders schlecht war die interne Kommunikation des Unternehmens: Man habe zwar gesehen, dass die Umsätze schlecht liefen, über den drohenden Konkurs wurden die Mitarbeiter aber aus der Zeitung informiert.

«Die Kommunikation war in der Vergangenheit nicht immer einwandfrei», gibt Edwin van der Geest von der Kommunikationsberatungsagentur Dynamics Group zu, welche Sempione Fashion AG unterstützt. «Wir geben uns aber grosse Mühe, nun alle Mitarbeiter frühzeitig und fair zu informieren.»

Wie gebannt warten Schaufer und ihre Mitarbeiter nun auf einen Entscheid. «Aufgrund der genannten Umstände ist es leider unumgänglich, eine Massenentlassung Massenentlassung Welche Rechte habe ich? in Betracht zu ziehen», heisst es in einem Brief an die Mitarbeiter. Davon könnten laut Schreiben sogar sämtliche Mitarbeiter betroffen sein. Das Unternehmen ruft sie dazu auf, Vorschläge zu machen, wie allfällige Kündigungen vermieden oder ihre Folgen vermindert werden können.

Was ist eine Massenentlassung?

Massenentlassungen sind Kündigungen Kündigung Was der Arbeitgeber darf – und was nicht , die der Arbeitgeber ohne Verschulden der Gekündigten ausspricht. Betroffen sein müssen

  • mindestens 10 Arbeitende in Betrieben mit 20 bis 100 Angestellten
  • mindestens 10% der Belegschaft in Betrieben mit 100 bis 300 Angestellten
  • mindestens 30 Angestellte in Betrieben mit über 300 Beschäftigten
     

Ich habe noch offene Lohnforderungen – was mache ich damit?

Sie können Forderungen aus der Zeit vor der Nachlassstundung beim Sachwalter (ein unabhängiger Dritter, der vom Gericht ausgewählt wird) melden, wenn dieser den Schuldenruf im Schweizerischen Handelsamtsblatt publiziert hat. Sie werden zwar nicht in jedem Fall erfüllt, haben aber Vorrang vor anderen Forderungen und werden zuerst beglichen, wenn die Mittel dazu da sind. 
 

Werden die vertraglichen Kündigungsfristen eingehalten?

Ja. Es bleibt allerdings offen, ob Angestellte während der Kündigungsfrist weiterarbeiten oder nicht. Bei einer Freistellung Kündigung Was gilt bei Freistellung? wird der Lohn nicht ausbezahlt und bildet eine Nachlassforderung, die später beim Schuldenruf geltend gemacht werden kann.


Haben Mitarbeiter Anspruch auf einen Sozialplan?

Der Sozialplan ist eine Vereinbarung, in der Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Massnahmen festlegen, mit denen Kündigungen vermieden, deren Zahl beschränkt oder deren Folgen gemildert werden. Eigentlich müssen Firmen mit mehr als 250 Angestellten bei einer Massenentlassung einen Sozialplan Entlassungen Haben wir Anspruch auf einen Sozialplan? erstellen. Das gilt aber nicht, wenn es sich um eine Entlassung im Konkurs- oder Nachlassverfahren handelt.


Wie werden Überstunden während der Kündigungsfrist abgegolten?

Bei den Überstunden kommt es darauf an, was schriftlich vereinbart ist. Gibt es keine vertragliche Regelung zu Überstunden, gilt das Gesetz. Demnach sind Überstunden mit Freizeit von gleicher Dauer zu kompensieren, sofern auch der Arbeitnehmer damit einverstanden ist. Wird die Kompensation abgelehnt, müssen die Überstunden mit 25% Zuschlag ausbezahlt werden.


Was geschieht am Ende des Arbeitsverhältnisses mit meinen restlichen Ferien?

Es gilt der Grundsatz, dass Ferien immer bezogen werden müssen und nicht verfallen oder ausbezahlt werden dürfen. Dies gilt grundsätzlich auch für restliche Ferien während der Kündigungsfrist. Nur wenn der Arbeitgeber zwingende betriebliche Gründe vorbringen kann, weshalb die Ferien nicht mehr bezogen werden können oder andere Gründe (z.B. Arbeits- und Ferienunfähigkeit des Arbeitnehmenden) den Bezug verunmöglichen, dürfen Ferien ausnahmsweise am Ende des Arbeitsverhältnisses ausbezahlt werden.


Was geschieht mit meinen restlichen Ferien und Überstunden bei Freistellung?

In der Regel sind Ferienansprüche mit der Freistellung abgegolten. Ausnahmen kann es bei kurzer Freistellung geben oder wenn der Ferienbezug unzumutbar ist. Die Faustregel lautet, dass der Feriensaldo nur als abgegolten gilt, wenn der Feriensaldo höchstens einen Drittel verglichen mit der Freistellungsdauer ausmacht. Ist diese Voraussetzung nicht erfüllt, müssen die Ferien beim Vertragsende ausbezahlt werden.

Überstunden dürfen nur mit der Freistellungszeit verrechnet werden, wenn der Arbeitnehmer einverstanden ist oder wenn die Abgeltung der Überstunden durch Freizeit vertraglich vereinbart wurde. Ohne andere vertragliche Regelung müssen die Überstunden mit einem Zuschlag von 25% ausbezahlt werden.

Übrigens: Der Antritt einer neuen Stelle ist während der Freistellung erlaubt, sofern der alte Arbeitgeber dadurch nicht konkurrenziert wird. Ein Anspruch auf doppelte Lohnzahlung besteht jedoch nicht.

Mehr Fragen und Antworten zur Massenentlassung

Das Unternehmen nimmt keine Gutscheine mehr entgegen

Im Beratungszentrum des Beobachters melden sich viele Kunden, die Einkaufsgutscheine für OVS besitzen. Entgegengenommen werden diese nicht mehr: «In der Nachlassstundung sind alle Forderungen aus der Zeit vor der provisorischen Bewilligung blockiert», erklärt van der Geest. Das bedeutet, dass bis zur Findung einer Lösung weder Überstunden ausbezahlt noch Gutscheine entgegengenommen werden können. Sie können während des späteren Nachlassverfahrens geltend gemacht werden, wenn der entsprechende Schuldenruf erfolgt ist. Ob Kunden ihr Geld zurückerhalten, ist allerdings unklar. «Mit einer allfälligen Liquidationsmasse werden grundsätzlich zuerst die Lohnforderungen der Mitarbeiter entschädigt. Andere Gläubiger folgen in einem zweiten Schritt», so van der Geest.

 

*Name geändert

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Mehr zu Kündigung des Arbeitsvertrags bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

In der Schweiz können Arbeitsverträge beiderseitig zu jeder Zeit aufgelöst werden. Einen Grund für die Kündigung braucht es nicht, doch es gibt Ausnahmen. Guider-Mitglieder erfahren, welche das sind, ob sie rechtlich gesehen unter Kündigungsschutz stehen und wie sie mittels einer Briefvorlage schriftlich gegen eine fristlose Entlassung protestieren können.

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Jasmine Helbling, Online-Redaktorin

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