Seit Paul Schneider als Vorsitzender der Geschäftsleitung amtiert, kümmert man sich bei der Basler Lebensversicherungsgesellschaft Pax intensiv um das Erscheinungsbild der Angestellten. Im letzten Sommer gab die Geschäftsleitung in einem Brief an alle Mitarbeitenden den Tarif durch: keine bauchfreien Oberteile, keine sichtbare Unterwäsche, Zurückhaltung beim Décolleté. Bei den Männern sind Shorts und zerrissene Jeans tabu. Im kommenden Jahr werden die Anforderungen an die Kleidung zudem im Personalreglement festgezurrt. Schneider ist sich nicht zu schade, das Outfit seiner Untergebenen zu kommentieren, wenn dieses ihm unpassend erscheint. «Da kennt er nichts», sagt eine Mitarbeiterin. Ab und zu wird ein allzu salopp gekleideter Mitarbeiter zwecks Tenüwechsel heimgeschickt.

Der Fall Pax macht deutlich: Wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre persönlichen Vorlieben ins Arbeitsleben einbringen, liegen Konflikte in der Luft. Besonders leidenschaftlich sind die Debatten, wenn es dabei nicht nur um modische Spleens geht, sondern Kleider eine politische oder religiöse Ausrichtung erkennen lassen. Damit musste sich kürzlich die Migros sogar öffentlich auseinander setzen: Im Oktober machte der Fall einer muslimischen Kassierin Schlagzeilen, die ihren Filialleiter höflich fragte, ob sie künftig an der Kasse ein Kopftuch tragen dürfe.

Damit erwischte sie ihre Arbeitgeberin auf dem falschen Fuss. «Wir haben keine abschliessende Haltung zu diesem Thema», sagt Migros-Mediensprecher Urs Peter Naef, «es liegt in der Autonomie der Filialen, wie die Frage geregelt wird.» In einer ersten Reaktion gab die Migros-Chefetage zu bedenken, kopftuchtragende Verkäuferinnen könnten zur Zielscheibe von rassistischen Aggressionen werden. Demnächst will die Migros ihre Haltung zur Kopftuchfrage definieren.

Oft gibts Meinungsverschiedenheiten


«Das Auftreten am Arbeitsplatz – das ist ein ganz heikler Bereich», weiss Andreas Scheu von der Gewerkschaft Unia. «Man bewegt sich hier in einer juristischen und moralischen Grauzone.» Tatsächlich sind die gesetzlichen Vorgaben dürftig. Die Meinungsfreiheit der Angestellten wird eingeschränkt durch das im Obligationenrecht verankerte Weisungsrecht des Arbeitgebers, und dieses geht ziemlich weit. Der Chef darf beispielsweise das Tragen einer Uniform vorschreiben. Die Uniformpflicht führt aber kaum jemals zu Problemen, weil die Arbeitnehmenden darum wissen, bevor sie den Arbeitsvertrag unterschreiben.

Schwieriger wird es, wenn in einem Unternehmen bezüglich der Kleidung ungeschriebene Gesetze gelten. «Was erlaubt ist und was nicht, wird oft nicht ausdrücklich definiert», sagt die Arbeits- und Organisationspsychologin Catherine Müller. «Meist basieren die Verhaltensregeln auf stillschweigenden Abkommen.»

Meinungsverschiedenheiten bezüglich des Auftritts sind aber keine Seltenheit. Die Mitarbeitenden pochen auf das Recht, ihre Persönlichkeit mit ihrer äusseren Erscheinung auszudrücken. Die Chefs hingegen befürchten, dass der Ruf und der Erfolg der Firma leiden, wenn ihre Leute den Bauchnabel oder ein Tattoo zur Schau stellen. Arbeitnehmer, die am Schalter oder im Aussendienst tätig sind, sind grundsätzlich weniger frei in der Wahl ihrer Kleidung, denn sie repräsentieren das Unternehmen gegenüber den Kunden. «Im Backoffice-Bereich dürfen sich die Angestellten hingegen so anziehen, wie sie wollen», sagt Rainer Mössinger, Leiter des Rechtsdienstes des kaufmännischen Verbands.

Die Würde darf nicht tangiert werden


Oft ist jedoch unklar, wo genau das Backoffice beginnt. Für die Pax-Geschäftsleitung repräsentieren auch die Backoffice-Mitarbeiter das Unternehmen – etwa wenn sie den Lift benützen. «Wir haben oft Kunden im Haus», erklärt Peter Hohl, Leiter des Pax-Konzernstabs. «Sie erhalten keinen guten Eindruck, wenn sie im Lift oder in der Eingangshalle auf nachlässig gekleidete Angestellte treffen.»

Ob ein Angestellter mit seiner Aufmachung aneckt, hängt auch von den Gepflogenheiten der Branche ab. Eine Tätowierung stört in einer Bank eher als in einer Töffwerkstatt. «Sich als Bankangestellter den Unterarm oder den Hals tätowieren zu lassen ist auch heute noch gleichbedeutend mit einer Kündigung», heisst es denn auch warnend auf der Website des Zürcher Tattoostudios Skin Art Factory.

Zu Problemen kann freilich auch der umgekehrte Weg führen – wenn der Chef ein Outfit nicht verbietet, sondern verordnet. So verlangte beispielsweise während der letzten Fussball-Europameisterschaft eine Warenhauskette vom Verkaufspersonal, an den Spieltagen mit Schweizer Beteiligung T-Shirts mit der Aufschrift «Hopp Schwiiz» zu tragen. Einer Portugiesin, die sich weigerte, das Leibchen zu tragen, drohte der Vorgesetzte mit der Kündigung. «Dieses Verhalten war illegal», stellt Gewerkschafter Andreas Scheu klar. «Wir haben interveniert und erreicht, dass die Verkäuferinnen, die das Leibchen nicht tragen wollten, an den betreffenden Tagen freinehmen konnten.» Scheu fügt an: «Solche Kleidervorschriften tangieren die Würde des Personals.»

Buchtipps

  • Birgit Jakobowsky: «Dressed for Success»; Eichborn-Verlag, 2002, Fr. 26.90 (für Frauen)

  • Eva Ruppert: «Das perfekte Business-Outfit»; Verlag Moderne Industrie, 2003, Fr. 31.70 (für Frauen und Männer)