«Wir waren einfach naiv», sagt Muriel Rhyner, Sängerin der Zuger Rockband The Delilahs. 2005 entdeckt, rockte das Trio bereits 2006 schweizweit ein Massenpublikum und beeindruckte mit zwei Auftritten in London. Hiesige Musikjournalisten sahen die drei Frauen bereits mit Gitarre, Bass und Schlagzeug in Wachs gegossen im Rockolymp stehen, zwischen Rolling Stones und Janis Joplin. An diesem Szenario nicht unbeteiligt war das Management der vielversprechenden Band, die Zuger Firma Fish Food Music. Man sah das Potential der drei Frauen und trieb sie kräftig an. Fish Food Music sei «das Beste, was uns passieren konnte», sagte Muriel Rhyner damals zu einem Journalisten. Und alle glaubten es. Und alle warteten auf die erste Delilahs-CD, die schon 2005 angekündigt worden war. Aber ein Tonträger der Hype-Band blieb aus. Grund: Die drei hatten - jung, ambitioniert und gutgläubig wie sie waren - Verträge unterzeichnet, «deren Inhalt wir nicht verstanden», wie die Sängerin rückblickend erklärt.

Es stellte sich heraus, dass es Knebelverträge waren. Die Band hatte zu viele Rechte abgetreten. Ihr Mitspracherecht war extrem eingeschränkt, Unstimmigkeiten mit dem Management blockierten schliesslich auch ihr CD-Projekt. Und die Band konnte die Geschäftsbeziehung auch nicht ohne weiteres auflösen: «Unser Vertrag enthält eine Klausel, die besagt, dass wir dem Management auch nach Beendigung der Zusammenarbeit finanziell verpflichtet sind - während weiterer 15 Jahre», sagt Rhyner. «Aber wir hatten das Gefühl, wir würden ohne diesen Schritt die Chance unseres Lebens verpassen.»

Blindlings ins Unglück

Martin Stricker erging es als Teenager mit seiner Metal-Band Celtic Frost ähnlich. Anfang der achtziger Jahre − alle Bandmitglieder waren 18 oder jünger − verschickte Celtic Frost Demotapes. Schliesslich bot eine Berliner Plattenfirma einen Vertrag an. Ein «Seelenverkauf»-Vertrag, wie Bassist Stricker heute sagt. Einer, mit dem ihnen die Plattenfirma «vorne ganz viele Rechte einräumte, die sie zuhinterst in komplizierter Juristensprache alle wieder rückgängig machte». Die Band wurde berühmt, brachte es aber auf keinen grünen Zweig. Auch Aussteigen ging nicht: «Wenn ein Vertrag sogenannte Optionen von Seiten der Plattenfirma enthält, können sie immer wieder sagen, dass sie noch eine weitere Platte von dir wollen», sagt Stricker.
Eric Kramer, der mit seiner Firma Gadget die Basler Popband Lovebugs, den erfolgreichsten Schweizer Rapper Stress und die «Musicstar»-Entdeckung Baschi managt, ist nicht überrascht, dass sich auch heute noch viele Musiker blindlings ins Unglück stürzen: «Im Musikgeschäft prallen zwei im Grundsatz verschiedene Welten aufeinander: Kreative hier, Businessleute dort.» Er selber lässt die Künstler an wichtigen Entscheidungen teilhaben, so zum Beispiel beim Budgetieren von Ausgaben für Studiomiete und Werbung.

Allerdings hat Kramers Management- und Konzertunternehmen im hiesigen Business auch neue Beteiligungen eingeführt − die den Musikern beim Unterzeichnen von Verträgen noch mehr Vorsicht abverlangen. Diese «360-Grad-Verträge», wie Kramer sie nennt, beteiligen das Label nicht nur an den CD-Verkäufen, sondern auch an den Einnahmen aus Live-Auftritten und Merchandising. Sie machen heute Schule: Auch die grossen Plattenfirmen wenden sie an und sichern sich so neue Einkommensmöglichkeiten, die umso willkommener sind, seit der Umsatz aus CD-Verkäufen wegen der Downloads im Internet dramatisch eingebrochen ist.

Popgrössen wie Prince erging es ähnlich

Doch der Kuchen ist nicht beliebig gross. Was sich die Firmen an zusätzlichen Einnahmen sichern, geht zu Lasten der Künstler. Poto Wegener warnt Musiker denn auch davor, die Plattenfirma an Konzerteinnahmen zu beteiligen. Wegener schrieb mit dem Buch «Musik & Recht» ein Standardwerk für Musiker und Musikerinnen, die sich dem Business nicht unwissend ausliefern wollen. Als Jurist bei der Urheberrechtsgesellschaft Suisa berät er zudem Mitglieder individuell. Die Verträge der wieder auferstandenen Band Celtic Frost mit ihrem neuen Label hat er genau geprüft - bevor die Band unterzeichnete.

Auch die Delilahs wagen, von einem Anwalt beraten, den Neustart. Welche Konsequenzen der Bruch mit dem alten Management für sie haben wird, ist noch unklar. Dieses will gegenüber dem Beobachter keine Stellung nehmen, solange der Rechtsstreit läuft. Aber allzu grosse Sorgen muss sich das Trio wohl nicht machen, denn laut Gesetz müssen «beide Parteien eines Managementvertrags zwingend über ein jederzeitiges Kündigungsrecht verfügen», sagt Poto Wegener. Gute Nachricht für die Delilahs - und alle anderen Bands, die sich in der Hoffnung, Erfolge zu feiern, in Abhängigkeit stürzen. Das passiert übrigens nicht nur jungen Schweizer Bands: Die britische Popband Wham! und der amerikanische Musiker Prince kämpften jahrelang gegen ihre Plattenfirmen, weil sie sich ausgenutzt fühlten.

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«The Delilahs»

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