Er hat einen Fehler begangen - das bestreitet Werner M. (Name der Redaktion bekannt) gar nicht. «Am schlimmsten für mich war und ist bis heute, mit der Last zu leben, dass ich mich so verantwortungslos verhalten habe», sagt der 52-jährige Software-Entwickler. Er hat am PC seines ehemaligen Arbeitsplatzes bei der Swisscom im Internet Sexseiten aufgerufen. Der Verstoss kam ans Licht, weil eine der besuchten Seiten im Sicherheitssystem einen Virenalarm auslöste.

Die internen Weisungen der Swisscom verbieten den Besuch solcher Seiten. «In schweren Fällen ist mit der Auflösung des Arbeitsverhältnisses zu rechnen», steht dort. Bei Werner M., so kam der Personalverantwortliche zum Schluss, handle es sich um einen schweren Fall. Er habe im Internet Sexseiten besucht, sogar solche, deren Konsum das Gesetz unter Strafe stellt, hielt der Personalverantwortliche in einem Protokoll fest. M. unterschrieb. «Ich war verängstigt und stand unter Schock.» Am Tag danach erhielt er die Kündigung.

Die folgenden Tage gehören für den Vater zweier Kinder zu den schlimmsten seines Lebens. Da die Kündigungsfrist noch lief, fuhr er weiterhin zur Arbeit - als ob nichts wäre. Bis ihn nach 14 Tagen seine Frau Magdalena fragte, ob er eine Diät mache: Werner M. hatte kaum mehr gegessen. Da erzählt er ihr von der Entlassung. Magdalena M.: «Für mich war die Situation brutal. Nachdem ich das Protokoll gesehen hatte, fragte ich mich: Habe ich jahrelang mit einem Verbrecher zusammengelebt?»

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Ein Protokoll voller Übertreibungen

Nun schaute sich auch Werner M. das Protokoll näher an und sah: Es steckte voller Fehler. Er hatte zugegeben, in zweieinhalb Jahren insgesamt während knapp 15 Minuten Sexseiten besucht zu haben. Der Personalverantwortliche hatte daraus gemacht: täglich eine Viertelstunde. Auch sonst hatte der Vorgesetzte übertrieben: Die Seiten fielen mitnichten unter die Bestimmungen des Pornographie-Paragraphen.

Werner M. reklamierte. Die im Computer gespeicherten Aufzeichnungen stützten seine Darstellung vollumfänglich. Die Swisscom musste nachgeben. Erst strich sie in einer Neufassung des Protokolls den Vorwurf des Konsums harter Pornographie und erklärte dann das Protokoll für «obsolet». Werner M., der bis dahin stets tadellose Arbeitszeugnisse erhalten hatte, hoffte nun auf eine Annullierung der Kündigung. Die Ausgangslage hatte sich ja radikal verändert.

Nicht für die Swisscom. Bei «wohlwollender Auslegung des Vorfalls» könne Werner M. «kein strafbares Verhalten» zur Last gelegt werden, schreibt der Personalverantwortliche. Es handle sich aber dennoch um einen «krassen Verstoss» gegen die internen Weisungen. Vom Kündigungsentscheid wurde nicht abgerückt.

Seither sind zwei Jahre vergangen. Werner M. ist ausgesteuert. Er hat über 200 Bewerbungen verschickt - ohne Erfolg. Die Familie kann sich finanziell über Wasser halten, weil Magdalena M. ihr Pensum aufgestockt hat. Es bleibt nur der schwache Trost, dass selbst das Bundesgericht M. recht gab: Es könne «nicht von einem schweren Fall gesprochen werden, bei dem gleich ohne Verwarnung mit der Entlassung zu rechnen war». Vielmehr sei das Selbstverschulden «mittelschwer im untersten Bereich» anzusiedeln, urteilten die Bundesrichter und reduzierten die von der Arbeitslosenkasse verfügte Kürzung der Arbeitslosengelder massiv.

Sicher sei der Massstab «vergleichsweise streng», schreibt Beatrice Brack, Leiterin der Swisscom-Personalabteilung. Er «entspringt aber unserem Wertverständnis zu diesem Thema». Ein ganz anderes Wertverständnis kommt bei der Swisscom zum Zug, wenn Geld im Spiel ist, etwa bei den 0906-Sex-Telefonnummern: Die Nummern dürften Beträge in Millionenhöhe in die Kasse des Konzerns spülen. Was die ehemalige Stelle von Werner M. angeht - sie wurde nicht wieder besetzt.

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